Podcast | Folge: 139 | Dauer: 39:56

Auf „Hof Sterneby” helft ihr schwer traumatisierten Kindern – wer kommt zu euch, Ines Tietje?

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[00:00:00.350] - Ines Tietje 

Also der eine Junge, der von Anfang an bei uns gewohnt hat, also der hat in dem einen Jahr Scheiben im Wert von 12.000 Euro kaputt gemacht.

[00:00:07.730] - Nadia Kailouli 

Okay.

[00:00:08.280] - Ines Tietje 

Ja, und also mit Eisenstangen auf uns los, von der Schule geflogen, weil er die Lehrer mit Steinen beschmissen hat. Alles. Echt. Und der aber mittlerweile, also - das ist so die Freude meines Herzens, wirklich, wie der sich entwickelt hat. Und der war auch super, super, super bindungsgestört.

[00:00:28.170] - Nadia Kailouli 

Hi, herzlich willkommen bei einbiszwei, dem Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Ich bin Nadia Kailouli und in diesem Podcast geht es um persönliche Geschichten, um akute Missstände und um die Frage, was man tun kann, damit sich was ändert. Hier ist einbiszwei. Schön, dass du uns zuhörst! 

Wenn Kinder schon früh sexualisierte Gewalt erleben, sind sie meist schwer traumatisiert. Sie werden oft verhaltensauffällig, teilweise auch sehr aggressiv und brauchen deshalb besonders viel Aufmerksamkeit. Um traumatisierten Kindern genau das zu bieten, hat Ines Tietje das Kinderschutzhaus Hof Sterneby in Beringstedt in Schleswig-Holstein gegründet. Bis zu zehn Kinder im Alter von sechs bis 18 können hier wohnen und werden von fast 20 Pädagog*innen traumasensibel betreut. Die Kinder erleben hier meistens zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sie in Sicherheit sind. Wie das genau funktioniert auf Hof Sterneby erzählt uns Ines am besten selbst. 

Ich freue mich sehr, dass heute Ines Tietje bei uns ist. Herzlich willkommen!

[00:01:35.020] - Ines Tietje 

Danke!

[00:01:35.760] - Nadia Kailouli 

Ines, ich musste total schmunzeln bei einem Satz, den du gesagt hast, und zwar, dass du für dich das Gefühl hattest, ich muss irgendwie was Sinnvolleres in meinem Leben machen. Dazu muss man sagen, du bist Juristin und bist dann Traumapädagogin geworden. Und ich musste so schmunzeln, weil ich dachte, hä, als Juristin macht man doch irgendwie was Sinnvolles im Leben. Aber es...Irgendwas hat dich dazu bewogen zu sagen: Nee, ich will jetzt Traumapädagogin werden. Kannst du mal sagen, warum? Also was war das so, was dich dahin gebracht hat?

[00:02:06.630] - Ines Tietje 

Ja, ich glaube, da muss ich ein bisschen ausholen. Tatsächlich, ich bin mit 35 an Brustkrebs erkrankt. Genau. Und da habe ich so ganz viel infrage gestellt und habe geguckt: Warum bin ich eigentlich die geworden, die ich geworden bin? Und man muss sagen, dass ich ziemlich bindungstraumatisiert bin. Und ich habe dann von der Juristerei schon mal auf Mediation gewechselt. Das fand ich tatsächlich sinnvoller als die „normale Juristerei“ in Anführungsstrichen für mich, weil da geht es ja darum zu gucken, was liegt darunter unter dem Streit. Genau. Und dann war es aber irgendwann so, dass ich gedacht habe: Nee, das ist es noch nicht ganz. Und ich war auf so einem Meditationsretreat. Genau. Und da war die Frage: Was willst du mit deinem beruflichen Leben anfangen? Und dann kam die Vision von so einem Kinderschutzhaus, wie ich es gebraucht hätte, als ich Kind war.

[00:02:53.530] - Nadia Kailouli 

Genau, das ist nämlich das. Du bist nämlich nicht nur Traumapädagogin in dem Sinne, dass du eben traumapädagogisch unterwegs bist, sondern du hast dann eben vor ein paar Jahren gesagt: Okay, ich möchte einen Ort schaffen, wo man eben Kinder traumapädagogisch betreuen kann, begleiten kann. Und daraus ist der Hof Sterneby entstanden. Ein wunderschöner Name. Vielleicht kannst du das, du hattest es mir eben, bevor wir losgelegt haben, erklärt. Aber Sterneby steht für...?

[00:03:21.910] - Nadia Kailouli 

Ja, By ist ja das friesische Wort für Dorf und Sterne: Sterne-Dorf. Genau. Und so Kinderseelen, da gucke ich ja gerne drauf, so als - wie gesagt, das sind so die Sterne in unserem Leben. So ist es irgendwie für mich.

[00:03:34.350] - Nadia Kailouli 

Jetzt muss man vielleicht noch ein bisschen weiter vorne anfangen, weil ich mir denke: Ja okay, da ist jetzt eine Frau, die eine traumapädagogische Ausbildung macht, als Traumapädagogin nun anerkannt arbeiten kann und dann losgeht und sagt, so, jetzt kaufe ich mir einen Hof. Das klingt so ein bisschen wie...

[00:03:48.640] - Ines Tietje 

Ja, so ganz stimmt das auch nicht tatsächlich. Also ich hatte diese Vision und daraufhin habe ich dann die Traumapädagogenausbildung gemacht, um zu gucken: Kann ich das wirklich? Stimmt das überein? Stimmt meine Vision, die ich vom Konzept habe, überein mit den neuesten Erkenntnissen, die es gibt? Und dann habe ich diese Ausbildung gemacht als Traumapädagogin. Genau, bin zugelassen worden, tatsächlich weil ich Juristin bin und die gerne wollen, dass auch in die Juristerei das Wissen um Traumapädagogik sickert. Weil viele Familiengerichte keine Ahnung haben, muss man sagen, woher auch? Und dann ganz komisch entscheiden, auch in Sorgerechtsfällen oder wenn Jugendämter empfehlen, die Kinder rauszunehmen, dass wenn Richter dann sehen, oh, die laufen aber auf Papa zu, wo ist das Problem? Und nicht verstehen, dass das eine Bindungsstörung ist. Deshalb bin ich zugelassen worden. Eigentlich werden da nur Psychologen und Pädagogen zugelassen. 

[00:04:41.490] - Nadia Kailouli 

Ah, okay, interessant. 

[00:04:42.620] - Ines Tietje 

Ja, total interessant. Und dann hatte ich die Ausbildung fertig und habe mit der Ausbildungsleiterin Daniela Feuerhak - das ist auch echt eine total anerkannte Traumapädagogin, ich glaube, die darf sogar traumatherapeutisch arbeiten mittlerweile - habe meine Vision geteilt und dann hat sie gesagt: Also wenn du Kapazitäten hast, machen! Und man muss dazu wissen, also da brauchst du schon ein bisschen Geld, dafür gibt dir keine Bank einen Kredit. Und es kam dann so, dass wir eine Firma verkauft haben, beziehungsweise mein Mann. Aber dann war eben Geld da und er war damit einverstanden - zwar zähneknirschend, weil das ist kein Renditeobjekt -, dass wir da rein investieren. Genau.

[00:05:19.490] - Nadia Kailouli 

Okay, jetzt hast du von einem Konzept eben gerade gesprochen, für dich selbst die Frage gestellt: Passt meine Vision, mein Konzept überhaupt in diese Form von...Also geht das auf, was ich denke, was Kindern helfen könnte, die aus...und da kommen wir vielleicht gleich noch mal drauf, woher Kinder eigentlich kommen und für welche Kinder sozusagen dieser Hof geeignet ist. Was war denn dein Konzept? Was möchtest du mit Hof Sterneby denn erreichen? Oder welcher Ort soll das sein?

[00:05:47.380] - Ines Tietje 

Sehr gute Frage. Genau. Also Kinder- und Jugendhilfe hat ja eine relativ schlechte Quote, wenn es darum geht zu gucken, wenn die entlassen werden, wie ist es dann? Können die ein selbstbestimmtes, selbstwirksames Leben leben? Ist leider oft nicht der Fall. Und aus meiner Wahrnehmung ist es so: Was es dafür braucht, ist ja so eine gefühlte innere Sicherheit. Das haben die Kinder nie, die zu uns kommen. Also traumatische Erfahrungen sind ja dadurch gekennzeichnet, dass man Ohnmacht und Hilflosigkeit empfindet und Machtlosigkeit, dass es ein totaler Machtmissbrauch ist. Und das...So kommen die in die Welt, so kommen die zu uns. Dieses Gefühl haben die. Und also wir gucken drauf: Also zum Ersten ist die Haltung, dass...

Die Pädagogik des guten Grundes ist so eine Grundhaltung, die ich von meinen Mitarbeitenden gerne hätte. Das heißt, dass man immer weiß, egal wie die gerade ausrasten oder wie die sich verhalten, das sind echt Überlebensstrategien. Und ich habe letztens Überlebenszauber gehört, finde ich ganz schön, will ich übernehmen. Genau. Und das wäre also, die meinen ja nie uns, die meinen es nie böse, die wissen sich in dem Moment nicht anders zu helfen. Und es hat die auch überleben lassen. Das ist wirklich so. Und das ist aber natürlich nichts, was in unserer Gesellschaft funktioniert, weil es meistens mit Grenzüberschreitungen bei anderen zu tun hat. Und das geht nicht. Aber wir möchten gerne erreichen, dass die Kinder es hinbekommen, so diese logische Sekunde einzubauen, wenn sie wütend werden, einmal zu merken: Oh, ich werd wütend. Und dann ist die Wut ja nichts Schlechtes. Wut ist gut. Dient der Grenzsetzung von den Kindern, die selber so viel verletzt wurden. Das ist total wichtig und gut. Nur man kann die ja so oder so einsetzen. Also wir wollen nicht die Wut wegmachen.

[00:07:34.260] - Nadia Kailouli 

Aber ihr wollt einen Umgang damit beibringen.

[00:07:35.850] - Ines Tietje 

So, genau.

[00:07:37.300] - Nadia Kailouli 

Vielleicht fangen wir jetzt an dieser Stelle an, mal darüber zu reden: Welche Kinder kommen zu euch und was haben diese Kinder erlebt und warum kommen sie gerade zu euch? Wie findet man überhaupt dann den Weg zu sagen: Okay, dieses Kind kann jetzt bei euch leben?

[00:07:51.040] - Ines Tietje 

Also es läuft ja so, dass die entsendenden Jugendämter, so nennt man das, das sind die örtlich zuständigen Jugendämter, es richtet sich nach dem Wohnort der Eltern, die stellen uns Anfragen. Und tatsächlich war so eine Sorge von mir, als ich das eröffnet habe, wo kommen die Kinder her? Und das weiß ich bis heute nicht, wie das passiert ist. Ich habe gleich Anfragen bekommen. Frag mich nicht wie.

[00:08:10.780] - Nadia Kailouli 

Wo sind denn die Kinder, bevor sie...Also damit jetzt alle, die sagen, oh Gott, oh Gott, da werden die Kinder aus den Familien gerissen. So ist es ja nicht, oder?

[00:08:16.740] - Ines Tietje 

Tatsächlich nicht. Wir haben also ein Kind, haben wir, das ist von zu Hause gekommen, aber das war auch so in Abstimmung mit dem leiblichen Vater. Das ist alles okay, das gibt es auch. Aber aller meistens haben wir tatsächlich Kinder, die schon so ein Einrichtungs-Hopping hinter sich haben.

[00:08:33.740] - Nadia Kailouli 

Also die in irgendwelchen von den Jugendämtern betreuten Einrichtungen wohnen, weil sie aus familiären Verhältnissen kommen, wo Missbrauch stattgefunden hat, Gewalt stattgefunden hat?

[00:08:44.500] - Nadia Kailouli 

Ja. Also es hörte sich auch eben - wenn du fragst, oh man, die werden aus den Familien genommen. Aber das ist das allerletzte Mittel und meiner Meinung nach oft zu spät. Weil es ist ja klar: Je länger die in diesen Verhältnissen leben, je länger die missbraucht werden, desto mehr haben sich die neuronalen Netzwerke im Gehirn ja auch so gebildet, desto länger dauert das, bis du die neu überschreiben kannst. Ist ja irgendwie so logisch. Also ich finde, dass man oft zu lange wartet. Das hat aber auch damit zu tun, dass es nicht genug gute Einrichtungen gibt, gibt gar nicht genug Plätze.

[00:09:15.960] - Nadia Kailouli 

Wo sich intensiv mit dem Erlebnis Kindes auseinandergesetzt wird - meinst du das?

[00:09:20.610] - Ines Tietje 

Ja, ja, tatsächlich, wo auf die Kinder geschaut wird. Also ich denke ja, man darf individuell schauen und es gibt natürlich viele Einrichtungen...Also Geld ist immer ein Thema und es geht um Tagessätze und es wird einfach immer natürlich versucht, so kostengünstig wie möglich zu arbeiten. Heißt: Personal wird eingespart, Fortbildungen werden nicht bezahlt und so, und dann ist das so ein Teufelskreis. Dann werden die mehr verwahrt, als dass pädagogisch gearbeitet werden kann auch.

[00:09:50.760] - Nadia Kailouli 

Dann ist es eher so, man lebt in einer Betreuungsunterkunft, was hoffentlich weniger schlimm ist als zu Hause, wo sozusagen der Missbrauch, die Gewalt oder keine Ahnung was nicht mehr stattfindet. Aber so richtig traumapsychologisch, traumapädagogisch auseinandergesetzt mit dem, was das Kind erlebt hat, wie du gerade sagtest, fehlen oft die Kapazitäten.

[00:10:10.280] - Ines Tietje 

Es ist so, genau so.

[00:10:11.140] - Nadia Kailouli 

Was ist anders an euch?

[00:10:13.410] - Ines Tietje 

Also ja, anders ist, dass wir ganz viel Fortbildung machen. Bei uns werden tatsächlich alle Mitarbeitenden traumapädagogisch geschult. Alle. Wir machen jetzt eine Schulung Mitte April auch für die Fahrer. Wir haben zum Beispiel viele Minijobber, die Fahrten übernehmen, weil unsere Kinder oft nicht auf die Regelschule gehen können, die am Ort ist, sondern auf besondere Schulen müssen oder Regelschule, die aber nicht am Ort ist. Und auch die kriegen jetzt diese Schulung. Das ist das Besondere, würde ich sagen. Dann, dass wir Einzelsupervision machen. Jeder Mitarbeitende verpflichtet sich im Arbeitsvertrag, einmal bis zweimal im Monat Einzelsupervision zu nehmen, um sich zu reflektieren, zu gucken: Was hat die und die Situation mit mir gemacht? Was war vielleicht auch mein Anteil? Weil wir bringen ja ganz viel mit, wir Mitarbeitenden, die Kinder natürlich auch. Aber du kannst die Uhr danach stellen, wenn du einen schlechten Tag hast, dann passiert auch was. Also das weiß man ja, dass diese Spiegelneuronen, das geht ja ohne Zeit und Raum sozusagen. Also wenn jemand den Raum betritt von uns Mitarbeitenden und hat einen total bescheuerten Tag, dann überträgt sich das.

[00:11:22.700] - Nadia Kailouli 

Das überträgt sich sozusagen auf die Kinder.

[00:11:24.140] - Ines Tietje 

Sofort.

[00:11:24.800] - Nadia Kailouli 

Okay.

[00:11:25.350] - Ines Tietje 

Das ist echt ein Spiegel, ja.

[00:11:26.630] - Nadia Kailouli 

Was passiert dann?

[00:11:28.100] - Ines Tietje 

Na ja, dann zeigen die ihre altbewährten Muster sozusagen. Genau.

[00:11:32.400] - Nadia Kailouli 

Vielleicht können wir ein bisschen darauf eingehen. Was sind denn so nach euren Erkenntnissen und nach deinen Erkenntnissen Muster, traumatische Verhaltensweisen, die Kinder so ans Tageslicht bringen, die darauf zurückzuführen sind, dass sie eben Missbrauch innerhalb der Familie erlebt haben, egal welcher Form.

[00:11:49.900] - Ines Tietje 

Also diese Aggressions- und Impulsdurchbrüche auf jeden Fall. Das sind auch die, die am dollsten auffallen und die Gesellschaft nicht haben will. Auch Schule und so, das wollen die alles nicht haben. Aber nach meiner Erfahrung ist es so, dass du damit eigentlich am besten arbeiten kannst. Es gibt ja auch Verhaltensweisen, die sind schwerer zu identifizieren, so Vermeidung zum Beispiel. Das geht los mit nicht zur Schule gehen können und dann hat man Bauchweh, mein Fuß tut weh, Kopfschmerzen. So, und es gibt ja auch tatsächlich so diese depressiven Verstimmungen und da ist wirklich schwer ranzukommen, dass die wirklich keinen Sinn sehen und morgens nicht aufstehen können, sich wie gelähmt fühlen. Es hat mit diesem Freeze-Zustand zu tun, wenn man das autonome Nervensystem anguckt. Dann ist das wirklich die Phase, wo man schwer rankommt, finde ich.

[00:12:41.820] - Nadia Kailouli 

Wie kommt man überhaupt ran? Also wie arbeitet ihr und wie lebt ihr mit den Kindern in dieser Jugendeinrichtung, auf diesem Hof eben zusammen? Wie sieht dieser Alltag aus?

[00:12:52.250] - Ines Tietje 

Also wir haben ein Dreischichtsystem, da macht...Frühdienst, Spätdienst sind die meisten, weil die Kinder dann zu Hause sind und Nachtbereitschaften. Da würde man denken, oh, das ist ja schwierig irgendwie so, aber wir arbeiten bindungsorientiert und das geht sehr gut. Es geht, glaube ich, auch gut, weil jeder Mitarbeitende eben weiß: Weißte was, ich habe auch wieder frei und kann da rausgehen. Es gibt ja auch das Konzept der innewohnenden Einrichtung, familienanalog, und das kann super gut funktionieren. Ich glaube nur, dass es sinnvoll ist im Sinne von Psychohygiene, die wir machen müssen, wir Mitarbeitenden, auch mal die Tür zuzumachen.

[00:13:29.690] - Nadia Kailouli 

Das heißt, dass die Leute oder die Mitarbeitenden jetzt eben nicht 24 Stunden dort sind, sondern dass man sich abwechselt?

[00:13:35.990] - Ines Tietje 

Das Längste sind 12 Stunden. Genau.

[00:13:38.880] - Nadia Kailouli 

die man am Stück auf dem Hof verbringt. Und was heißt bindungsorientiert arbeiten?

[00:13:42.810] - Ines Tietje 

Das heißt, dass wir, also, wir...Ganz praktisch haben wir das Bezugsbetreuersystem. Das haben viele. Bei uns ist aber auch eine Besonderheit, dass sich die Kinder das aussuchen dürfen und die dürfen also auch wechseln. Also wenn sich rausstellt: Ich dachte, ich habe mit dem Betreuer einen richtig guten Draht, aber es fängt vielleicht einer an, mit dem es noch besser klappt, dann darf man auch wechseln und dann ist auch keiner von den Betreuern beleidigt. Das ist total cool. Und dann sind wir oft so gut besetzt. Also mittlerweile habe ich ein echt - toi toi toi - stabiles Team, die alle eine ähnlich gute Haltung haben. Und seitdem wir das haben, sind wir immer ganz gut besetzt. Und dann gibt es auch feste Zeiten, wo der Bezugsbetreuer eins zu eins was mit dem Kind oder Jugendlichen macht.

[00:14:27.780] - Nadia Kailouli 

Okay, und das heißt, die sind dann sozusagen im Wechsel immer als betreuende und pädagogische Person auf dem Hof und betreuen die Kinder. Wenn wir darüber reden, dass man Bezugspersonen hat und so, ist das dann so eine Art Therapie? Sind die Kinder dann sozusagen bei euch gleichzeitig dann nach der Schule, zwischen Mittagessen und ich weiß nicht was, Freizeit immer in einer Therapiestunde mit den Betreuern? Oder wie kann man sich das vorstellen?

[00:14:52.310] - Ines Tietje 

Nee, das würde ich nicht sagen. Aber wir haben jetzt demnächst eine Fortbildung bei einem Psychologen, der auch sagt, das pädagogische Setting macht eigentlich die Hauptarbeit. Also ich sage mal so, ich kenne viele Psychologen, die sagen, ihr bildet das Fundament. Das wirkt die ganze Zeit so im Untergrund und irgendwann sieht man so die Früchte. Und wir sind ja jetzt dreieinhalb Jahre am Arbeiten und es wohnen auch einige Kinder von Anfang an bei uns und da ist es jetzt so, da ploppt das so hoch, die ganzen guten Sachen sozusagen.

[00:15:23.890] - Nadia Kailouli 

Okay, und vielleicht kannst du noch mal sagen, also die Kinder, die jetzt bei euch sind, wie sind die zu euch gekommen, die jetzt bei euch leben?

[00:15:29.610] - Ines Tietje 

Genau über die Anfragen der entsendenden Jugendämter.

[00:15:32.440] - Nadia Kailouli 

Die haben bei euch gefragt, hier, wir haben...Und wie entscheiden die das, welches Kind?

[00:15:36.110] - Ines Tietje 

Na ja, weil die so eine Not haben, sind die, glaube ich, einfach froh, oft einen Platz zu finden für das Kind. Da war gar nicht so wichtig, wie unser Konzept aussieht, habe ich das Gefühl. Jetzt im Nachhinein ist es so, die, die schon länger bei uns sind, die haben dann eine richtige Würdigung für unsere Arbeit. Das ist total toll.

[00:15:55.140] - Nadia Kailouli 

Und wie sieht der Alltag aus? Also wie können wir uns den Alltag des Kindes vorstellen, das bei euch lebt?

[00:16:00.640] - Ines Tietje 

Es ist schon ziemlich familiär. Also morgens ist immer ein Kampf, aufstehen, zur Schule. Ich glaube, es ist wie überall. Genau. Und dann kommen die Kinder leider auch unterschiedlich aus Schule und deshalb essen wir mittags nicht zusammen. Aber abends essen wir immer zusammen Abendbrot. Genau. Und dann haben die Kinder aber tatsächlich - jeder macht Therapie. Bei uns gibt es nicht so viele Voraussetzungen. Aber was wir schon besprechen mit den Kindern, die ankommen, ist: Innere Arbeit muss gemacht werden. Das löst sich nicht von alleine, das, was man erlebt hat und die Trauma-Folgestörung, die man mittlerweile hat.

[00:16:36.480] - Nadia Kailouli 

Und wie vermittelt man das dann in diesem...

[00:16:38.550] - Ines Tietje 

Das kommt drauf an, wie alt die sind.

[00:16:40.170] - Nadia Kailouli 

Okay.

[00:16:40.630] - Ines Tietje 

Ja, ja.

[00:16:41.110] - Nadia Kailouli 

Hast du Beispiele von verschiedenen Altersgruppen, wie man das vermitteln kann oder wie dann die tatsächlich auch das dann auf diesem Hof dann auch läuft. Also wie sieht die innere Arbeit eines Kindes aus?

[00:16:52.870] - Ines Tietje 

Ja, die dürfen sich tatsächlich aussuchen, mit wem sie arbeiten. Wir haben ja ein riesen Therapeutennetzwerk. Ich glaube, das ist auch ein Unterschied zu vielen anderen Einrichtungen. Wenn du magst, erzähl ich mal ein paar Beispiele. Also wir haben zum Beispiel jemanden, der arbeitet mit so einer freilaufenden Pferdeherde. Das ist Hammer. Dann haben wir eine SE-Therapeutin, das ist Somatic Experience, das ist so körperorientiert und eben Regulierung des autonomen Nervensystems. Und die hat auch Schafe, Esel...Und die macht aber auch so Filzen, Wolle filzen und so solche haptischen Sachen. Dann haben wir eine Kunsttherapeutin, die kommt einmal im Monat ins Haus. Eine Osteopathin. Das ist nicht richtig Therapie, das ist einfach so: Okay, die reguliert auch das Nervensystem und bringt die Energie zum Fließen. Und dann dürfen Kinder, also ich habe oft ein Gespür, was zu denen passen könnte. Und dann gucken die sich das an. EMDR haben wir auch noch, die kommt auch einmal im Monat. Das ist richtig cool.

[00:17:48.290] - Nadia Kailouli 

Vielleicht musst du EMDR auch noch mal ganz kurz...

[00:17:49.830] - Ines Tietje 

Ja, dieses Eye Movement... 

[00:17:53.450] - Nadia Kailouli 

Es ist auch eine Traumatherapie.

[00:17:54.690] - Ines Tietje 

Genau, es bilden sich ja diese neuronalen Netzwerke nach traumatischen Erfahrungen und die werden dann aufgelöst und gute neue neuronale Netzwerke gebildet. Genau, also wir haben alles Mögliche und ich habe oft ein gutes Gespür, was zu welchem Kind passen könnte, auch welche Person. Dann probieren die das aus und abgemacht ist, die müssen sich das dreimal angucken. Also die dürfen jetzt nicht nach dem ersten Mal sagen: Alles Kacke. Und genau, und dann arbeiten die mit demjenigen.

[00:18:20.840] - Nadia Kailouli 

Und so wie ich das jetzt die ganze Zeit bei dir verstehe, geht es tatsächlich immer darum oder meistens darum, dass Kinder nicht nur wütend werden, sondern dass sie dann aggressiv werden.

[00:18:30.340] - Ines Tietje 

Ja, kann man so sagen.

[00:18:32.850] - Nadia Kailouli 

Und das ist dann sozusagen zurückzuführen auf die Gewalt, den Missbrauch, den sie zu Hause erlebt haben.

[00:18:37.340] - Ines Tietje 

Ja, also der eine Junge, der von Anfang an bei uns gewohnt hat, also der hat in dem einen Jahr Scheiben im Wert von 12.000 Euro kaputt gemacht.

[00:18:44.110] - Nadia Kailouli 

Okay.

[00:18:44.650] - Ines Tietje 

Ja, und also mit Eisenstangen auf uns los, von der Schule geflogen, weil er die Lehrer mit Steinen beschmissen hat. Alles echt. Und der aber mittlerweile - also das ist so die Freude meines Herzens, wirklich, wie der sich entwickelt hat. Und der war auch super, super, super bindungsgestört. Am Anfang haben wir den nur durch die Gegend getragen. Da war der sieben, der ist nur auf dem Schoß gewesen, nur auf dem Rücken. Und jetzt mittlerweile, ich bin letztens aus dem Urlaub gekommen und ich war immer so eine seiner Hauptbezugspersonen. Sagt er: „Hallo Ines, war's gut?" 

„Ja, war gut."

[00:19:18.710] - Nadia Kailouli 

Ich wollte nämlich gerade fragen, ob es irgendwie hoffnungslose Fälle gibt?

[00:19:24.230] - Ines Tietje 

Ja doch. Also ich sag mal so, es gibt Fälle, die wir auch schon entlassen mussten. Das sind so die schwersten Entscheidungen.

[00:19:31.330] - Nadia Kailouli 

Warum?

[00:19:31.490] - Ines Tietje 

Die mussten wir entlassen, weil die anderen Kinder angegriffen worden sind von demjenigen mit Messern und so. Und wenn es kein sicherer Ort mehr für die anderen Kinder ist, dann... Und wenn fehlt, dass diejenigen, die diesen Angriff gemacht haben, nicht bereit sind zu reflektieren, dann sind wir am Ende. Und das waren tatsächlich Kinder, würde ich sagen, so die ritualisierte, sexualisierte Gewalt erlebt haben, wo auch wirklich so Persönlichkeitsanteile dann so verfestigt sind, an die, die gar nicht rankommen. Oder so an ihre Täter-Introjekte kommen die gar nicht ran. Und dann, wenn die anderen Kinder sich nicht mehr sicher fühlen, dann müssen wir uns trennen.

[00:20:10.710] - Nadia Kailouli 

Wo kommt das Kind dann hin?

[00:20:11.900] - Ines Tietje 

Ja, das ist glaube ich auch eine Besonderheit von Hof Sterneby. Wir versuchen Anschlussmöglichkeiten zu finden. Normalerweise kommen die einfach in eine Obhutnahme wieder, was echt furchtbar ist. Und wir arbeiten aber mit jemandem zusammen, der macht so ein Reiseprojekt im Ausland eins zu eins. Und ein Junge, den wir dahin vermittelt haben, dem hat es total geholfen. Der ist nach neun Monaten- die Eltern hatten sich dann getrennt und es war ganz viel dynamische Gewalt unter den Eltern und dann hatten die sich getrennt - und der lebt jetzt beim Vater und das klappt ganz gut.

[00:20:44.610] - Nadia Kailouli 

Okay, gut. Aber das, was du ja jetzt von dem anderen Jungen erzählt hast, oder grundsätzlich, dass du sagst, also Aggression ist oft das Problem. Und warum ist da gerade dann so euer Ansatz mit der Traumapädagogik der richtige Ansatz? Um mit Kindern dahingehend zu arbeiten, zu sagen, wir müssen uns jetzt damit auseinandersetzen, hier in dieser Einrichtung und eben mit verschiedenen Therapieformen, wie du sie ja eben angesprochen hast, das hinzubekommen? Weil ich denke jetzt so an meine Schulzeit zurück und es gab ja immer - man weiß ja immer nicht, was diese Person erlebt hat - aber es gab ja immer die Kinder, die mal mehr, mal weniger geschlagen haben. So, und das scheint man ja anscheinend aber dann hinzubekommen.

[00:21:27.700] - Ines Tietje 

Also pauschal kann man das glaube ich nicht sagen. Aber es gibt Wege. Und in unseren Fällen hat es jetzt geklappt, in denen, die ich beschrieben habe. Andere mussten wir entlassen. Da weiß ich es nicht, wie es weitergegangen ist.

[00:21:37.950] - Nadia Kailouli 

Also ihr habt mehrere Fälle gehabt, wo ihr schon gesagt habt...

[00:21:39.980] - Ines Tietje 

Tatsächlich. Und ich will gerne von einem Buch erzählen, das heißt "Was ist dein Schmerz?" Das ist von Dr. Perry und Oprah Winfrey. Man wundert sich. Das ist so im Dialog geschrieben und der hat es so auf den Punkt gebracht für mich, dass unser Problem ist in der Gesellschaft, wir sagen immer: Was ist falsch mit dir? Und grenzen denjenigen schon wieder aus, statt zu fragen: Was ist dein Schmerz? Was liegt denn dahinter? Weil so kommt keiner auf die Welt. Kein Baby kommt so auf die Welt. Fertig.

[00:22:09.860] - Nadia Kailouli 

Ja.

[00:22:10.800] - Ines Tietje 

Die werden dazu gemacht.

[00:22:12.410] - Nadia Kailouli 

Kann man sagen, dass das genau der Unterschied ist zwischen euch und anderen Jugendeinrichtungen, dass ihr diesen Fokus ganz gezielt darauf auch legt? Wo liegt der Schmerz und wie können wir damit arbeiten?

[00:22:23.480] - Ines Tietje 

Ich glaube schon. Also es gibt auch andere, die das so machen. Aber nach meiner Erfahrung ist es immer noch viel so, dass man guckt, was ist falsch mit dir? Also auch in Schule, kann man eigentlich in Institutionen gucken, wie man will, statt zu fragen, was liegt denn dahinter? Und auch irgendwie kommen wir da zu dieser Pelicot aus Frankreich, die sagt, die Scham muss die Seite wechseln. Es ist so fies, die Kinder so anzuprangern. Hä, die können da gar nichts für. Angeprangert gehören die Bezugspersonen, die es gemacht haben. Es sind nicht immer die Eltern, aber schon oft. Da gehört's hin.

[00:22:59.760] - Nadia Kailouli 

Also dass man eigentlich immer wieder eine Erklärung für das Verhalten eines Kindes findet.

[00:23:04.890] - Ines Tietje 

Ja, oder was auch ein guter Begriff ist, ist so: Verstehen, ohne einverstanden zu sein. Also es ist total klar, dass gewisse Verhaltensweisen nicht gehen. Die dürfen eben nicht die Grenzen von anderen verletzen und auch nicht meine Scheiben kaputt machen. Aber ich verstehe das. Und der eine Junge, der da von Anfang an bei uns wohnt, der hat jedes Mal hinterher gesagt: Ines, gibt es nicht eine Medizin, dass das weggeht? a, weil der wusste hinterher genau: Scheiße.

[00:23:31.360] - Nadia Kailouli 

Und kannst du was zu den Triggerpunkten sagen? Also man sucht ja immer nach den Triggern. Ich kann mir das nicht vorstellen, dann sitzt man beim Essen, auf einmal nimmt er den Stock und schlägt die Scheibe ein.

[00:23:42.250] - Ines Tietje 

Ja, das ist also auch eine Frage des Timings. Da werden wir auch immer besser, wir Betreuenden. Also es ist wirklich, man muss lernen, die Kinder zu lesen und so ein bisschen zu merken, so, wo fängt es denn jetzt an? Und je länger die bei uns leben, desto mehr kriegen wir das auch hin. Desto mehr wissen wir: Ah, okay, jetzt wird es komisch. Dann gehen wir mit denen einfach raus, gehen noch mal in den Garten, keine Ahnung, Trampolin hüpfen, was weiß ich. Dann kann die Energie auch raus, anders. Und dann kann man noch mal sagen: Mensch, was war denn das gerade? Und dann können die das oft total gut benennen.

[00:24:15.730] - Nadia Kailouli 

Aber verstehen die Kinder, dass das darauf zurückzuführen ist, was sie zu Hause erlebt haben?

[00:24:19.610] - Ines Tietje 

Das versuchen wir schon, denen nahe zu bringen, weil die sich natürlich, das ist ja auch so abgefahren, die geben sich immer die Schuld. Also in Bezug auf die Eltern immer. Bei uns suchen sie die Schuld gerne im Außen. Aber wenn es darum geht, dass die Eltern geschlagen haben, dann ist wirklich der erste Schritt immer, die geben sich die Schuld. Und dann zu sagen: Nö, dein Vater, deine Mutter, die sind erwachsen, die müssen sich im Griff haben. So schlimm kann ein Kind sich gar nicht verhalten, dass es das rechtfertigt. Das ist auch echt ein langer Weg.

[00:24:51.800] - Nadia Kailouli 

Ja. Wie ist denn die Verbindung zu den Eltern, während man bei euch lebt?

[00:24:57.100] - Ines Tietje 

Ganz verschieden. Also bei manchen gibt es gar keine Verbindung. Also ja, wir haben einen Jungen, der ist eben das, der ist super obergewalttätig in allen Formen, der ist richtig untergetaucht. Da gibt es keinen Kontakt und das ist auch gut so. Dann gibt es aber auch Fälle, wo Elternarbeit eigentlich angesagt ist, wo aber unser Gefühl auch manchmal ist, die wollen gar nicht bei sich gucken. Wir sollen das Kind heil machen und dann kann es zurück. So ungefähr. Das ist schwierig, finde ich. Genau. Und dann gibt es aber auch Eltern, die wollen. Es gibt alles.

[00:25:35.110] - Nadia Kailouli 

Jetzt hattest du ja vermehrt aber von Jungs gesprochen. Und das ist ja auch das klassische Bild, was wir in der Gesellschaft haben. Jungs hauen, Mädchen weinen.

[00:25:41.880] - Ines Tietje 

Das stimmt so auch nicht.

[00:25:43.270] - Nadia Kailouli 

Ja, ja, deswegen.

[00:25:44.700] - Ines Tietje 

Gar nicht. Und wir haben tatsächlich fünf Mädchen und zwei Jungs nur im Moment. Also wir sind echt mädchenlastig. Genau. Und die eine, die...Bevor sie zu uns gekommen ist, war die hammergewalttätig. Also hat ihre Betreuerin echt fast...Also das war wirklich schlimm. Genau, ist die so schlimm körperlich angegangen und auch so war die in Schlägereien verwickelt und hat gehauen. Und ja, das kann man so nicht sagen. Gar nicht.

[00:26:09.940] - Nadia Kailouli 

Okay, das heißt, egal ob Junge oder Mädchen...

[00:26:11.860] - Ines Tietje 

Finde ich aber gut tatsächlich. Die Wut muss ja auch irgendwie raus. Ist ja gut. Sonst richtet sie sich gegen sich selbst.

[00:26:17.370] - Nadia Kailouli 

Aber was vermittelt ihr denn dann bei euch in der Einrichtung, wie Kinder und Jugendliche, die selbst Gewalt erlebt haben und somit selbst ja dann zuschlagen...Es ist ja trotzdem nicht gut, dass man schlägt.

[00:26:28.530] - Ines Tietje 

Nee.

[00:26:28.660] - Nadia Kailouli 

Die Wut ist okay, das Schlagen ist nicht okay. Wie vermittelt man das denn?

[00:26:31.710] - Ines Tietje 

Also das lernen die mit der Zeit, dieses: Du willst doch auch, dass deine Grenzen gewahrt werden. Und dann ist doch...Also damit kriegt man die eigentlich schon, wenn man sagt: So, wie ist es denn für dich, wenn du geschlagen wirst? Und aber erst im ruhigen Moment, erst wenn das Nervensystem sich wieder beruhigt hat, man co-reguliert ist und ins Gespräch gehen kann, dann kommt das raus. Und wenn das nicht rauskommt, dann ist es tatsächlich, dann ist es für uns zu schwierig. Dann können die bei uns nicht bleiben, wenn die null bereit sind, die Verantwortung zu sich zu nehmen.

[00:27:02.050] - Nadia Kailouli 

Von welchem Alter reden wir hier? Weil ich denke mir so, okay, ein kleines Kind kann das doch noch gar nicht verstehen.

[00:27:07.190] - Ines Tietje 

Doch, das hat der Kleinste verstanden. Das war ja der, der gesagt hat, gibt es nicht eine Medizin. Der wusste genau, das ist blöd, dass ich jetzt schon wieder eine Scheibe kaputt gemacht habe. Aber in dem Moment kann er nicht anders. Und das sehen wir eben auch. Und dann ist total wichtig auch, ich glaube, das ist auch so der Knackpunkt, diese Anerkennung und Würdigung von dem destruktiven Verhalten. Nicht immer, nicht nur sagen, das geht nicht, weil die anderen brauchen ihre Grenzen, sondern auch zu sagen: Alles klar, wir verstehen das und das hat dir dein Überleben gesichert. Aber heute brauchst du das nicht mehr.

[00:27:40.030] - Nadia Kailouli 

Wo geht dann die Wut hin, wenn sie nicht mehr...Also woran merkst du dann, wenn du mit den Kindern so zusammenlebst und du hast ja gesagt, ihr habt Kinder, die wohnen von Beginn an jetzt drei Jahre schon bei euch. Da erkennt ihr ja eine Entwicklung. Wie zeigt sich denn dann die Wut, wo du merkst, ah, guck mal, jetzt schlägt er nicht mehr oder sie?

[00:27:54.530] - Ines Tietje 

Türe knallen.

[00:27:55.520] - Nadia Kailouli 

Ah, das ist okay?

[00:27:56.800] - Ines Tietje 

Oder weggehen. Also er jetzt zum Beispiel, der geht ganz einfach, dreht sich um und geht weg und ja, oder knallt mit den Türen oder schreit. Aber das ist ja alles herrlich. Sehr gut.

[00:28:10.110] - Nadia Kailouli 

Okay, ja, das ist doch auch mal so, weil man sich denkt, okay, weil wie soll man denn sonst? Ich überlege gerade, wie soll ich jetzt? Wie kann man wütend werden ohne...Wie kann man wütend werden, ohne dass man irgendwas macht. Aber klar, eine Türe knallen ist okay.

[00:28:22.670] - Ines Tietje 

Ja, absolut.

[00:28:23.640] - Nadia Kailouli 

Okay, also das ist so euer pädagogischer Ansatz zu sagen: Mach alles, was gut tut, dass rausgeht der Schmerz, aber tu keinem anderen Menschen weh.

[00:28:31.990] - Ines Tietje 

So.

[00:28:33.040] - Nadia Kailouli 

Ich fange bei euch an. Aber jetzt noch mal die andere Frage, weil diese drei Jahre, die beschäftigen mich jetzt irgendwie, weil ich finde, das ist ja schon sehr intim dann. Also intim sowieso, da lebt man, aber da hat man eine Bindung.

[00:28:46.750] - Ines Tietje 

Ja, total.

[00:28:47.700] - Nadia Kailouli 

Wer entscheidet denn, wie lange jemand bleiben darf und wer entscheidet dann zu sagen, oder wie wird entschieden zu sagen, okay, das war's jetzt hier. Wir wünschen dir alles Gute.

[00:28:54.710] - Ines Tietje 

Ja, das, also das ist wirklich schwierig. Wir haben jetzt gerade eine junge Frau entlassen, die eben 21 wird. Da endet dann der Weg einfach wegen des Alters.

[00:29:05.990] - Nadia Kailouli 

Die ist...mit 21, hat die noch bei euch gewohnt?

[00:29:08.470] - Ines Tietje 

Ja, von 17. Genau, die wird jetzt 21. Genau. So und manchmal ist es einfach, sind das so Vorgaben und da kannst du dann nicht viel machen. Wobei in diesem Fall finde ich das auch richtig. Das war jetzt Zeit, dass sie den Ort wechselt und einfach woanders...Also es ist so eine Wiedereingliederung. Das ist dann, betreutes Wohnen ist falsch gesagt, aber dann ist von acht bis 18 Uhr jemand im Büro, ein Ansprechpartner, und nachts gibt es eine Notfallnummer sozusagen. Aber es ist so ein smoother Übergang von uns, wo ja so eine Vollbetreuung war. Aber ansonsten bleiben die eigentlich. Also dieses Mädchen, von der ich erzählt habe, die macht jetzt eine SPA-Ausbildung, ist ja eine schulische Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin, und da ist irgendwie gar keine Frage, dass die noch bei uns bleiben kann durch die Ausbildung durch. Und dann hinterher wird geguckt, wie machen wir es jetzt? Bei der bin ich mir sicher, die kann alleine wohnen, die ist auf so einem mega guten Weg und das würde ich so, oder das würde die Gesellschaft wahrscheinlich als Erfolg werten, dass sie eben nicht auf die schiefe Bahn gekommen ist, sondern in der Lage ist, ihr Geld zu verdienen, ihre Wohnung zu versorgen und so.

[00:30:19.200] - Nadia Kailouli 

Ja, jetzt ist ja sozusagen ein Platz frei.

[00:30:22.990] - Ines Tietje 

Ja.

[00:30:23.800] - Nadia Kailouli 

Also wie lebt es sich überhaupt in diesen unterschiedlichen Altersspannen? 7-Jähriger, 13-Jähriger, 21 oder 19? Wie lebt es sich so in dieser Konstellation mit dem...? Das sind ja sehr unterschiedliche Lebensphasen auch.

[00:30:39.830] - Ines Tietje 

Ich finde das, also ich, das ist richtig ein bisschen familiär. Also wir haben jetzt eine 7-Jährige aufgenommen und die 17-Jährige, ey, die...Wir haben so ein offenes Atelier gehabt am letzten Sonntag oder Samstag, da war ich dabei. Und dann sitzt da diese 17-Jährige mit der 7-Jährigen auf dem Schoß. Sie malt ein bisschen, die 7-Jährige hat schon gemalt und dann sagt die auch: Ines, mein Herz geht auf. Ich sage: Ja, sehr schön. Also das ist wie Geschwister, so mit einem großen Altersunterschied. Das ist schon cool.

[00:31:07.620] - Nadia Kailouli 

Wie schafft man das überhaupt, dass die Kinder sich dann ja da so wohlfühlen? Vertrauen ja auch. Ja, ich finde natürlich, jetzt wo du das so sagst, dann denkt man natürlich auch so, puh, das ist natürlich auch, man kennt sich dann noch nicht, man lebt dann zusammen? Also wer hat sozusagen die Aufsichtspflicht, dass natürlich auch Kinder das nicht missbrauchen zum Beispiel?

[00:31:29.980] - Ines Tietje 

Ja, wir!

[00:31:30.210] - Nadia Kailouli 

Ihr guckt da total drauf?

[00:31:31.230] - Ines Tietje 

Ja, und das gab es eben auch. Und dann, das ist eins der Kinder, die wir entlassen mussten. Die hatte eben, also die hat, glaube ich, wirklich schlimmste Erfahrungen gemacht und da ist was hochgekommen, dass sie, auch sie sexualisierten Missbrauch mit den Jungs vorhatte und auch im ersten Schritt schon gemacht hat.

[00:31:50.500] - Nadia Kailouli 

Okay.

[00:31:50.900] - Ines Tietje 

Und dann...Das kriegst du tatsächlich nicht mit, weil die sind auch mal alleine draußen. Aber da ist es so, dass der Junge zu uns gekommen ist und gesagt hat, das und das ist passiert und dann haben wir das auch thematisiert und die war aber tatsächlich total abgespalten auch davon und die mussten wir entlassen.

[00:32:09.090] - Nadia Kailouli 

Okay, aber wie gelingt das sonst so, wenn du sagst, wir haben jetzt einen 7-Jährigen aufgenommen und dann denke ich mir so, ach Gott, sieben und dann wohnt die da auf einmal. Das ist doch, das stell ich mir, der Gedanke daran ist für mich jetzt erst mal, das muss doch furchtbar sein, bis man dann da ankommt und so...

[00:32:24.000] - Ines Tietje 

Also die ist total erleichtert.

[00:32:25.770] - Nadia Kailouli 

Ja?

[00:32:26.280] - Ines Tietje 

Ja! Die, also die ist so fröhlich bei uns.

[00:32:31.770] - Nadia Kailouli 

Also okay, also das ist nämlich der Blick, den man nicht ins Zuhause hat, dass das...Das tatsächlich leider für viele Kinder und Jugendliche das eigene Zuhause kein schöner Ort ist.

[00:32:41.550] - Ines Tietje 

Kein sicherer Hafen, total vermintes Gebiet, ist ja oft so.

[00:32:46.040] - Nadia Kailouli 

Okay.

[00:32:46.740] - Ines Tietje 

Ja, ist wirklich oft so. Man vertut sich.

[00:32:49.060] - Nadia Kailouli 

Wie ist das für dich? Mit so vielen Kindern, die ja nicht deine sind. Du bist selber Mama, du hast zwei erwachsene Kinder. Mit fremden Kindern, sage ich mal, zu leben als eine, die ja jetzt so nicht von, keine Ahnung, der Schulbank an wusste, ich werde jetzt Traumapädagogin und arbeite in einer Jugendeinrichtung.

[00:33:09.370] - Ines Tietje 

Das ist total verschieden, tatsächlich. Also interessanterweise...Also es ist eigentlich logisch, die Kinder, die zuerst da waren, da war war ich 24/7 da. Da war es ja im Aufbau, da war ich eigentlich ständig da und ich hatte auch zu den beiden, zu dem Jungen, der damals sieben war, und zu der 13-Jährigen damals gleich so ein Draht. Man weiß das ja manchmal nicht, man kann es nicht erklären. Mittlerweile haben wir auch Kinder aufgenommen, zu denen ich gar nicht so ein Draht habe. Das ist auch ganz interessant. Aber die haben jemanden in der Einrichtung, mit dem die ganz ganz eng sind. Und das ist ja das Wichtige. Also weil diese neuen guten Bindungserfahrungen, das ist ja das Heilsame, was die brauchen. Und das sollen die auf keinen Fall nur mit mir haben, sondern es ist ja besser, wenn es verteilt ist. Genau. Und ich habe nicht zu allen den gleichen Draht, aber ich bin ja auch immer ganz transparent und ehrlich. Also ich war jetzt im Urlaub und dann habe ich allen was mitgebracht und bei dem einen Jungen habe ich auch gesagt: Weißt du was? Ich wusste gar nicht so recht, was dir gefallen könnte. Und wenn du das doof findest, dann tu's weg.

[00:34:10.120] - Ines Tietje 

Ja, und dann war er so: Ja, dann müssen wir wohl mal zusammen was machen. Ich sag: Ja, herzlich gerne. Und der wollte aber vorher immer gar nicht so richtig, aber jetzt will er und dann mache ich das auch total gerne.

[00:34:19.770] - Nadia Kailouli 

Was ja auch wieder klar macht, dass er seine eigenen Grenzen kennt. Nur weil du, ich sage jetzt mal, die Chefin bist, heißt es ja nicht, dass man sich die ganze Zeit mit dir gut verstehen muss.

[00:34:27.840] - Ines Tietje 

Nö, gar nicht. Die haben natürlich schon Respekt, das ist so. Aber ja, aber die wissen auch, dass sie mit mir alles besprechen können. Das stimmt.

[00:34:38.170] - Nadia Kailouli 

Jetzt nach allem, was du so hier erzählt hast, denkt man sich so, ja, das ist doch der perfekte Ort. Das ist doch super. Hof Sterneby muss es doch überall geben für Kinder, die zu Hause nicht mehr leben können. Ist das ein Konzept, was sich umzusetzen lohnt in anderen Orten?

[00:34:53.270] - Ines Tietje 

Ich würde sagen ja. Ja, ich würde sagen ja. Genau. Aber ich glaube, das muss eben aus dem Herzen kommen.

[00:35:00.590] - Nadia Kailouli 

Ja, und man muss halt, wie du ja schon sagtest, Geld mitbringen.

[00:35:02.860] - Ines Tietje 

Das ist leider so erst mal. Also es ist jetzt so, dass wir klarkommen. Man muss dann ja einen Tagessatz kalkulieren und der war zuerst viel zu niedrig kalkuliert. Der ist jetzt echt hoch, aber dafür kriegt man eben auch was.

[00:35:15.150] - Nadia Kailouli 

Und finanziert wird das natürlich auch....

[00:35:17.040] - Ines Tietje 

Von den entsendenden Jugendämtern. Das ist so.

[00:35:18.690] - Nadia Kailouli 

Ja, genau. Ja, das ist dann...

[00:35:20.570] - Ines Tietje 

Aber man muss...Also jetzt der Kauf und Umbau des Hauses hat 2,5 Millionen gekostet.

[00:35:24.530] - Nadia Kailouli 

Ach, du ahnst es nicht!

[00:35:25.640] - Ines Tietje 

Das kriegst du von keiner Bank.

[00:35:27.070] - Nadia Kailouli 

Ja, oh Gott, das Geld hat man dann auch nicht wieder drin.

[00:35:30.550] - Ines Tietje 

Nö, vielleicht nach 30 Jahren, aber ja, soll jemand auch noch mal leben, ne?

[00:35:35.330] - Nadia Kailouli 

Das meintest du also mit Rendite, als dein Mann von dir gehört hat: Hör mal, lass doch mal investieren.

[00:35:38.750] - Ines Tietje 

Es ist kein Rendite-Objekt. Ja, ja, genau.

[00:35:44.090] - Nadia Kailouli 

Okay, gut. Solche Menschen gibt es zum Glück auch, muss ich jetzt an dieser Stelle sagen, wo man den Profit in dem Sinne sieht, dass man ja was Sinnstiftendes tut.

[00:35:53.590] - Ines Tietje 

Absolut.

[00:35:53.670] - Nadia Kailouli 

Und Ines, ich weiß nicht, ob du es möchtest oder nicht, aber ich würde es trotzdem gerne ansprechen, weil du ja eins gesagt hast, das hätte dir als Kind ja auch geholfen. Diesen Wunsch nach etwas Sinnstiftendem kommt ja auch daher, dass du selber gesagt hast, okay, ich hatte auch jetzt nicht die einfachste Erfahrung, weil du hast es ja eben selbst gesagt, dass du halt auch Bindungsprobleme hattest als Kind, als Erwachsene...

[00:36:17.540] - Ines Tietje 

Ja, das hat sich so durchgezogen, natürlich. Also von außen betrachtet würden alle sagen, war doch Bombe bei euch zu Hause. Aber so war es eben nicht. Also genau, ich hatte einen Vater, der hat dann auch tagelang nicht mit mir gesprochen, wenn ihm irgendwas nicht gepasst hat. Und eine Mutter, die richtig heftig ist. Also aus heutiger Sicht würde ich sagen, Störungsbilder bis Meppen. Genau, kann das gut kaschieren. Das können ja viele, die auch...Sie ist hochintelligent. Aber ich habe alle Formen von Gewalt erfahren.

[00:36:47.430] - Nadia Kailouli 

Also weißt du eben leider aus eigener Erfahrung, was das mit jemandem macht. Was würdest du sagen, was ist dein großer Traum, wenn du an die Zukunft von Kindern und Jugendlichen denkst, die traumatische Erfahrungen gesammelt haben und wie am besten - was sozialpolitisch, Jugendeinrichtungen und und und betrifft -, was man tun kann, um die besser zu unterstützen? Weil de facto ist es so, wir haben mit dir ein tolles Beispiel. Ich finde es toll, dass du da bist. Finde es toll, dass es diesen Ort gibt. Da leben zehn Kinder. Unser Podcast heißt einbiszwei, weil es sichtbar macht, dass ein bis zwei Kinder pro Schulklasse von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Dunkelziffer ist noch viel größer. Was können wir denn tun? Oder was würdest du dir wünschen? Weil Hof Sterneby kriegen wir jetzt, glaube ich, nicht in jedes Dorf Deutschlands hingestellt.

[00:37:44.260] - Ines Tietje 

Nee, tatsächlich glaube ich, dass wir im Moment auf einem guten Weg sind. Also es kann einen ja erschlagen mit den Nachrichten. Das Gute daran ist aber, die sexualisierte Gewalt ist ja da, volle Lotte, überall, schon immer auch. Und jetzt kommt es hoch und wird sichtbar. Und ich glaube, mit diesem Satz: Scham - und ich finde - Verantwortung muss die Seite wechseln. Das ist es. Nicht weggucken! Sondern als Lehrer auch auf die Kinder zugehen und sagen: Mensch, mir fällt auf, ich nehme wahr, dass und das...Was können wir tun? Können wir dir was geben? Können wir dich unterstützen? Ich glaube, dieses Weggucken war lange Programm und das Hinschauen darf jetzt kommen.

[00:38:32.130] - Nadia Kailouli 

Ines Tietje - schöner Name, by the way. Danke, dass du heute bei uns warst bei einbiszwei! Dass du uns diesen Hof erklärt und geschildert hast und dass ihr ja so viele Leute gefunden habt, die da auch pädagogisch arbeiten und Kindern mit Traumatisierungen helfen, irgendwie besser und schöner zu leben.

[00:38:53.650] - Ines Tietje 

Vielen Dank. Ja, danke.

[00:38:57.950] - Nadia Kailouli 

Oh man, also wie toll, dass es diesen Hof gibt! Hof Sterneby, den müsste es ja eigentlich so viel öfter in Deutschland geben für Kinder, die halt, wenn sie in Jugendeinrichtungen leben, da einfach nicht so gezielt betreut werden können. Und da schafft ja dieses Konzept von Ines einen total richtigen Ansatz, zu sagen, hier wird genau traumasensibel mit den Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Denn, und das ist meine Haltung, wenn man früh genug anfängt mit Kindern darüber zu sprechen und daran zu arbeiten, dann werden sie es später im Alter, im Erwachsenenalter, auch oft viel einfacher haben. 

An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich mal bei euch bedanken, dass ihr uns so treu zuhört und dass ihr auch bei schwierigen Themen dranbleibt! 

Wenn ihr wollt, dann folgt uns doch gerne, abonniert unseren Kanal, und wenn ihr uns persönlich einmal schreiben wollt, dann könnt ihr das natürlich sehr gerne tun. 

Eine E-Mail könnt ihr schreiben an einbiszwei@ubskm.bund.de.

Mehr Infos zur Folge

Wenn Kinder schon früh sexualisierte Gewalt erleben, sind sie meist schwer traumatisiert. Zu Hause können sie oft nicht bleiben, in der stationären Jugendhilfe fehlen oft die Kapazitäten, um die Kinder angemessen zu betreuen und zu begleiten und so wandern sie von Einrichtung zu Einrichtung. Denn die Kinder sind meist verhaltensauffällig, teilweise auch sehr aggressiv und brauchen daher besonders viel Aufmerksamkeit. 

Um traumatisierten Kindern genau das zu bieten, hat Ines Tietje etwas Einzigartiges ins Leben gerufen: Das Kinderschutzhaus „Hof Sterneby” in Beringstedt, Schleswig-Holstein. Bis zu 10 Kinder und Jugendliche im Alter von 6-18 können hier wohnen, sie werden über Jugendämter aus ganz Deutschland vermittelt, meist haben sie schon diverse Einrichtungen hinter sich, einige kommen auch aus der Psychiatrie. Alle Kinder, die auf den Hof kommen waren in irgendeiner Form existenzbedrohender Gewalt (emotional, eventuell auch physisch und/oder sexualisiert), Vernachlässigung und Verwahrlosung ausgesetzt, haben ein Entwicklungstrauma und meist eine chronische Traumafolgestörung – das können Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, chronische Schmerzen, Essstörungen, dissoziative Störungen sein. Einige Kinder sind depressiv, manche auch suizidal oder sie verletzen sich selbst. Viele sind aggressiv. Betreut werden die Kinder von fast 20 pädagogischen Fachkräften – und erleben hier meistens zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sie in Sicherheit sind. Wie das genau funktioniert auf „Hof Sterneby”, erzählt die Gründerin Ines Tietje bei einbiszwei.

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Buchtipp von Ines Tietje
„Was ist dein Schmerz?”

Arte-Dokumentation über „Hof Sterneby” (11/2023)
Re: Wo Kinderseelen heilen

Wordseed-Folge mit Ines Tietje bei YouTube
Traumasensible Pädagogik & Gründung des Kinderschutzhauses Hof Sterneby

Forum-Artikel zu Traumapädagogik
Was ist Traumapädagogik? – Methoden und Definition

Weitere Infos und Hilfsangebote

Wenn du Missbrauch erlebt hast, und Hilfe oder Beratung suchst, kannst du dich auch an diese Stellen wenden:

Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch 

Anrufen – auch im Zweifelsfall 
0800 22 55 530 (kostenfrei und anonym) 
Telefonzeiten: 
Mo., Mi., Fr.: 9.00 bis 14.00 Uhr
Di., Do.: 15.00 bis 20.00 Uhr

(Nicht besetzt an bundesweiten Feiertagen und am 24. und 31. Dezember.)

Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch
 

Wenn du Fragen oder Ideen zu einbiszwei hast:

einbiszwei@ubskm.bund.de

einbiszwei – der Podcast über sexuelle Gewalt

einbiszwei ist der Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt. einbiszwei? Ja genau – statistisch gesehen gibt es in jeder Schulklasse in Deutschland ein bis zwei Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Eine unglaublich hohe Zahl also. Bei einbiszwei spricht Gastgeberin Nadia Kailouli mit Kinderschutzexpert:innen, Fahnder:innen, Journalist:innen oder Menschen, die selbst betroffen sind, über persönliche Geschichten und darüber, was getan werden muss damit sich was ändert. Jeden Freitag eine neue Folge einbiszwei – überall, wo es Podcasts gibt. Schön, dass du uns zuhörst.

Webanalyse / Datenerfassung