Podcast | Folge: 147 | Dauer: 43:49

Krisen und Kriege weltweit – wie hilft deine Organisation medica mondiale, Monika Hauser?

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Das Interview der Folge 147 als Transkript lesen

[00:00:01.620] - Dr. Monika Hauser 

Sexualisierte Gewalt passiert vor, während und nach dem Krieg. Ich habe erlebt, wie Frauen wegen sogenannter moralischer Verbrechen in Kabul, Herat oder Masar-e Scharif ins Gefängnis kamen. Also sie kamen ins Gefängnis, nicht der Täter. Und es geht darum, dass in Regionen, wo wir wenig fachliche Ressourcen haben, aber natürlich sehr viel traumatisierte Frauen, diesen Frauen eine Unterstützung anzubieten, um sie zu stabilisieren, und ein sicheres Setting herzustellen.

[00:00:33.690] - Nadia Kailouli 

Hi, herzlich willkommen bei einbiszwei, dem Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Ich bin Nadia Kailouli und in diesem Podcast geht es um persönliche Geschichten, um akute Missstände und um die Frage, was man tun kann, damit sich was ändert.

Hier ist einbiszwei. Schön, dass du uns zuhörst!

[00:00:57.940] - Nadia Kailouli 

Als sie 1992 im Stern einen Artikel über die Massenvergewaltigungen von Frauen und Mädchen in bosnischen Lagern liest, beschließt sie, dass sie helfen muss. Monika Hauser macht sich auf den Weg, was für eine junge angehende Ärztin nicht so einfach ist. Sie kommt tatsächlich in Bosnien an und stößt dort auf Ablehnung bei den Männern und auf das Schweigen bei den Frauen. Noch mitten im Krieg eröffnet sie ein Jahr später das weltweit erste Zentrum für kriegstraumatisierte Frauen. Dies ist der Anfang von medica mondiale e.V., einer Organisation, die heute weltweit tätig ist und in Kriegen und Konflikten gegen sexualisierte Kriegsgewalt und für traumatisierte Frauen kämpft. Dafür bekam Monika Hauser 2008 den Alternativen Nobelpreis und ich freue mich sehr, dass sie heute bei uns ist. 

Herzlich willkommen bei einbiszwei, Dr. Monika Hauser. 

Schön, dass Sie da sind!

[00:01:43.950] - Dr. Monika Hauser 

Ja, hallo, ich freue mich auch!

[00:01:45.270] - Nadia Kailouli 

Ja, wir freuen uns total! Frau Hauser, Sie müssen mal sofort Ihre Geschichte erzählen, was da 1992 aufgrund eines Spiegelartikels bei Ihnen passiert ist und wo Sie sich dann hinbegeben haben. Das fand ich irre.

[00:01:57.970] - Dr. Monika Hauser 

Also mittlerweile ist das nicht mehr wichtig, dass es ein Stern-Artikel war. Aber es spielt letztendlich definitiv keine Rolle. Ja, '92 war ich eine junge angehende Gynäkologin und habe natürlich die Berichte zu dem Krieg in Bosnien verfolgt und auch, was über die Kriegsverbrechen und speziell über die Vergewaltigungen bosnischer Frauen berichtet wurde. Und das Thema begleitet mich eigentlich schon ein Leben lang. Und vor allem auch als junge Gynäkologin, habe ich mich sehr damit befasst in meiner täglichen Arbeit auf den Stationen. Und mir war klar, dass die Frauen in dieser Situation sehr empathische und fachlich auf sie ausgerichtete Unterstützung brauchen. Ich habe mich dann erkundigt bei internationalen Hilfsorganisationen, wo es Projekte gäbe, wo ich mitmachen kann, und habe dann sehr merkwürdige Antworten bekommen wie: „Das sind doch muslimische, geschändete Frauen, denen kann man sowieso nicht mehr helfen.“ Und so weiter. Da war für mich klar, das hat mich noch wütender gemacht. 

Und ich bin aufgebrochen nach Zentralbosnien und habe sehr schnell vor Ort 20 bosnische Fachfrauen gefunden, die hoch motiviert waren, mit mir ein Projekt zu beginnen zur Unterstützung von traumatisierten Frauen. Zum Beispiel Krankenschwestern aus dem dortigen Krankenhaus in der Stadt Zenica in Zentralbosnien, die miterlebt haben, wie Frauen, nachdem sie fliehen konnten aus den ostbosnischen Lagern, schwanger und sehr traumatisiert natürlich in Zenica angekommen sind und der Chefarzt der dortigen Klinik einen Schwangerschaftsabbruch verhindert hat, nicht wollte, dass das durchgeführt wird. Und diese Krankenschwestern haben miterlebt, wie Frauen sich suizidiert haben. Und das war natürlich für sie ganz klar, dass sie den Frauen letztendlich überhaupt keine wirkliche Unterstützung anbieten konnten. 

Und das war natürlich dann eine Situation, wo ich da als junge Ärztin - naiv und nicht so viel vom Kontext wissend, muss ich heute rückblickend sagen, aber super enthusiastisch... Und ganz klar war für mich, wir müssen Unterstützung für die Frauen aufbauen, wir müssen interdisziplinär arbeiten, also psychologische und medizinische Hilfe kombiniert, wenn möglich auch noch mit juristischer Beratung, und einfach ein empathisches Umfeld für die Frauen anbieten, wo sie endlich mal zur Ruhe kommen können, wo ihnen geglaubt wird und wo sie wieder überhaupt eine Lebenskraft sammeln konnten. Das haben wir dann gemacht. Daraus ist Medica Zenica, die Organisation, entstanden, die heute, 33 Jahre später, nach wie vor in Zentralbosnien arbeitet, weil es nach wie vor natürlich sehr viel häusliche Gewalt gibt. Trafficking, also Zwangsprostitution, ein Riesenthema. Und nach wie vor Frauen, die diese Gewalt erlebt haben und vielleicht auch noch nie Unterstützung bekommen haben, heute nach dieser Unterstützung anfragen. Das war einerseits der Beginn in Bosnien und andererseits parallel dazu haben Freundinnen von mir in Köln ein Büro eingerichtet, aus dem dann die Organisation medica mondiale entstanden ist. Heute eine der größten feministischen europäischen Frauenrechtsorganisationen. Und wir haben uns ja seither sehr ausgeweitet, thematisch, inhaltlich, aber auch in viele Nachkriegsgebiete gegangen.

[00:05:33.730] - Nadia Kailouli 

Bevor wir im Detail noch mal über medica mondiale sprechen und was ihr da genau macht, würde ich gerne noch mal in diese Zeit zurückgehen. Wie können wir uns das vorstellen? Wo konnten Sie denn aktiv was tun? Sie sind da als junge Ärztin hingegangen, haben direkt sich Frauen gesucht, Frauen gefunden, die sich engagiert haben, um Frauen zu betreuen, sie zu unterstützen, dabei zu helfen für das, was sie erlebt haben. Aber damit wir vielleicht noch mal ein paar Bilder bekommen, was konnten Sie da aktiv als junge Ärztin da auch machen? Waren das Gespräche? Haben Sie Frauen untersucht? Sie sind ja keine Therapeutin, Sie sind Ärztin. Ich kann mir vorstellen, dass man da auch viel erfahren hat in Gesprächen. Wie war das genau und wo waren Sie da genau?

[00:06:15.570] - Dr. Monika Hauser 

Das alles haben wir gemacht und haben mit der Zeit mehr und mehr fachliche Expertise darin bekommen, weil natürlich haben wir am Anfang nach Wegen gesucht, die die besten sind, um Frauen, schwer traumatisierte Frauen in dieser Noch-Kriegssituation zu unterstützen. Also ich sozusagen, in meinem Kopf war dieser interdisziplinäre Ansatz, den ich schon an einer Uniklinik in Nordrhein-Westfalen mit einer Psychologin mehrere Jahre praktiziert habe, mit traumatisierten Frauen. Und daher wusste ich, nur beide Disziplinen zusammen können hier eine wirkliche Unterstützung anbieten. Und gleichzeitig der feministisch-empathische Ansatz. Das war für mich von Anfang an klar, dass das zusammengehen muss. Ich habe dann diese Fachfrauen gefunden - wie gesagt Krankenschwestern, Gynäkologinnen, Ärztinnen, Anästhesistinnen, Psychologinnen, Frauen für den Verwaltungsbereich, Köchinnen und so weiter, weil schnell klar war, wir müssen ein Haus einrichten, in dem wir all das selbstbestimmt gestalten können, unabhängig von jeglichem äußeren Einfluss. 

Das heißt, wir haben einen ehemaligen Kindergarten von der Stadt Zenica in Zentralbosnien angemietet und haben eine Umbaufirma beauftragt, die das am Anfang auf lau gemacht hat. Das heißt, ich habe gesagt, ich habe eine Organisation im Rücken, wir haben Geld, bitte baut diesen Kindergarten um für Wohnräume für 20 Frauen, einen OP. Die Turnhalle haben wir zu einer Apotheke umgestaltet. Und ich war letztendlich am Anfang eine Hochstaplerin, weil das war mir nicht ganz klar, ob die Versprechungen, die ich in Deutschland hatte, tatsächlich dann auch funktionieren würden mit Geld. Das hat aber funktioniert und damals war natürlich dieses Thema in allen internationalen Medien, auch in den deutschen Medien, und es war eine riesige Welle von Hilfsbereitschaft, von Solidarität, speziell auch für die bosnischen Frauen, sodass in dieser ersten Zeit das Geld nicht das Problem war. Ich habe dann mit diesen bosnischen Frauen zusammen, ja, wir haben das peu à peu aufgebaut und haben Beratungsräume für die psychologische Unterstützung entwickelt und haben ein psychologisches Team zusammengestellt. Zum Beispiel war da auch eine Muallima drin. Eine Muallima ist eine islamische Theologin und es waren ja viele ostbosnische Frauen, sehr traditionell, aus dörflichen Regionen betroffen, die sehr schnell Zutrauen hatten - und Vertrauen ist ja überhaupt in der Arbeit bei sexualisierter Gewalt das Wesentlichste - Zutrauen hatten, weil eine muslimische Frau hier im Team mitgearbeitet hat. Das psychologische Team hat sich auch sehr schnell Wissen angeeignet. Was neu war damals, in den 90er Jahren war ja Trauma ein ganz neuer Begriff.

 Und auch in Deutschland ist Traumaarbeit erst überhaupt weiterentwickelt worden durch die bosnischen Geflüchteten, die nach Deutschland kamen. Vorher war das wirklich ein Randthema, wo es nicht so viel Wissen dazu gab. Und das hat sich aber dann in den 90er Jahren entwickelt. Und wir haben vor Ort unseren eigenen Ansatz entwickelt. Und genau, dann hatten wir eine gynäkologische Ambulanz und einen kleinen Operationssaal, um eben zum Beispiel Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Wir haben eine Juristin gehabt, die die Frauen juristisch beraten hat, wenn sie denn aussagen wollten, damit ihre Aussage vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zur Geltung kommen kann. Und die Frauen haben dort gelebt und haben mitgearbeitet im Haus und sind langsam, langsam wieder zu Kräften gekommen.

[00:10:01.360] - Nadia Kailouli 

Und das war ja dann sozusagen die Entstehungsstunde, sozusagen diese Erfahrung, die Sie damals dann da gemacht haben, und das, was Sie dort aufgebaut haben, um eben dieses internationale Netzwerk dann zu gründen, medica mondiale. Was steckt da genau hinter? Was machen Sie da?

[00:10:15.390] - Dr. Monika Hauser 

Also wir sind eine Frauenrechtsorganisation, wo es uns eben um den Kampf gegen sexualisierte Kriegsgewalt geht und um interdisziplinäre Unterstützung für Überlebende, wie ich es gerade beschrieben habe. Und dazu kooperieren wir mit sehr vielen Partnerorganisationen. Wir haben Schwerpunktregionen, das heißt nach wie vor Südosteuropa, weil danach haben wir im Kosovo ja eine ähnliche Institution aufgebaut. Dann Afghanistan ist ein Schwerpunkt von uns geworden, Nordirak, wo wir Qualifizierung von Gesundheitspersonal seit vielen Jahren machen, dann die Region der afrikanischen großen Seen, das heißt Osten des Kongos, Burundi, Ruanda, Uganda und die Region Westafrika mit Liberia und Sierra Leone. In all diesen Ländern haben wir sehr viele Partnerorganisationen, entweder Organisationen, die wir selber aufgebaut haben und die dann in die Selbstständigkeit übergegangen sind, oder eben schon bestehende Frauenstrukturen, Grassroot-Organisationen, größere Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten. Und es geht immer darum, Wege zu finden in den Kontexten, die am sinnvollsten sind, um Frauen zu begleiten. 

Aber meistens eben geht es um interdisziplinäre Unterstützung, psychologische, psychosoziale, medizinische Unterstützung, juristische Begleitung und immer auch einkommensschaffende Maßnahmen, damit Frauen wirklich wieder, wenn sie ein Stück weit ins Leben zurückgekehrt sind, ihre eigene Perspektive aufbauen können. Das wird überall kombiniert mit gesellschaftlicher Aufklärungsarbeit, weil das eine ist die Unterstützung für die individuelle Frau und das andere ist, patriarchale Strukturen nachhaltig zu verändern. Und das geht nur, indem - und das ist in Bosnien oder im Kongo nicht anders als in Deutschland - indem wir sensibilisieren. Aufklärungskampagnen machen, Radiointerviews machen, Podcasts und darüber sprechen, was den Frauen vor Ort geschieht. Und das letztendlich wir zwar - Kriege und Nachkriegssituationen unterschiedlich sind, je nach politischer Situation, aber in all diesen Situationen weltweit sehen wir, dass die patriarchalen Strukturen mit ihrer systematischen Ausgrenzung von Frauen die Ursache für jegliche sexualisierte Gewalt sind.

[00:12:39.540] - Nadia Kailouli 

Es ist ja aber schon schwer, in einer Gesellschaft, wo kein Krieg herrscht, diese Strukturen aufzubrechen. Wie soll es dann überhaupt gelingen, das in einem Land, in einer Region zu machen, die im Konflikt ist?

[00:12:49.730] - Dr. Monika Hauser 

Ja, indem man es tut. Ja, also natürlich gibt es viele Hindernisse, aber ich glaube, das Beispiel von Medica Zenica damals während Kriegszeiten zeigt, dass das Unmögliche möglich ist, wenn wir sagen, das tun wir jetzt. Und natürlich Gleichgesinnte zu finden ist das Wesentliche, um mit diesen Frauen zusammen dann Strategien zu entwickeln, sowohl für die direkte Unterstützungsarbeit als auch eben für die politische, gesellschaftliche Arbeit. Und ja, der gemeinsame feministische Geist hat uns immer weitergetragen und sehr, sehr viel Kraft gegeben. Und ich glaube, in Bosnien war es auch wichtig, alle wussten, dass es eine Zufälligkeit ist, ob sie Betroffene sind oder ob sie die Fachfrau sind. Und sehr oft in den Regionen, in denen in denen wir arbeiten, aber auch in Deutschland, ist eine Frau beides, nämlich Betroffene und Fachfrau. Und das war mir immer auch sehr wichtig, nicht diese Kluft zwischen Patientin und Fachfrau zu haben, dieses hierarchische Gefälle, sondern aus einer solidarischen Haltung heraus unsere Facharbeit zu machen. Das ist Grundlage unserer Haltung per se. Und solche Frauen mit dieser Haltung und dem großen Bedürfnis, Frauen zu unterstützen und gesellschaftliche Strukturen zu verändern, die haben wir überall gefunden.

[00:14:13.550] - Nadia Kailouli 

Nun hatten Sie ja gerade die Orte erwähnt, wo Sie aktiv sind. Wie können wir uns das vorstellen? Gibt es ein Büro, da kann man dann hinkommen? Oder sind Sie in einem, ich sage jetzt mal, keine Ahnung, Lager unterwegs und suchen ganz gezielt danach, sprechen die Frauen an und sagen: „Brauchen Sie Hilfe? Wir sind da.“ Oder wie kann man sich das vorstellen, wenn man sagt, Sie sind dort ansässig?

[00:14:32.750] - Dr. Monika Hauser 

Also das ist zum einen natürlich sehr unterschiedlich, und wenn ich wir sage, dann meine ich mittlerweile natürlich in erster Linie die Partnerorganisationen vor Ort, die diese Arbeit tun. Damals in Bosnien haben wir drei Therapiezentren an drei verschiedenen Orten in Zentralbosnien aufgebaut, und das größte davon in der Stadt Zenica gibt es nach wie vor. Das ist nach wie vor ein Haus, wo Frauen zur gynäkologischen und psychosozialen Unterstützung kommen können, zur Beratung, als auch ein Safe House, also ein Schutzhaus da mit gekoppelt ist, wo Frauen hinkommen können. Das ist eine Art von Modell, die wir in mehreren Partnerorganisationen sehen. Und ja klar, die Kolleginnen haben ein Haus, was sie so einrichten, wie sie selber es haben möchten, um eine vertraute Atmosphäre herzustellen. Das ist nicht anders als eine Beratungsstelle hier in Deutschland. Sie haben Büroräume, sie machen Öffentlichkeitsarbeit, sie haben eine Finanzabteilung, weil überall natürlich das Geld entsprechend korrekt abgerechnet werden muss. Das haben wir in all diesen Projektländern.

Aber ich möchte noch mal deutlich machen: Also es gibt die Programme, die wir selber aufgebaut haben, in Bosnien, im Kosovo, in Afghanistan und in Liberia. Organisationen, die jetzt schon mehrere Jahre selbstständig sind, und eben die Kooperation mit Partnerorganisationen, die eigene Strukturen haben. Und dann haben wir zwei Regionalbüros, also neben unserer Zentrale in Köln und einem Büro in Berlin - insgesamt sind wir fast 100 Kolleginnen von medica mondiale in Deutschland - haben wir zwei Regionalbüros, eines in Burundi und eines im Nordirak, von wo aus die Arbeit koordiniert wird.

[00:16:17.580] - Nadia Kailouli 

Jetzt vermisst man irgendwie dann noch zwei Orte, wenn man auf Krieg blickt, und zwar die Ukraine und Gaza, Palästina, Israel. Da sind Sie nicht aktiv.

[00:16:28.010] - Dr. Monika Hauser 

Man vermisst noch mehrere Orte. Wir könnten auch den Sudan nennen, wo extrem viel sexualisierte Gewalt geschehen ist. Tigray und so weiter.

[00:16:36.850] - Nadia Kailouli 

Libyen.

[00:16:37.730] - Dr. Monika Hauser 

Also an Ländern, wo wir tätig sein könnten, mangelt es definitiv nicht. Wir haben aber irgendwann im Laufe dieser letzten 33 Jahre ein fürchterliches Wort lernen müssen und das Wort heißt "Nein". Als Feministinnen sind wir natürlich sehr unglücklich über diesen Begriff, weil wir die Notwendigkeit sehen, in weitere Kontexte zu gehen. Aber wir haben auch gelernt, uns, also uns zu beschränken und haben uns entschieden, in Schwerpunktregionen zu arbeiten, die ich vorher aufgezählt habe, weil wir nachhaltig arbeiten wollen. Das heißt, wir sagen mittlerweile: Wir brauchen auch Geld, um für mindestens die Zeit einer Generation irgendwo zu arbeiten, um nachhaltig Frauen zu unterstützen und um transgenerationale Traumatisierung, also die Weitergabe von nicht verarbeiteten Traumata an die nächste Generation zu verhindern. Und auch das tun wir ja immer nur in diesen Ländern in dem Rahmen unserer Möglichkeiten. 

Das heißt, für uns ist es ein Muss, in diesen Ländern so lange zu bleiben, auch wie a) diese Organisationen selbstständig dann arbeiten können und b) wir gemeinsame weitere Projekte machen, um wirklich nachhaltig diese Arbeit verankern zu können. Das heißt nicht, dass wir nicht zum Beispiel in der Ukraine unmittelbar nach Putins Überfall auf die Ukraine eineinhalb Jahre lang Training, Qualifizierungstrainings mit ukrainischen Aktivistinnen und Frauen, die in Beratungsstellen gearbeitet haben, Trainings gemacht haben in einem Ansatz, dem stress- und traumasensiblen Ansatz, den wir in den ersten Jahren erarbeitet und entwickelt haben. Diesen Ansatz haben wir mit bosnischen und kosovarischen Kolleginnen gemeinsam entwickelt. Und es geht darum, dass in Regionen, wo wir wenig fachliche Ressourcen haben, aber natürlich sehr viel traumatisierte Frauen, die viel Ohnmacht und Isolation erleben, wie das generell ja der Fall ist im Kontext von sexualisierter Gewalt, diesen Frauen eine Unterstützung anzubieten, um sie zu stabilisieren, und ein sicheres Setting herzustellen. Dieser Ansatz, den trainieren wir mittlerweile weltweit, wie zum Beispiel auch im Nordirak. Also Ukraine ist ein Beispiel und im Nordirak jetzt seit 2016. 

Die kurdische Regierung im Nordirak ist die erste Regierung, die uns eingeladen hat, mit diesem Ansatz ihr kurdisches staatliches Gesundheitspersonal zu qualifizieren. Dem sind wir natürlich sehr gerne nachgekommen, weil uns klar war, wie wichtig die Arbeit dort auch ist und wie wichtig es ist, dass auch jene, die diese Arbeit tun, sich selber schützen können. Weil das ist das zweite Ziel dieses traumasensiblen Ansatzes neben der Stabilisierung der Klientin, der Selbstschutz. Das ist ein großes Thema für uns geworden. Bei all unseren Partnerinnen sehen wir natürlich, dass das eine wahnsinnig herausfordernde Arbeit ist. Das haben wir auch an uns selber erlebt, die zehrt an den eigenen Kräften, die kann auch retraumatisieren bei eigenen erlebten Gewalterfahrungen. Und daher ist es so wichtig, dass das Personal weiß, wie sie sich selber schützen können. Und das vermitteln wir eben auch über diesen Ansatz. Und das ist diese Qualifizierungsform, die wir jetzt in vielen Ländern praktizieren. 

Und vielleicht noch ein Erfolgserlebnis in Liberia: Dort haben es die Kolleginnen von Medica Liberia geschafft, im letzten Jahr diesen stress- und traumasensiblen Ansatz ins Curriculum der liberianischen Polizei zu bekommen, sodass die liberianische Polizei wirklich darin trainiert wird. Und wenn Frauen mit Gewalterfahrungen, häuslicher Gewalt, durch Fremde, kommen, dass sie wissen, dass sie hier Ansprechpartner:innen haben, die wirklich trainiert sind und qualifiziert sind. Sowas wünschte ich mir natürlich auch in Deutschland.

[00:20:49.010] - Nadia Kailouli 

Dass das auch im Curriculum der deutschen Polizei auftaucht?

[00:20:52.570] - Dr. Monika Hauser 

Erst mal nicht so schnell vorstellbar.

[00:20:54.880] - Nadia Kailouli 

Ja, leider. Aber guter Hinweis und ich hoffe, die Zuständigen haben das gehört. Jetzt würde ich gerne noch mal von Ihnen wissen oder mit Ihnen differenzieren: Sie sind in Konflikt- und Kriegsregionen unterwegs. Jetzt sprechen Sie vermehrt immer von dem Thema häusliche Gewalt. Was meinen Sie damit genau? Weil ich in meinem Bild denke oder ich in meiner Vorstellung von Ihrer Arbeit und von dem, was da passiert, ist, dass sexuelle Gewalt ganz gezielt als Kriegswaffe eingesetzt wird und häusliche Gewalt für mich da stattfindet, wo man zu Hause ist, mit dem Partner zusammenlebt. Wie differenzieren Sie da Ihre Arbeit? Also sind Sie auch dort unterwegs bei den Menschen zu Hause, die in Konfliktregionen leben und aufgrund der Situation im eigenen Land kann es dann eben zu Hause auch zu Gewalt kommen. Ich meine, überall passiert Gewalt, leider zu Hause, in Partnerschaften. Oder reden Sie davon zu sagen, wir gehen ganz gezielt dahin, wo Frauen sich selber nicht schützen konnten, weil sie halt einfach in einer Kriegssituation leben und dort eben sexuelle Gewalt als Kriegswaffe ganz gezielt angewendet worden ist?

[00:21:52.130] - Dr. Monika Hauser 

Das wäre ja merkwürdig, wenn in den Beratungsstellen Frauen abgewiesen würden, die wegen häuslicher Gewalt kommen. Also wir unterstützen natürlich in erster Linie Frauen, die sexualisierte Gewalt in Kriegs- und Post-Konflikt-Situationen erleben. Und wir sprechen von einem Kontinuum. Das heißt, sexualisierte Gewalt passiert vor, während und nach dem Krieg. Und natürlich passiert sie während dem Krieg auch als funktional eingesetzte Kriegswaffe. Nur sie passiert eben nicht nur deswegen, sondern weil Sicherheitsstrukturen, Polizei, das alles bricht zusammen in einem Krieg. Und Soldaten mit der Waffe in der Hand nehmen sich, was sie wollen. Also das heißt, wir können nicht bei jeder Gewalt nachweisen, dass das jetzt eine funktional eingesetzte Kriegswaffe gewesen wäre. Die gibt es natürlich. Das haben wir in Bosnien erlebt, das haben wir in Ruanda erlebt, in anderen Kriegskontexten, dass funktional politische und militärische Interessen umgesetzt werden durch Kriegsvergewaltigungen. Aber es lässt sich seltenst nachweisen, dass der Machthaber gesagt hat: „Geht hin und vergewaltigt für folgende Ziele...“Das lässt sich kaum nachweisen, was ja auch ein Problem bei Kriegsverbrechertribunalen ist. 

Aber was ganz klar ist, dass eine stillschweigend tolerierende Führung das begünstigt, dass Vergewaltigungen passieren. Vergewaltigungen in Kriegen sind systemimmanent, kann man sagen. Es gibt kaum Kriege, wo es keine Vergewaltigung, wo es nicht zu sexualisierter Gewalt kam. Und wenn natürlich dann die Führung auch noch, wie zum Beispiel Putin, der die Täter von Butscha ausgezeichnet hat, damit sozusagen ein Code ausgibt, es ist völlig okay, wenn ihr vergewaltigt, dann wissen die Männer natürlich, dass sie komplett straflos bleiben werden. Also das ist dieses Konstrukt von Tolerieren, Bagatellisieren der Gewalt und kompletter Straflosigkeit, ist unser großes Problem, dass eben diese Gewalt dann nicht geahndet wird. Wenn ich aber sage, wir sehen das als Kontinuum, dann bedeutet das, dass wir eben nicht nur auf diese sexualisierte Gewalt als sogenannte Kriegswaffe schauen, weil das nicht der Realität der Frauen entspricht. Frauen werden wie gesagt vor, während und nach dem Krieg vergewaltigt. 

Wir sehen sehr häufig in den Nachkriegsgesellschaften, dass häusliche Gewalt enorm steigt, dass es in diesen Nachkriegsgesellschaften wie zu einer Normalisierung von sexualisierter Gewalt kommt. Und das bedeutet natürlich, dass die Kolleginnen vor Ort sehr viel Aufklärung machen, zum Beispiel an Schulen, wenn Lehrer dem Mädchen sagen: „Komm heute Nachmittag da und dahin und dann kriegst du eine bessere Note und wir sind eine Stunde zusammen.“ Also das heißt, es gibt immer weniger die Norm, dass sexualisierte Gewalt ein Verbrechen ist, wenn im Krieg so viel Gewalt passiert ist, die komplett straffrei bleibt und die danach auch nicht thematisiert wird. Daher ist es so wichtig, dass bei Friedensschlüssen unbedingt die Realitäten von Frauen mit einbezogen werden müssen fürs Gesundheitssystem, dass das ausgerichtet ist danach, dass es eben zum Beispiel traumasensible Angebote macht. Die Justiz muss darauf ausgerichtet sein, dass sie Kriegsverbrechen ahndet. Und so weiter. 

Nur wenn Frauen kaum beteiligt sind bei Friedensschlüssen - und es ist tragisch zu sagen, nach so vielen Jahren, wo die UN Resolutionen erlassen hat, in denen das alles drinsteht, von dem ich spreche, und das alles nicht umgesetzt wird, und wir wirklich... Also die UN-Resolution 1325 ist die für uns wichtigste Resolution, in der das alles drinsteht. Die ist im Jahre 2000 von Kofi A. Annan erlassen worden. 2000! Das heißt, wir sind 26 Jahre später und es gibt nur von, sagen wir mal, von 40 Friedensschlüssen noch nicht mal eine Handvoll, wo Frauen wirklich maßgeblich mit beteiligt waren, sodass die Realitäten Frauen überhaupt nicht aufscheinen in diesen Friedensschlüssen.

[00:26:09.520] - Nadia Kailouli 

Obwohl es ja so viele Berichte ja mittlerweile gibt. Das ist ja jetzt nicht nur, ja, eine Organisation hat mal irgendwie ein Testimonial aufgenommen und ist damit jetzt rausgegangen, sondern wenn wir uns die, sagen wir mal, die Historie der Kriege der letzten, weiß ich nicht, 50 Jahre anschauen. Und wenn Sie sagen, Sie sind ja jetzt auch schon seit 33 Jahren mit dabei mit Ihrer Organisation, dann hat man ja von dir etwas schwarz auf weiß auf dem Tisch liegen, wo man sagen kann: Das und das ist passiert und da und da müssen wir ansetzen. Können Sie sich denn erklären, nach all der Erfahrung, den Gesprächen, die Sie in verschiedenen Ländern auch geführt haben, warum man da zum Beispiel nicht aktiver Resolutionen anpasst oder sich aktiver darum kümmert und Frauen mehr einbezieht in diese Debatten?

[00:26:53.110] - Dr. Monika Hauser 

Wer ist man? Ich gucke vor allem auf die internationale Gemeinschaft, die ja diese UN-Resolution 1325 miterlassen hat, und viele Länder, die mittlerweile eigene nationale Aktionspläne haben. Deutschland zum Beispiel ist dabei, den vierten nationalen Aktionsplan zu erstellen. Das ist jetzt eineinhalb Jahre her, dass der hätte herauskommen sollen, und wir sind ja sehr aktiv in der Politik politischen Lobbyarbeit in Berlin. Und es gibt ein Netzwerk zu dieser Resolution 1325, was hier sehr agil auch die deutsche Bundesregierung immer wieder mit ihr kooperiert. Aber das hängt natürlich von der Kooperationsbereitschaft der Bundesregierung ab. Dieser vierte nationale Aktionsplan ist jetzt seit eineinhalb Jahren in der Schublade.

 Das heißt, ich komme auf Ihr „man“ zurück. Wer ist „man“? Natürlich passieren die Verbrechen in den Ländern, in diesen Konflikten, aber die internationale Gemeinschaft hat sich politische Instrumente gegeben, wie zum Beispiel diese Resolution 1325, und hat sich darauf geeinigt, gemeinsam politische Normen zu haben, dass sexualisierte Kriegsgewalt dokumentiert und geahndet wird und kriminalisiert wird, doch auch zum Beispiel durch den Internationalen Strafgerichtshof. Wo bleibt der politische Wille der internationalen Gemeinschaft, das auch alles wirklich umzusetzen? Deutschland ist durch mehrere politische Instrumente, völkerstrafrechtliche Instrumente verpflichtet, diesen Dingen nachzukommen. Die, ich sag's noch mal, dieser vierte nationale Aktionsplan, der für uns sehr, sehr wichtig ist, und vor allem für die Frauen vor Ort, dass der umgesetzt wird, liegt seit eineinhalb Jahren in der Schublade, und es gibt keine Anzeichen, dass das hier endlich umgesetzt werden soll. Also frauenpolitisch gesehen fällt die Bundesregierung hier geht hier komplett durch jegliches Raster. Und für uns ist es eigentlich klar, dass wir sagen: Ziel verpasst, sitzen bleiben und kein Platz im UN-Sicherheitsrat. 

Das ist ja eigentlich klar, dass hier Ziele überhaupt nicht erreicht wurden, für die sich Deutschland vor Jahren absolut stark gemacht hat und die auch so wichtig wären umzusetzen. Denn es ist doch so kurzsichtig zu sagen, wir rüsten jetzt hier mit sehr viel Geld in Deutschland auf und gleichzeitig unterstützen wir nicht mehr die Frauenrechtsorganisationen vor Ort, weil überall wahnsinnig gekürzt wird in der Entwicklungszusammenarbeit. Das merken wir, das merken natürlich ganz schmerzlich unsere Partnerinnen vor Ort. Dafür können diese Partnerinnen aber nicht mehr ihre Arbeit machen. 

Das heißt, traumatisierte Frauen erhalten viel weniger Unterstützung, was wieder die Folge hat, dass transgenerational sehr viele Traumata wieder weitergegeben werden, was neue Gewaltausbrüche verursacht. Denn es ist ja sehr wichtig, diese Nachkriegsgesellschaften zu unterstützen, damit sie eine Friedensfähigkeit bekommen. Das wissen wir doch auch von der deutschen Nachkriegsgesellschaft, wie wichtig es ist, Traumata zu bearbeiten und was es bedeutet, wenn die nicht bearbeitet werden.

[00:30:10.860] - Nadia Kailouli 

Also da geht es ja um ganze Familien. Ich denke jetzt zum Beispiel auch an Kinder, die Frauen, die Familien haben. Und wenn die eigene Mutter Kriegsgewalt oder sexuelle Gewalt innerhalb des Krieges, egal ob das jetzt von den Kriegsparteien oder häusliche Gewalt oder was auch immer dann war, erlebt hat, dass dieses Traumata sich ja auch auf die Kinder überträgt oder vielleicht Kinder eben durch Vergewaltigung geboren worden sind und so. Und da muss man ja auch gucken, wie kriegt man dieses Kind lebensfähig in die Gesellschaft integriert.

[00:30:38.580] - Dr. Monika Hauser 

Davon spreche ich, wenn ich von transgenerationaler Traumatisierung spreche, dass das dann übergeben wird an die nächste Generation. Und wir das ja auch in Deutschland als eine Nachkriegsfolge sehen und die heutige jüngere Generation mit vielen Problemen zu kämpfen hat, aber gar nicht mehr die Verbindung weiß zu dem, was sie, was die Eltern und Großeltern erlebt haben im Ersten und Zweiten Weltkrieg und dadurch die Traumata überhaupt nicht aufgelöst werden können. Wir haben sehr viele geflüchtete Menschen und Migrant:innen in Deutschland, die alle ihre eigene Geschichte mitgebracht haben, auch von Konflikt und Krieg. Und das schreit doch danach, dass es hier ein großes Wissen um diese Zusammenhänge geben muss, damit das aufgelöst werden kann. Also ich habe da der Bundesregierung eine sehr schlechte Note vorher ausgestellt. Dabei könnte sie eine und müsste sie eine Voreiterinnenrolle haben, gerade aufgrund der eigenen Geschichte, gerade aufgrund des eigenen Wohlstands, aufgrund dessen, dass wir auch davon profitieren, wie auch Ressourcen in vielen Ländern des Südens durch unsere Wirtschaft ausgeschöpft und abgeschöpft werden. 

Und es gab zum Beispiel, wenn es um Völkerstrafrecht geht, zwei wirklich historische Urteile hier in Deutschland in den letzten Jahren. Das eine war, dass in einem Völkerstrafrechtsprozess, dass ein IS-Täter wegen sexueller Versklavung verurteilt wurde. Erstmalig weltweit. Und dass eine führende Person des syrischen Geheimdienstes von Assad ebenfalls für sexualisierte Gewalt verurteilt wurde. Auch das erstmalig. Also Deutschland hätte hier wirklich eine große Chance, eine viel wichtigere Rolle zu spielen. Wir Organisationen stehen bereit, da die Bundesregierung zu begleiten, zu beraten, weil wir, viele von uns diese Arbeit schon so lange tun und wir sehen diese Zusammenhänge auch schon sehr lange. Und es ist tragisch, dass derzeit hier eine komplette Rückwärtsbewegung stattfindet und Gelder gekürzt werden an fatalen Stellen, nur weil man auch unter anderem Angst hat vor politischen rechten Kräften. Das halte ich für die völlig falsche Politik. Das wird das eher fördern, als dass man es damit eindämmen kann.

[00:33:04.860] - Nadia Kailouli 

Ich möchte noch mal zurück auf die Arbeit vor Ort mit Ihnen blicken. Gibt es Regionen oder Erlebnisse, wo Sie heute rückblickend sagen, die Sie erlebt haben oder die Sie mitgeteilt bekommen haben von Leuten, die in diesen Teams unterwegs sind, wo Sie das Gefühl hatten, puh, zum Glück sind wir hier. Also das, wo Sie dachten, genau deswegen sind wir hier, damit wir noch mal besser verstehen können, was die Frauen vor Ort erleben und warum sie dann Ihre Hilfe brauchen?

[00:33:30.590] - Dr. Monika Hauser 

Ja, das habe ich an vielen Stellen erlebt. Und ja, für mich ist nach wie vor Afghanistan, unsere 20-jährige Arbeit in Afghanistan, eine der wesentlichsten Erfahrungen unserer Organisation gewesen und auch die bitterste Pille gleichzeitig in den 30 Jahren. Ich habe erlebt, wie Frauen wegen sogenannter moralischer Verbrechen in Kabul, Herat oder Masar-i-Scharif, wo wir Zentralen aufgebaut haben, wo diese Frauen eben wegen moralischer Verbrechen ins Gefängnis kamen. Also sie kamen ins Gefängnis, nicht der Täter. Und wir dann Juristinnen und Sozialarbeiterinnen fortgebildet haben darin, im Justizapparat ein Wissen reinzubringen über diese Zusammenhänge. Und diese Frauen dann freigekommen sind und die Sozialarbeiterinnen mit den Frauen nach Hause in ihre Orte gegangen sind, um zu sehen, ob sie dort überhaupt sicher sind. Weil manche Frauen waren sicherer im Gefängnis als zu Hause, muss man schmerzlicherweise sagen. Und es dann auch Väter gab, die, wenn die Sozialarbeiterin kam und dem Vater erklärt hat, was er da gemacht hat, wenn er seine 12-jährige zwangsverheiratet und sie eben von zu Hause weggelaufen ist, in der Stadt aufgegriffen wurde, ins Gefängnis kam und er sich wochenlang auch gar nicht erkundigt hat, wie es ihr geht. Und sie dann frei kam, dieses Mädchen, und die Sozialarbeiterin ihm diese ganzen Zusammenhänge erklärt hat und er dann weinend zusammenbrach und gesagt hat: „Ich wusste nicht, wie ich diese Tochter noch ernähren soll.“ Also Armut und patriarchale Strukturen kommen ja hier sehr oft zusammen. Das fand ich extrem berührend. Und dieser Vater hat die Arme weit aufgemacht und gesagt: „Tochter, verzeih mir. Und selbstverständlich hast du hier einen Platz zu Hause.“ Und er angefangen hat, seine Brüder in der weiteren Familie aufzuklären darüber, dass sie nicht mehr ihre Töchter zwangsverheiraten sollen. Das waren ganz wichtige Erfolge im Kleinen, die aber so wichtige Botschaften in diesem Land waren. Und über Mund-zu-Mund-Propaganda sind diese Botschaften ja immer weiter in so einer Wellenbewegung immer weitergetragen worden. 

Ja, ich könnte sehr lange über die Arbeit in Afghanistan berichten. Die Kolleginnen dort haben wirklich sehr, sehr mutig unter großen eigenen Gefahren, und diese Gefahren gab es schon vor '21, 2021, also bevor die Taliban das Land übernommen haben, okkupiert haben, gab es diese Gefahr. Und gleichzeitig gab es aber auch so ein Fenster, ein offenes Fenster der Möglichkeiten, was die Kolleginnen absolut genutzt haben, um hier ganz neue Normen aufzubauen. Und da gab es ja manchmal den Vorwurf, der westliche Feminismus würde hier importiert werden. Das war Quatsch, das ist an allen Stellen Quatsch, weil die Kolleginnen dort, die brauchen das nicht, die haben selber diese feministischen Ideen. Die brauchen finanzielle Unterstützung, die brauchen auch Begleitung bei Aufbau von Strukturen, vielleicht auch von fachlichen Ansätzen, aber die haben so viel Energie, ja, die haben so viel Kraft, und vor allem haben sie wahnsinnig viel Mut angesichts der Bedingungen in ihren Gesellschaften. Und ich spreche von zu allen Ländern, in denen wir arbeiten, dieser Mut, dieser Patriarchalität die Stirn zu bieten, weil sie wissen, sie machen es für die Frauen des Landes und sie machen es eben auch immer für sich selber.

[00:37:02.520] - Nadia Kailouli 

Aber bedeutet das auch teilweise, dass Frauen, die sich mit Ihnen in Verbindung setzen, weil sie von Ihnen Unterstützung erhoffen, sich selbst alleine dadurch in Gefahr bringen, weil sie sich eben an Sie richten und sagen: „Können Sie mir helfen?“

[00:37:16.940] - Dr. Monika Hauser 

Also der Weg ist ein bisschen anders. Wir machen Ausschreibungen, lernen neue kleine kleinere Organisationen kennen, und dann bauen sich langsam Partnerschaften auf. Aber in all diesen Ländern sind Frauen gefährdet, weil sie diese Arbeit tun. Und sie werden immer gefährdeter, je antifeministischer, je gewalttätiger, je autoritärer die Welt, die Länder und die Welt werden. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen, in diesen Ländern sind Frauenaktivistinnen gefährdet. Und daher ist es so wichtig, dass zum Beispiel auch die deutsche Außenpolitik über ihre Botschaften vor Ort hier immer wieder Frauen einlädt, mit ihnen spricht und damit auch einen gewissen Schutz ausübt. Das muss man manchmal sehr strategisch machen, weil Sie recht haben, es kann auch manchmal eine Gefahr sein. 

Aber es gibt überall Wege, Frauen zu schützen. Nur wenn man sich überhaupt nicht dafür interessiert, Frauen einzuladen, Frauen kennenzulernen, ihre Arbeit und ihre Erfahrungen kennenzulernen, dann ist die Bedrohung ja noch größer für die Aktivistinnen. Und ja, die Situation wird immer gefährlicher in vielen Ländern. Eine kongolesische Feministin hat einmal zu mir gesagt: „Ja, Feministin zu sein heißt, dass ich weiß, dass ich auch umgebracht werden könnte.“

[00:38:37.070] - Nadia Kailouli 

Was macht das mit Ihnen ganz persönlich nach all den Jahren, wo und wie Sie aktiv sind und auf die heutige Zeit gucken? Sie haben ja gerade ein sehr, sehr starkes Urteil gesprochen über Ihre Einstellung zu dem, wie sich die Bundesregierung dahingehend verhält, was zum Beispiel auch jetzt eben den UN-Sicherheitsrat betrifft etc. etc. Wie blicken Sie auf die Zeit, die da auf uns zukommt, gerade was auch Ihre Arbeit und den Schutz von Frauen und Kindern betrifft?

[00:39:04.350] - Dr. Monika Hauser 

Ja, als Menschenrechtlerin sage ich natürlich, das Glas ist halb voll, sonst könnte ich schon lange meine Arbeit nicht mehr tun. Aber in der Tat, in den 90er Jahren, als wir angefangen haben, war die Solidarität, war die Bereitschaft auch in der Bevölkerung hier wirklich zu unterstützen und selber aktiv zu werden in der Begleitung, aber auch bestimmte politische Haltungen... Ja, das, also was ich heute oft höre, wäre damals gar nicht möglich gewesen. Da gibt's Veränderungen, die mit dieser neokolonialen Wirtschaftspolitik in den letzten 20, 25 Jahren zu tun haben, die Vereinzelung, die kapitalistische Einstellung und natürlich auch die zunehmende Tendenzen der Rechtspolitik sind sehr gefährlich für unser Gemeinwesen, und hier müsste jede Regierung komplett dagegenhalten. 

Und ich bin mir sehr sicher, wenn man stark dagegenhalten würde und positive Erfolge zeigt, weil man wirklich Politik für die Bürger und Bürgerinnen macht, dass das auch rechte Kräfte austrocknen würde. Ja, also ich sag trotzdem halbvolles Glas. Unsere Kolleginnen vor Ort leben und arbeiten oft in viel schwierigeren Bedingungen und zeigen uns oft auch modellhaft, was es bedeutet, wirklich Frauenrechtlerin zu sein. Und das gibt mir und meinen Kolleginnen hier in Deutschland auch immer wieder Kraft. Aber natürlich müssen wir dranbleiben. Die Finanzierung für Frauenorganisationen muss gewährleistet bleiben, damit sie ihre Arbeit machen können. Sie müssen geschützt werden politisch. Wir müssen präventiv arbeiten, indem wir immer wieder Aufklärungsarbeit in jede Richtung leisten. Sexualisierte Kriegsgewalt muss geahndet werden, weil die Straflosigkeit ist ja mit ein Hauptgrund, warum diese Männer denken, dass sie agieren können, wie sie wollen, weil sie sowieso straffrei bleiben. Und das alles zusammen muss weitergehen und wir werden dafür kämpfen, so schwierig die Bedingungen auch weiter werden. 

Aber auch haben wir ein tolles Unterstützerinnen-Netzwerk hier in Deutschland, die uns schon lange begleiten, viele Jahrzehnte mittlerweile. Die uns politisch, moralisch unterstützen und natürlich auch finanziell. Ohne finanzielle Unterstützung von Spender:innen können wir ja unsere ganze Arbeit nicht tun, gerade angesichts der Kürzungen durch die Bundesregierung. Solidarisch zusammenhalten, jeden Tag hinschauen und man kriegt ja auch Kraft, indem man unterstützt. Das Geben gibt manchmal viel mehr Kraft als das Nehmen und ich denke, dass wir alle eine sehr große Verantwortung dafür haben, wie diese Gesellschaft aussieht.

[00:41:50.500] - Nadia Kailouli 

Sie haben medica mondiale zu Ihrem Lebensinhalt gemacht. Und ich finde, es wird in diesem Gespräch auch sehr deutlich, dass Sie darüber hinaus in allen Instanzen, die es so braucht, um sich für Menschenrechte, Frauenrechte stark zu machen, braucht. Wenn Sie jetzt mal rückblicken auf die Entscheidung, die Sie dann 1992 getroffen haben, welches Fazit ziehen Sie für sich?

[00:42:14.050] - Dr. Monika Hauser 

Dass es keinen Grund gibt, nicht zu handeln, weil unsere Solidarität, unsere Kraft ist uns gegeben und diese Talente dürfen wir auf gar keinen Fall verschwenden. Und wir haben Verantwortung in der Welt zu übernehmen.

[00:42:30.180] - Nadia Kailouli 

Ich finde, das ist ein wundervoller Satz, um dieses Gespräch an dieser Stelle erstmal zu beenden. Vielen, vielen Dank, dass Sie heute bei uns waren, dass wir einen Einblick in Ihre Arbeit bekommen haben von medica mondiale! Und ich sage mal bis bald. Vielen Dank, Dr. Monika Hauser!

[00:42:42.280] - Dr. Monika Hauser 

Ja, herzlichen Dank auch!

[00:42:47.270] - Nadia Kailouli 

Ach Leute, ich habe dieser Frau wirklich sehr, sehr gerne zugehört und ich möchte eine Sache mit euch teilen, die ich für mich mitnehme und wo ich mir denke: „Ja, da hat sie recht.“ Diese Solidarität, die ist so wichtig, wenn wir - weil man sich immer denkt: 

„Ja, wie soll ich helfen?“ 

„Was sollen wir denn machen?“

 Und „Wir können doch nicht alle retten“ und so. 

Aber wenn wir anfangen, dass wir solidarisch wieder mehr miteinander sind und dahin blicken, wo man sagt: Hey, da brauchen Frauen, Kinder, Familien, ich weiß nicht was, Hilfe, Unterstützung und ich solidarisiere mich mit der Idee davon, dass das gut ist, dass das stattfindet - da wäre schon so viel, so viel getan. 

An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich mal bei euch bedanken, dass ihr uns so treu zuhört und dass ihr auch bei schwierigen Themen dranbleibt. 

Wenn ihr wollt, dann folgt uns doch gerne, abonniert unseren Kanal, und wenn ihr uns persönlich einmal schreiben wollt, dann könnt ihr das natürlich sehr gerne tun. 

Eine E-Mail könnt ihr einfach schreiben an einbiszwei@ubskm.bund.de.

Mehr Infos zur Folge

Als sie 1992 im STERN einen Artikel über die Massenvergewaltigungen von Frauen und Mädchen in bosnischen Lagern liest, beschließt Monika Hauser, dass sie helfen muss. Sie macht sich auf den Weg, was für eine junge, angehende Ärztin nicht so einfach ist. Monika Hauser kommt tatsächlich in Bosnien an – und stößt dort auf Ablehnung bei den Männern und auf Schweigen bei den Frauen. Noch mitten im Krieg eröffnet sie ein Jahr später das weltweit erste Zentrum für kriegstraumatisierte Frauen. Dies ist der Anfang von medica mondiale, einer Organisation, die in Kriegen und Konflikten gegen sexualisierte Kriegsgewalt und für traumatisierte Frauen kämpft.

Heute ist die Organisation weltweit tätig. Medica mondiale ist weiterhin in Südosteuropa aktiv, aber auch in Ländern wie Afghanistan und der Demokratischen Republik Kongo. Im Zentrum steht ein langfristiger, nachhaltiger Ansatz. 

Hilfe soll nicht nur in akuten Krisen- und Kriegssituationen stattfinden, sondern auch darüber hinaus. Dafür arbeitet medica mondiale mit lokalen Partnerorganisationen zusammen und hat aus der praktischen Arbeit heraus einen eigenen traumasensiblen Ansatz entwickelt. 

Grundlegend ist dabei die Perspektive, dass sexualisierte Gewalt nicht nur in Kriegszeiten passiert, sondern als Kontinuum verstanden werden muss. Frauen und Mädchen sind vor, während und nach Kriegen betroffen. Wie medica mondiale arbeitet und was sie in Kriegsgebieten erleben musste, erzählt Monika Hauser bei einbiszwei.

© Stefan Frohloff

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Interviewpodcast „Alles gesagt?” der Zeit mit Monika Hauser (12/2023)
Monika Hauser, wie helfen Sie Frauen im Krieg?

Zur 3sat-Sendung mit Monika Hauser (01/2024)
Monika Hauser über Gewalt gegen Frauen im Krieg

Deutschland.de: Interview mit Monika Hauser (02/2024)
Hilfe für Frauen in Konflikten

Artikel über Monika Hauser und medica mondiale der ÄrzteZeitung (09/2024)
Sexualisierte Kriegsgewalt hat gravierende Langzeitfolgen

Deutschlandfunk-Artikel über Sexualisierte Gewalt im Krieg (08/2025)
Vergewaltigung als Kriegswaffe

Weitere Infos und Hilfsangebote

Wenn du Missbrauch erlebt hast, und Hilfe oder Beratung suchst, kannst du dich auch an diese Stellen wenden:

Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch 

Anrufen – auch im Zweifelsfall 
0800 22 55 530 (kostenfrei und anonym) 
Telefonzeiten: 
Mo., Mi., Fr.: 9.00 bis 14.00 Uhr
Di., Do.: 15.00 bis 20.00 Uhr

(Nicht besetzt an bundesweiten Feiertagen und am 24. und 31. Dezember.)

Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch
 

Wenn Sie Fragen oder Ideen zu einbiszwei haben:

einbiszwei@ubskm.bund.de

einbiszwei – der Podcast über sexuelle Gewalt

einbiszwei ist der Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt. einbiszwei? Ja genau – statistisch gesehen gibt es in jeder Schulklasse in Deutschland ein bis zwei Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Eine unglaublich hohe Zahl also. Bei einbiszwei spricht Gastgeberin Nadia Kailouli mit Kinderschutzexpert:innen, Fahnder:innen, Journalist:innen oder Menschen, die selbst betroffen sind, über persönliche Geschichten und darüber, was getan werden muss damit sich was ändert. Jeden Freitag eine neue Folge einbiszwei – überall, wo es Podcasts gibt. Schön, dass du uns zuhörst.

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