Kinder und Jugendliche können sich auch im Internet nicht alleine schützen. Die Verantwortung dafür, dass sie sich auch im Netz sicher bewegen können, liegt bei den Anbietern von Onlinediensten und Netzwerkanbietern genauso wie bei Eltern und pädagogischen Fachkräften.
Offline- und Onlinewelt lassen sich nicht klar trennen. Die Kommunikation mit analog bekannten Kontakten kann sich online fortsetzen, während digitale Bekanntschaften auch offline getroffen werden. Dementsprechend kann digitale Anbahnung (Cybergrooming) zu analogem Missbrauch führen und umgekehrt.
Täter und Täterinnen im Internet
Sexualisierte Gewalt im Netz geht nicht nur von fremden Personen aus, sondern auch von Menschen aus dem eigenen Umfeld – von Erwachsenen und Gleichaltrigen. Durch Smartphones und dauerhafte Internetverfügbarkeit hat sich der Einflussbereich von Tätern und Täterinnen erweitert. Die Möglichkeit, anonym oder unter falscher Identität zu jeder Zeit zu kommunizieren und verschlüsselte digitale Räume zu nutzen, erleichtert es, unentdeckt zu bleiben. Kommunikation wird häufig gezielt in private oder verschlüsselte Kanäle verlagert, die für Außenstehende schwer einsehbar sind.
Tatstrategien im digitalen und analogen Raum weisen viele Parallelen auf. Tatpersonen nutzen Macht, Vertrauen, Unsicherheiten und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen aus, um Nähe, Abhängigkeit und Kontrolle herzustellen. Geheimhaltung spielt auch im digitalen Raum eine zentrale Rolle. Tatpersonen sprechen Kinder und Jugendliche zudem oft gezielt in belastenden Lebenssituationen an – etwa bei Einsamkeit, familiären Konflikten, Ausgrenzungserfahrungen oder finanziellen Sorgen – und nutzen emotionale oder materielle Bedürfnisse aus.
- www.fragzebra.de: Wie gehen Cybergrooming-Täterinnen und -Täter vor?
Meldestellen bei sexualisierter Gewalt im Internet
Wer auf Missbrauchsdarstellungen stößt, sollte diese umgehend melden – ohne sie weiterzuleiten, zu speichern oder Screenshots zu erstellen, da dies strafbar sein kann. Meldestellen sind jugendschutz.net, die Beschwerdestellen von FSM und eco sowie die Polizei.
Zentral für die Intervention bei sexualisierter Gewalt im Netz sind die drei Beschwerdestellen jugendschutz.net, eco (Verband der Internetwirtschaft e. V.) und FSM (Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e. V.). Sie sind Teil des Safer Internet Awareness Centres und fungieren als offizielle Meldestellen für illegale Inhalte.
Die Stellen prüfen, ob gemeldete Inhalte Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche enthalten, und fordern Anbieter zur Löschung auf. Inhalte mit strafrechtlicher Relevanz werden an das Bundeskriminalamt (BKA) weitergeleitet.
Alle drei Beschwerdestellen veröffentlichen Jahresberichte zu gemeldeten Inhalten und ihrer Arbeit. Rund 90 % der bei jugendschutz.net im Jahr 2024 eingegangenen Beschwerden betrafen Missbrauchsdarstellungen.
- jugendschutz.net
- eco – Beschwerdestelle der Internetwirtschaft e. V.
- FSM – Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e. V.
Präventionsmaßnahmen für den digitalen Raum
Präventive Maßnahmen aus der analogen Welt schützen auch im digitalen Raum. Sie müssen aber ergänzt werden durch weitere Maßnahmen, die die Besonderheiten der sexuellen Gewalt im Netz berücksichtigen.
Schutzkonzepte im digitalen Raum – Verantwortung der Online-Anbieter
Digitale Räume wie Online-Spiele oder Chats sollten mit Schutzmaßnahmen und Hilfeangeboten für Kinder und Jugendliche ausgestattet sein. Onlinedienste müssen mit umfassenden Schutzkonzepten gegen sexuelle Gewalt dafür sorgen, dass diese Umgebungen sicherer werden. Hierzu zählen allgemeine Guidelines gegen sexuelle Übergriffe und die Ahndung von Regelverstößen, aber auch altersgerechte und niedrigschwellige Melde- und Beschwerdemöglichkeiten, Altersverifikationsverfahren, Chatmoderationen und leicht zugängliche Hilfeangebote für Betroffene. Diese Anforderungen sind mit dem Digital Services Act seit Februar 2024 in der EU rechtlich verbindlich verankert. Die Verordnung schafft erstmals einen einheitlichen Rechtsrahmen zur Bekämpfung illegaler Inhalte im Netz und stärkt damit den Schutz von Minderjährigen und ihrer Grundrechte im digitalen Raum.
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Digitale Safe(r) Spaces sind digitale Räume – zum Beispiel Onlinespiele, Lernangebote oder Chats – die so gestaltet sind, dass Kinder und Jugendliche möglichst sicher miteinander spielen, lernen und kommunizieren können.
Prävention in Bildungseinrichtungen und Familien
Insbesondere Familien und Bildungseinrichtungen haben die Aufgabe, Kinder und Jugendliche aktiv beim Umgang mit digitalen Medien zu begleiten und dabei entstehende Risiken durch Aufklärung und Hilfeangebote zu reduzieren.
Eltern und Fachkräfte können Kinder und Jugendliche jedoch nur dann sinnvoll unterstützen, wenn sie wissen, welchen Gewaltformen Minderjährige im digitalen Raum ausgesetzt sein können, wie Strategien von Tätern und Täterinnen im Netz greifen und wie die Rechtslage ist. Deswegen sind (Fort-)Bildungsangebote für Fachkräfte zu Schutz und Hilfe bei sexueller Gewalt im Netz ebenso wichtig wie die Weitergabe dieses Wissens an die Eltern.
Besonders wichtig ist es, dass Bezugspersonen Minderjährigen gegenüber eine offene Haltung zu digitalen Lebenswelten signalisieren und Kinder und Jugendliche nicht verurteilen (wenn bspw. Jugendliche Bilder oder Videos von sich im Netz geteilt haben). Wenn Kinder und Jugendliche merken, dass sie bei Erwachsenen auf eine skeptische bis ablehnende Haltung stoßen, wird es ihnen schwerfallen, sich in Fällen von erlebtem missbräuchlichem Sexting, Sextortion, Cybergrooming oder der Konfrontation mit pornografischen Darstellungen vertrauensvoll an sie zu wenden.
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- Unser Heft „Das erste Smartphone“
Prävention durch Medien- und Sexualbildung
Altersgerechte Medienbildung stärkt Kinder und Jugendliche im sicheren Umgang mit digitalen Medien. Sie vermittelt Wissen über Schutzrechte, Risiken und Handlungsmöglichkeiten im Netz und fördert die Fähigkeit, Inhalte kritisch zu bewerten und persönliche Daten bewusst zu schützen. Ziel ist es, junge Menschen zu befähigen, Medien selbstbewusst, verantwortungsvoll und reflektiert zu nutzen und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Selbstschutzmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen sind entwicklungsbedingt begrenzt. Kinder können Gefährdungen oft noch nicht zuverlässig einschätzen und für Jugendliche kann riskantes Verhalten Teil einer normalen Entwicklung sein. Medienbildung kann Risiken verringern, ersetzt aber nicht Schutz durch Erwachsene, Institutionen und gesetzliche Rahmenbedingungen.
Neben der Medienbildung trägt auch eine moderne Sexualbildung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen bei. Sexuelle Entwicklung findet heute für viele Heranwachsende auch im digitalen Raum statt. Dabei können Kontakte und Vertrauensbeziehungen entstehen, die von Tätern und Täterinnen gezielt ausgenutzt werden können, um sexualisierte Gewalt auszuüben. Für Übergriffe tragen immer die Tatpersonen die Verantwortung, nicht die Betroffenen. Ein offener Umgang mit Fragen zu Sexualität und sexueller Entwicklung erleichtert es Jugendlichen, sich auch in solchen Situationen Hilfe zu suchen.
Aufklärung und Hilfe bei sexuellen Übergriffen unter Kindern und Jugendlichen
Zu einer umfassenden und differenzierten Betrachtung sexueller Gewalt im Internet gehört auch die Erkenntnis, dass auch Kinder und Jugendliche selbst sexuelle Übergriffe im Netz begehen (zum Beispiel missbräuchliches Sexting, Weiterleitung von Pornografie an Minderjährige oder Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen) – und das Wissen darüber, wie man den Betroffenen auch in dieser Situation helfen kann.
Wenn ein Kind oder ein*e Jugendliche*r den Mut aufbringt und beispielsweise von einem Sexting-Problem oder von Grooming-Erfahrungen erzählt, ist dies ein schwerer, aber mutiger Schritt und sollte entsprechend honoriert werden.
Dazu gehört auch, bei Übergriffen die Schuld nicht den betroffenen Kindern oder Jugendlichen zuzuschreiben – etwa durch Vorwürfe wie „Warum hast du solche Bilder verschickt?“. Betroffene brauchen Unterstützung und die klare Botschaft, dass der Täter oder die Täterin ihr Vertrauen missbraucht hat und deshalb die Verantwortung trägt.
Es ist außerdem nicht zielführend, betroffenen Kindern und Jugendlichen pauschal ihre digitalen Endgeräte zu entziehen oder ihnen Anwendungen zu verbieten. Viel wichtiger ist, dass sie und ihre Bedürfnisse ernst genommen werden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich bei Problemen im Netz weiterhin vertrauensvoll Hilfe suchen.
Mehr Informationen zum Gespräch mit Kindern über sexualisierte Gewalt
- Unser Heft „Wie spreche ich darüber?“
Auswirkungen für Betroffene
Was einmal digital existiert, bleibt potenziell verfügbar. Durch die mögliche dauerhafte Verfügbarkeit der Missbrauchsdarstellungen können
Betroffene von ihren Gewalterfahrungen erneut eingeholt werden. Diese sekundäre Viktimisierung kann Betroffene belasten, (re-)traumatisieren und die Verarbeitung erschweren.
Betroffene berichten von Gefühlen des Ausgeliefertseins, Kontrollverlust und der Angst davor, dass ihr Umfeld davon erfährt. Scham und Selbstvorwürfe können den Zugang zu Hilfe zusätzlich erschweren. Umso wichtiger sind niedrigschwellige Unterstützungsangebote und die wiederholte Ermutigung, sich Hilfe zu holen.
Umso wichtiger ist es, dass Kinder und Jugendliche niedrigschwellige Angebote finden und immer wieder ermutigt werden, sich Hilfe zu holen.
Wenn ein Kind oder ein:e Jugendliche:r den Mut aufbringt und beispielsweise von einem Sexting-Problem oder von Grooming-Erfahrungen erzählt, ist dies ein schwerer, aber mutiger Schritt und sollte entsprechend honoriert werden.
Betroffene Kinder und Jugendliche fühlen sich in übergriffigen Situationen komplett ausgeliefert und leiden unter dem Kontrollverlust. Sie haben große Angst davor, dass ihre Familie, ihr Freundeskreis oder die Lehrer:innenschaft davon erfahren. Sie schämen sich für das Erlebte und machen sich meistens Vorwürfe, dass sie naiv waren und sich haben täuschen lassen. Umso wichtiger ist es, dass sie niedrigschwellige Angebote finden und immer wieder ermutigt werden, sich Hilfe zu holen.
Für Fachkräfte und für Eltern gilt, altersgemäß über sexuelle Gewalt mittels digitaler Medien zu sprechen. Das heißt zum Beispiel auch, bei Übergriffen trotz Verboten in der digitalen Welt die Schuld nicht auf die Kinder und Jugendlichen abzuwälzen im Sinne von: „Warum hast Du auch solche Bilder verschickt!“ Vielmehr brauchen Betroffene Trost und die Klarstellung, dass der Täter oder die Täterin ihr Vertrauen missbraucht hat und deshalb die Verantwortung trägt.
Hilfeangebote für Kinder, Jugendliche, Eltern und Fachkräfte
Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern und Fachkräfte haben die Möglichkeit, sich auch direkt im Netz an Hilfestrukturen zu wenden. Viele Beratungsstellen bieten mittlerweile Online-Beratung an. Für betroffene Jugendliche gibt es außerdem die Möglichkeit, sich durch Peer-to-Peer-Beratung von anderen Jugendlichen beraten zu lassen:
Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch (bundesweit, kostenfrei und anonym): 0800 22 55 530
Online-Beratung Schreib-Ollie des Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/online-beratung
Juuuport (für Jugendliche): www.juuuport.de
Jugend Support (für Jugendliche): www.jugend.support
Krisenchat (für Jugendliche): https://www.krisenchat.de/
Informationen und Materialien zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt im digitalen Raum: