Podcast | Folge: 155 | Dauer: 36:47

„Beschimpft, beschämt und bloßgestellt. Wie unsere Kinder unter der Gewalt von Lehrkräften leiden“ heißt dein Buch. Sind Lehrkräfte nicht vor allem überfordert, Katharina Elsner?

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Das Interview der Folge 155 als Transkript lesen

[00:00:01.640] - Katharina Elsner 

Und die Mutter hat mir eben erzählt, was passiert ist, dass Laya eben in die Grundschule damals gegangen ist, 1., 2. Klasse, und da auf dem Schulhof von zwei Jungen aus einer anderen Klasse angefasst wurde in Intimbereichen. Und sie ist danach tatsächlich auch zu einer Lehrerin gegangen und hat davon berichtet. Und die Lehrerin muss es eben der Klassenleiterin von den Jungen weitererzählt haben, sodass diese Klassenlehrerin von den Jungen sie vor ihre eigene Klasse gestellt hat, wo die beiden Jungen eben saßen, und hat sie zu ihr gesagt: "So, ja, jetzt erzähl noch mal, was passiert ist." Und sie war halt total in der Schockstarre, hat irgendwie angefangen zu weinen. Und die Lehrerin hat dann zu ihr gesagt: "Ja, also wenn du jetzt anfängst hier zu weinen, dann kann ja deine Geschichte nicht stimmen."

[00:00:45.990] - Nadia Kailouli 

Hi, herzlich willkommen bei einbiszwei, dem Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Ich bin Nadia Kailouli und in diesem Podcast geht es um persönliche Geschichten, um akute Missstände und um die Frage, was man tun kann, damit sich was ändert. Hier ist einbiszwei. Schön, dass du uns zuhörst! Gewalt in der Schule ist verboten. Spätestens seitdem das sogenannte Züchtigungsrecht für Lehrer in allen Bundesländern abgeschafft wurde. Sehr spät übrigens, 1980 in Bayern. Seitdem dürfen Lehrerinnen und Lehrer keine Gewalt mehr gegen ihre Schüler ausüben. In der Realität sieht das allerdings anders aus. Dazu hat die Journalistin und Autorin Katharina Elsner lange und sorgfältig recherchiert und zuhauf Fälle zusammengetragen. Aus vielen Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrkräften und Expertinnen und Experten ist das Buch "Beschimpft, beschämt und bloßgestellt - Wie unsere Kinder unter der Gewalt von Lehrkräften leiden" geworden. Und ich freue mich sehr, dass sie heute bei uns ist. Herzlich willkommen bei einbiswzwei, Katharina Elsner. Schön, dass du da bist!

[00:01:48.210] - Katharina Elsner 

Danke für die Einladung. Ich freue mich, hier zu sein!

[00:01:50.060] - Nadia Kailouli 

Katharina, wie war deine Schulzeit?

[00:01:51.910] - Katharina Elsner 

Gut, gut, mit kurzen Unterbrechungen würde ich sagen gut. Also so die Klassiker-Geschichten von - ich bin, glaube ich, gern zur Schule gegangen, weil ich da Freundinnen getroffen habe. Also für mich war das auch immer so ein sozialer Ort. Und es war aber auch ein Ort, wo natürlich immer: Ah, da ist die Lehrerin und die sagt jetzt, was man irgendwie machen soll. Und ich war ein sehr aufmüpfiges Kind und vor allem eine aufmüpfige Jugendliche, auch so mit Rauswerfen und so diese ganzen Geschichten. Und ja, und das habe ich jetzt erst aber auch wiedergefunden, als ich mich mit dem Buch und dem Thema beschäftigt habe, weil ich habe - die Schulzeit ist bei mir jetzt schon eine Weile her. Ich feiere dieses Jahr 20 Jahre Abi. Ja, genau. Und da ist jetzt aber vieles tatsächlich noch mal hochgekommen, als ich mich mit dem Buch beschäftigt habe.

[00:02:37.600] - Nadia Kailouli 

Ja, jetzt musst du mir die Frage auch stellen!

[00:02:40.660] - Katharina Elsner 

Wie war deine Schulzeit?

[00:02:42.520] - Nadia Kailouli 

Die war auch gut. Ich würde sagen, sie war genauso wie deine, aber durch dein Buch und durch das mit dir beschäftigen, habe ich ganz anders noch mal auf meine Schulzeit geblickt und habe mir gedacht: Ach so, ja, Moment mal, das war eigentlich gar nicht okay. Ach Moment mal, das war vielleicht auch nicht okay. Also ich wurde sehr viel angeschrien in der Schule von den Lehrkräften.

[00:03:03.090] - Katharina Elsner 

Da sind dir tatsächlich richtig Situationen eingefallen beim Lesen?

[00:03:06.720] - Nadia Kailouli 

Ja, mir sind auch so, wo ich dachte: Okay, Moment mal, ich wurde angeschrien, so richtig doll angeschrien, aber es war normal, dass...Also ich hätte vor 20, 30 Jahren nie gedacht: Moment mal, das ist doch nicht okay, dass der Lehrer oder die Lehrerin so rumbrüllt. Das war okay. Und ich weiß nicht, ob ich das damals als eine Art Gewalt abgetan hätte. Definitiv nicht. Ist es heute Gewalt nach deiner Auffassung, dass wenn Lehrer Schüler anschreien, ist das eine Form von Gewalt?

[00:03:37.550] - Katharina Elsner 

Ja, würde ich sagen. Ganz klar. Es ist eine nicht so offensichtliche Gewalt, finde ich, wie zum Beispiel eine Lehrerin schüttelt einen Schüler oder ohrfeigt einen Schüler. Da würden, glaube ich, viele Leute sagen: Ja klar, das ist irgendwie körperliche Gewalt. Aber dieses Anschreien, auch vielleicht dieses Beschämen, das geht ja auch oft mit einher. So jemanden kleinmachen in diesem Machtverhältnis zwischen einer Lehrerin, die verteilt Noten, die macht irgendwie die Ansagen, wie es im Klassenzimmer zu laufen hat, und die schreit ein Kind an oder eine Jugendliche. Das hat schon was mit Gewalt zu tun.

[00:04:12.250] - Nadia Kailouli 

Ich frage dich das natürlich, weil du nicht nur selber Lehrerin warst, sondern vor allem eben ein Buch geschrieben hast, was sich genau mit dieser Thematik beschäftigt. Das Buch heißt "Beschimpft, beschämt und bloßgestellt - Wie unsere Kinder unter der Gewalt von Lehrkräften leiden und was wir dagegen tun können". Riesentitel, aber braucht es wahrscheinlich, weil das halt ein Riesenthema ist. Wie bist du dazu gekommen zu sagen: Okay, Moment, ich muss das jetzt alles mal hier in ein Buch bringen, was ich sowohl selbst als Schülerin erlebt habe, selbst als Lehrerin erlebt habe und dann eben - heute bist du Journalistin - zusammengetragen hast?

[00:04:51.560] - Katharina Elsner 

Der Zufall hat mir so ein bisschen geholfen. Manchmal flattert ja so ein bisschen so ein Reporterengel irgendwie an und ich habe eine Bekannte getroffen auf der Straße. Ich wohne ja in Rostock, das ist eine Kleinstadt und das passiert dann mal. Und die meinte so: "Weißt du, was passiert ist? Meine Tochter wurde von der Lehrerin geschlagen". Und das war vor drei Jahren, 2023. Und ich war dann so: "Wie geschlagen? Was ist denn passiert?" Ja, sie hat ein Wort im Diktat falsch geschrieben. Und die Lehrerin hat dann dieses 1-Meter-Holzlineal, was man vielleicht noch aus der Grundschule kennt, rausgeholt und hat ihr damit auf den Po gehauen. Und mir ist so alles aus dem Gesicht gefallen, weil ich dachte, wie kann das heute noch passieren? Und ich habe irgendwie sofort so ein bisschen so ein Kribbeln gemerkt und dachte, okay, das ist irgendwie komisch, fühlt sich total ungerecht an, da musst du was dazu machen. Und ich habe dann noch eine weitere Mutter getroffen, unabhängig davon, die mir auch erzählt hat, dass die Lehrerin ihren Sohn geohrfeigt hätte. Und dann war ich so: Okay, das geht nicht! Und wie ist eigentlich die Schule damit umgegangen? Und dann habe ich angefangen zu recherchieren. Und das war so wie so eine Tür aufzustoßen, weil ich habe gemerkt: Okay, das sind nicht nur diese beiden Eltern, sondern das sind noch ganz viele andere Eltern, die davon betroffen sind, die gar nicht mehr an der Grundschule irgendwie waren, sondern das wirklich auch schon teilweise Jahre zurücklag. Und ich dachte, okay, die Lehrerin ist immer noch da an der Schule, die arbeitet weiterhin da. Wie kann das sein? Und dann habe ich angefangen dazu zu recherchieren.

[00:06:13.450] - Nadia Kailouli 

Vielleicht können wir einmal da anfangen, in deiner Schulzeit, bevor wir auf die Fälle kommen, die du eben auch recherchiert hast und mit denen du auch gesprochen hast für dein Buch. Du hast gerade gesagt, deine Schulzeit war eigentlich total okay. Du bist gerne hingegangen, hast Freunde getroffen und, und, und. Aber nichtsdestotrotz hast du ja auch Sachen mit Lehrkräften erlebt, wo du heute sagst: "Moment mal, das war echt nicht okay." Was waren das für Sachen?

[00:06:32.360] - Katharina Elsner 

Also der Klassiker. Und das Witzige ist, dass auch wenn ich heute Leuten von dem Thema erzähle, auch durchaus jüngere Leute, die vielleicht jetzt gerade die Schule verlassen haben, dass sie sagen: "Ah ja, Moment, das kenne ich irgendwie auch." Und bei mir war es wirklich so dieses klassische, auch anschreien, laut werden von Lehrkräften und Klassiker, aber auch so der Schlüsselbund. Also wenn man das von früher so kennt, die Lehrkräfte, die da ihre 20 Schlüssel an einem Bund irgendwie haben, das wiegt ja auch ein bisschen. Und wenn wir dann - das war so in der 5., 6. Klasse von der Geografielehrerin - wenn wir dann nicht ruhig waren, dann hat sie den Schlüsselbund auf uns geworfen, an die Brust, hatte uns dann am Arm getroffen oder halt auch im Gesicht oder wo er dann landet. Und meine Erinnerung ist so, ja, wir haben halt dann irgendwie gelacht, weil wahrscheinlich das immer so ein kleiner Schockmoment war und wir ja auch nicht wussten, wie sollen wir damit umgehen. Und so wie du das gesagt hast, ich hätte jetzt niemals jemandem davon erzählt, also einer erwachsenen Person, weil a) hätte ich gar nicht gewusst, wem, und b) war das damals auch einfach noch gar kein Thema. Und da war vielleicht auch noch mal die Besonderheit, die Lehrerin mit dem Schlüsselbund, das war die Mutter von einer Freundin. Also, und das ist ja auch oft was, was an Schulen passiert, dass es so Verstrickungen gibt. Selbst wenn ich vielleicht heute eine Vertrauenslehrerin gehabt hätte, ist die vielleicht auch mit der Geografielehrerin ganz gut, sind die befreundet. Und das sind immer so diese persönlichen Verbandelungen an Schulen, die es ja einfach auch gibt. Und das macht es so schwierig, da so aktiv zu werden.

[00:07:59.650] - Nadia Kailouli 

Jetzt komme ich mal direkt mit der, ich sage jetzt mal blöd, mit der Keule rein, ja. Hat man nicht Verständnis auch für Lehrer, wo man sagt, boah, die Kinder, die treiben aber auch in den Wahnsinn, da schmeißt man dann halt mal einfach einen Schlüssel durch die Schulklasse?

[00:08:14.430] - Katharina Elsner 

Ja und nein, würde ich sagen. Ja, weil es auch herausfordernd ist, vor 25, vor 27, vor 28 Kindern zu stehen, die auch natürlich alle unterschiedliche Bedürfnisse haben. Und die können natürlich nicht alle stillsitzen und gucken mich an als Lehrerin und machen das, was ich will. Das ist total logisch. Deswegen gibt es Momente der Überforderung, wo Lehrkräfte sich vielleicht auch hilflos fühlen und auch machtlos fühlen. Und nein, gleichzeitig, weil sie natürlich trotzdem die erwachsene Person ist, die, die Pädagogin ist, die das reflektieren kann und auch muss. Selbst wenn die Lehrerin mal schreit und laut wird, sage ich so, es kann wahrscheinlich passieren und es passiert auch überall. Geht mir als Elternteil übrigens auch so. Nur dann ist ja die Aufgabe zu sagen, okay, das war eigentlich nicht in Ordnung. Ich muss mich entweder bei der Klasse oder bei dem Schüler oder bei der Schülerin entschuldigen oder muss mal gucken, was eigentlich bei mir da los ist. Brauche ich vielleicht eine Fortbildung? So kann ich das irgendwie das nächste Mal anders händeln. Und das ist der Punkt, der oft nicht passiert.

[00:09:15.420] - Nadia Kailouli 

Ist es bei dir passiert? Du bist ja das...Ich finde das ganz spannend, mit dir darüber zu reden, weil du natürlich aus verschiedenen Perspektiven auf dieses Thema gucken kannst. Wir waren jetzt bei der, die in der Schulklasse sitzt, die einen Schlüssel an den Körper geschmissen bekommen hat, einen schweren Schlüssel, irgendwie gelacht hat, aber irgendwie auch gedacht hat: Moment mal, aua, das ist irgendwie nicht nett. Dann bist du die Lehrerin, die selbst weiß, wie das ist mit einer Schulklasse, die einem wirklich mal auch auf die Nerven gehen kann. Wir kennen genügend fiktionale Filme, wo wir das mitbekommen haben, auch Dokumentationen, wo man sieht, puh, so eine Lehrkraft ist auch einem kleinen Horror ausgesetzt. Wurdest du darauf gut vorbereitet, mit diesem - ich nenne es jetzt mal blöd - Horror von vielen jungen Menschen umzugehen? Nein.

[00:09:58.300] - Katharina Elsner 

Also ich habe ja Lehramt auch studiert und es ist schon so, das weicht jetzt so ein bisschen mehr auf. Aber bei mir war es eben vor allem noch so, dass ich die Fächer studiert habe. Also ich habe Englisch und Geschichte studiert und Erziehungswissenschaften. Und es ist natürlich so, dass man da bestimmte Seminare besucht oder Vorlesungen. Und ich hatte damals halt Praktika. Und bei einem von diesen Praktika, das war das letzte in der Reihe, wo ich wirklich in die Schule gegangen bin und selber auch vor einer Klasse stand und unterrichtet habe. Und dann hatte ich eine 10. Klasse an der Schule und habe unterrichtet. Und dann gab es halt dieses eine Mädchen, das hat die ganze Zeit irgendwie geplappert und in mein Ohr. Und das dringt dann so rein und du versuchst dich irgendwie zu konzentrieren, irgendwie den Unterricht voranzubringen. Und damals war ich ja so Anfang 20, also auch noch mitten im Studium. Und dann habe ich sie einmal ermahnt, dass sie ruhig sein soll. Das hat nicht funktioniert. Also habe ich sie ein zweites Mal ermahnt, das hat auch nicht funktioniert. Und irgendwann ist es dann bei mir auch geplatzt und ich habe sie auch angeschrien und meinte: "Ja, du gehst jetzt raus!" Und sie hat dann irgendwie so geguckt und meinte: "Hä, nee!" Und ich so: "Doch, raus jetzt!" Und sie ist dann tatsächlich auch rausgegangen. Und heute aus der Perspektive, und das habe ich jetzt auch noch mal gedacht, so als ich das Buch geschrieben habe, danach ist einfach nichts passiert. Also ich habe weder mit der Schülerin gesprochen, noch hat meine Mentorin, also die Lehrerin, die eigentlich in der Klasse war und die Klasse geleitet hat, die hat danach auch nicht mit mir das Gespräch gesucht und hat gesagt: "Hey, guck mal, das war nicht in Ordnung. Was ist da eigentlich passiert? Können wir uns das mal anschauen?" Und das würde ich sagen, rückblickend, a) würde ich mich bei der Schülerin entschuldigen und b) würde ich mit der Mentorin zum Beispiel auch das Gespräch suchen und sagen: "Lass uns da mal drauf gucken, was da passiert ist."

[00:11:38.900] - Nadia Kailouli 

Das finde ich jetzt total interessant. Ich hätte jetzt ehrlich gesagt die Schülerin muss sich mal bei dir entschuldigen. Aber ich bin natürlich auch noch so im Autoritätsmodus. Eine Lehrkraft ist für mich immer die Autoritätsperson, die muss den Laden am Laufen halten.

[00:11:52.960] - Katharina Elsner 

Ist sie auch. Und gleichzeitig ist sie ja auch nur ein Mensch. Und meine Haltung inzwischen ist einfach, man kann ja durchaus den Schülern und Schülerinnen auf Augenhöhe begegnen. Und es ist ja trotzdem nicht in Ordnung, wenn ich ein Kind oder eine Jugendliche anschreie. Und es gibt, glaube ich, dieses Ideal - darüber habe ich auch mit einer Wissenschaftlerin in dem Buch gesprochen - es gibt dieses Ideal dieses störungsfreien Unterrichts so. Dass man denkt, die Kinder sitzen still da, die machen ihre Aufgaben, die melden sich, wenn sie was sagen wollen. Aber so ist es ja nicht, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Und wenn dann eine Lehrerin vorne steht und denkt, ah, das nervt mich jetzt aber die ganze Zeit, muss ich mir eigentlich überlegen als Lehrerin: Okay, entweder ich muss es kurz aufbrechen, ich muss es irgendwie ansprechen, ich muss mal überlegen, was ist eigentlich gerade das Problem? Und das muss passieren und nicht: Ich muss Schülerinnen anschreien, weil letztendlich bringt das auch nichts, weil mit Angst lernt auch kein Kind besser.

[00:12:46.340] - Nadia Kailouli 

Jetzt gehe ich mal auf die andere Seite. Und zwar haben wir darüber ja auch schon viel in der Gesellschaft oder bei verschiedenen Themen gesprochen, und zwar eher die Lehrer, die sich viel gefallen lassen müssen, die Gewalt durch Schüler erleben. Ich springe jetzt mal dahin, weil du ja sagst, sehr reflektiert - klar, als Lehrkraft, Erwachsener, Person, man muss eigentlich mehr in den Dialog kommen. Das Anschreien bringt nichts. Aber du wirst ja auch angeschrien von den Schülern.

[00:13:10.810] - Katharina Elsner 

Ja, genau. Es soll jetzt auch kein Buch sein, was Lehrkräfte an den Pranger stellt, sondern die haben ja durchaus mit schwierigen Situationen auch zu tun und Kinder, die sich durchaus schwierig verhalten. Das ist so. Und deswegen plädiere ich auch dafür zu sagen, ja, auch Lehrkräfte brauchen mehr. Also in Form von, sind da vielleicht mehrere Erwachsene auch im Raum? Habe ich eine Sozialpädagogin dabei oder eine unterstützende Fachkraft, die gleichzeitig auch mit den Kindern irgendwie arbeiten können? Bekomme ich als Lehrkraft irgendwie eine Supervision? Also kann ich zum Beispiel mit meinem Team oder einer externen Person eigentlich mal darüber reden, was im Klassenzimmer passiert? Gibt es Fortbildungen zu dem Thema? Hat eine Schule eigentlich ein Gewaltschutzkonzept? Und das sind alles so übergeordnete Dinge, die dazu passieren müssen, unabhängig davon, was im Klassenraum selber passiert, weil die Lehrkraft ist ja nur meistens als einzelne erwachsene Person im Klassenraum mit 28 Kindern vor der Nase. Und da brauchen Lehrkräfte auch mehr Unterstützung.

[00:14:11.560] - Nadia Kailouli 

Wir fokussieren uns heute auch eben auf die Lehrkräfte, die ja mit dieser Unterstützung vielleicht nicht den besten Job machen und eben beschimpfen, beschämen oder sogar Gewalt ausüben. Du hast sehr tief recherchiert für dieses Buch, erzählst nicht nur von dir, sondern vor allem auch von anderen Fällen. Magst du uns einen kurzen Einblick geben, was du da so für Fälle hast und was sie erzählen?

[00:14:35.560] - Katharina Elsner 

Ja, ich habe insgesamt für dieses Buch 14 Fallgeschichten aufgeschrieben. Es sind Kinder und Jugendliche, die mir selber von ihren Geschichten erzählen, von dem, was sie in der Schule erlebt haben. Es sind auch Eltern, die mir erzählen, was ihren Kindern widerfahren ist in der Schule, wie sie damit umgegangen sind. Ich habe aber auch Lehrkräfte interviewt, die an ihrer Schule beobachten, wie Kolleginnen oder Kollegen eben übergriffig werden und die sich fragen: Was kann ich eigentlich tun als Lehrkraft? Ich habe Schulleitungen interviewt, die eben übergriffige Lehrkräfte im Kollegium haben, und Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen. Also ganz unterschiedliche Menschen, die alle mit Schule zu tun haben, die auf Kinder blicken oder eben selber Kinder sind und wo es auch um ganz unterschiedliche Arten von Gewalt geht. Also du hast es gerade schon gesagt, also viel ist diese emotionale Gewalt, dieses Beschämen, dieses Bloßstellen, Angeschrienwerden im Sportunterricht, aber auch in Unterrichtssituationen, Situationen, wo Kinder bestraft werden, weil sie sich so verhalten, wie die Lehrkraft es nicht erwartet. Es geht aber auch um Lehrkräfte, die sich rassistisch äußern gegenüber Schülerinnen. Und es geht auch um sexualisierte Gewalt.

[00:15:49.160] - Nadia Kailouli 

Kannst du da noch mal tiefer gehen, was da - weil da denke ich mir so, okay, wow, Moment mal, das sind Kinder und Jugendliche. Wir sprechen ja nicht von einem Kita-Alter oder Kindergartenalter, sondern von einem schulfähigen Kind. Was für Fälle wurden da an dich herangetragen? Was hast du da gehört?

[00:16:05.460] - Katharina Elsner 

Also ein Fall, den ich sehr aufwühlend finde, ist der Fall von Laya. Da habe ich mit der Mutter gesprochen, weil Laya selber über das Thema auch sechs Jahre danach, nachdem das passiert ist, selber nicht sprechen wollte. Und die Mutter hat mir eben erzählt, was passiert ist, dass Laya eben in die Grundschule damals gegangen ist, 1., 2. Klasse, und da auf dem Schulhof von zwei Jungen aus einer anderen Klasse bedrängt wurde und ja angefasst wurde in Intimbereichen. Und sie ist danach tatsächlich auch zu einer Lehrerin gegangen und hat davon berichtet. Und die Lehrerin muss es eben einer Kollegin, der Klassenleiterin von den Jungen, weitererzählt haben, sodass diese Klassenlehrerin von den Jungen in die nächste Unterrichtsstunde reingewuscht ist, sie rausgeholt hat und vor ihre eigene Klasse gestellt hat, wo die beiden Jungen eben saßen. Und dann hat sie zu ihr gesagt: "So, ja, jetzt erzähl noch mal, was passiert ist." Und sie war halt total in der Schockstarre und war so, ich kann jetzt irgendwie gar nichts erzählen, hat irgendwie angefangen zu weinen. Und die Lehrerin hat dann zu ihr gesagt: "Ja, also wenn du jetzt anfängst hier zu weinen, dann kann ja deine Geschichte nicht stimmen."

[00:17:14.560] - Nadia Kailouli 

Oha.

[00:17:15.200] - Katharina Elsner 

Und sie ist dann nach Hause gegangen, hat das ihrer Mutter erzählt und die Mutter ist daraufhin in die Schule gefahren am nächsten Tag, um mit der Schulleitung darüber zu sprechen und wurde, ja, auch abgewiesen. Und Laya ist seit dem Tag nicht mehr in die Schule gegangen.

[00:17:29.640] - Nadia Kailouli 

Und hat eine neue Schule, ist auch in eine neue Schule gegangen.

[00:17:31.870] - Katharina Elsner 

Ist dann auf eine neue Schule gegangen. Aber diese Schule hat sie dann nicht mehr betreten.

[00:17:35.210] - Nadia Kailouli 

Wow. Also das heißt, dass dieser Fall zeigt, wie unsensibel und unausgebildet eigentlich manche Lehrkräfte mit dem Thema sexualisierte Gewalt umgehen. Das ist ja Peer-Gewalt, sexuelle Gewalt unter Gleichaltrigen, die natürlich auf so einem Schulhof vielleicht stattfinden kann. Und dass Lehrkräfte da überhaupt gar nicht sensibilisiert sind, in diesem Fall damit den richtigen Umgang zu finden und das Kind dann eher auch zu schützen und zu unterstützen.

[00:17:59.430] - Katharina Elsner 

Ja, genau. Da geht es nicht direkt um Lehrkraft war in dem Sinne gewalttätig oder übergriffig einem Kind gegenüber. Aber wie du gesagt hast, der Umgang damit. Wen schütze ich eigentlich? Wie gehe ich damit um, wenn eine Schülerin mir davon erzählt? Zerre ich das dann vor eine andere Klasse und sage zu ihr, ja, erzähl das jetzt noch mal vor den Jungen, die dich angefasst haben sollen. Da geht es viel um Nichtwissen, aber auch so, wie gehe ich mit Gewalt, wenn sie an meiner Schule passiert - egal von wem sie ausgeht, ob von Gleichaltrigen oder von Erwachsenen - wie gehe ich eigentlich damit um? Eigentlich damit um? Und da hat die Schule auf jeden Fall komplett versagt.

[00:18:36.820] - Nadia Kailouli 

Das knüpft ja gut daran an, dass du eben gesagt hast, dass Schule definitiv Schutz- und Gewaltkonzepte brauchen, damit Lehrkräfte halt was an der Hand haben zu wissen, wie gehe ich eigentlich damit um, wenn ich sehe, andere Lehrkräfte schreien rum, schmeißen Schlüssel durch die Gegend? Oder wie gehe ich damit um, wenn Schülerinnen und Schüler zu uns kommen und sagen, sie wurden ungewollt angefasst von anderen Mitschülern? Was ist da der richtige Umgang?

[00:19:00.820] - Katharina Elsner 

Ja, der Weg, den die Schülerin, also den Laya gefunden hat, war ja eigentlich schon der richtige, ne? Ihr ist was passiert und sie hat gedacht, okay, ich erzähle einer erwachsenen Person davon, der ich auch vertraue. Und dass es dann so weitergelaufen ist, dass sie dann noch mal bloßgestellt und noch mal beschämt wurde bei einer Situation, die ja sowieso schon für ein Mädchen total unangenehm ist, das war der schlimmste Weg, den man, glaube ich, hätte gehen können. Und es braucht aber an den Schulen auf jeden Fall vertrauenswürdige Erwachsene. Also wo Kinder wissen, da kann ich hingehen, wenn ich was habe. Egal wo jetzt die Gewalt auch passiert, ob zu Hause vielleicht oder an der Schule. Das braucht es auf jeden Fall.

[00:19:42.360] - Nadia Kailouli 

Ich würde gerne da gleich weitermachen, weil dieses Thema Bloßstellen, das ist etwas, womit ich in meiner Generation wahnsinnig groß geworden bin. Man wird rausgeschmissen, man wird in die Ecke gestellt, man wird an die Tafel geholt, weil man gerade nicht aufgepasst hat. So Sachen. Und das passiert... 

[00:19:58.150] - Katharina Elsner 

 Gerne auch: "Jetzt komm mal nach vorne, zeig mal, wie du das rechnen kannst."

[00:20:02.780] - Nadia Kailouli 

Ja, genau, das fand ich wirklich am allerschrecklichsten. Vor allem, weißt du, was bei mir so schlimm war? An die Tafel schreiben. Ich habe nämlich immer schief geschrieben. Ich konnte nicht gerade schreiben. Ach, fand ich das schrecklich. Da musste ich immer so an die Tafel kommen und schreiben und es ging immer so, wusch. Es ging nie so. Ich konnte das nicht. Ich konnte nicht gerade an die Tafel schreiben. Weiß auch nicht warum, aber das fand ich schlimm. Da kriege ich jetzt schon wieder Schweißfinger, wenn ich nur dran denke. Aber Thema Bloßstellung ist ein Thema in deinem Buch. Du hast gerade von Laya erzählt und Sara hatte ja auch das Thema. Vielleicht kannst du da auch noch mal drauf eingehen, was mit Sara passiert ist.

[00:20:35.480] - Katharina Elsner 

Genau, Sara ist ein Grundschulkind und sie kommt das erste Mal in die Schule, erste Klasse, und ihre Klassenlehrerin merkt sie relativ schnell, ist am Anfang erst nett und dann fängt sie aber auch Sara an anzuschreien. Es geht irgendwie los mit, es ist irgendwie Pause und sie bastelt da irgendwie aus Dominosteinen ein Herz und dann kommt ein anderes Kind und wirft irgendwie diese Herzen um und Sara wird halt laut und sagt: "Oh Mann, Theo, lass das doch mal!" Und die Klassenlehrerin sagt dann zu ihr: "Ja Sara, so geht das nicht. Ich streiche jetzt die Pause für alle. Ihr könnt euch alle bei Sara bedanken!" Das ist so ein erstes Vorkommen, wo man erst mal denkt, na ja, ist ja irgendwie nicht so schlimm. Aber es zeigt schon, dass die Lehrerin zum Beispiel dann Sara benutzt, um andere auch mitzubestrafen. Also Sara war laut, Lehrerin sagt, okay, die Pause ist jetzt für alle gestrichen. Kinder haben da ein relativ großes Ungerechtigkeitsempfinden dabei, wenn sie so was erleben. Und was aber eigentlich Saras Problem ist mit der Lehrerin, ist, dass sie ihren Freund Lars beschämt. Und es ist so, Sara erzählt mir das selber, dass ihr Freund ein bisschen tollpatschig sei. Dem fällt ab und zu mal eine Federtasche runter oder ein Stift. Und jedes Mal, wenn ihm das passiert, fängt die Lehrerin an, ein Lied vorzuspielen von Karl Dall: "Mir fällt immer was runter". Ich kannte das Lied vorher auch nicht. Das ist so ein bisschen so ein Shanti-Schunkel-mäßiger Song, wo Karl Dall über einen, ja, Antihelden singt, der halt immer sehr tollpatschig ist. Und ich habe mir das Lied dann auch mal angehört und dachte, okay, wild. Und da muss man sich das halt vorstellen, da sitzt dieses sechsjährige Kind Lars, dem fällt was runter, und dann verbindet die Lehrerin ihr Telefon mit der Lautsprecher-Bluetooth-Box und fängt halt an, dieses Lied zu spielen. Und nicht nur einmal, dann zweimal oder dreimal, viermal, und das halt über Wochen. Und Sara erzählt es irgendwann zu Hause ihrer Mutter. Und ja, die Mutter ist auch erst so ein bisschen ungläubig und so: "Kann ich mir nicht vorstellen." - was Erwachsene dann manchmal sagen. Und dann erzählt Sara das aber noch mal. Und das, was die Mutter dann macht, ist, das zu dokumentieren. Also sie fängt an, das, was Sara zu Hause erzählt, aufzuschreiben. Und das würde ich sagen, ist eine wichtige Erkenntnis, die sich auch durch das ganze Buch zieht. Also wenn es was gibt, was Kinder zu Hause erzählen, ist es wichtig, das aufzuschreiben, um a) das nachvollziehen zu können und auch später, zum Beispiel in Saras Fall auch Gespräche suchen zu können mit der Schulleitung oder sich an die Schulbehörde wenden zu können. Weil das klingt jetzt so ein bisschen lustig auch mit dem Lied, na ja, dann fällt dir mal was runter. Aber das, was bei Lars passiert, ist tatsächlich, dass er anfängt zu weinen und auch öfter zu weinen. Weil erst denkt er so, ja, ist irgendwie vielleicht auch lustig. Aber wenn das jede Woche passiert, alle zwei Tage passiert, dann fühlst du dich ja als Kind irgendwie bloßgestellt und beschämt, weil natürlich dann auch die anderen Kinder anfangen. Und das ist auch oft das, was passiert. Auch die anderen Kinder fangen ja dann an, sich über Lars lustig zu machen, weil sie merken, ah, die Lehrerin gibt es eigentlich vor, das ist okay, wenn wir das auch machen. Und das kann wiederum auch ein bisschen so eine Gewaltspirale auch im Klassenzimmer erzeugen, weil, das hat auch ein Wissenschaftler gesagt, die Lehrerin ist natürlich so ein bisschen, sie gibt den Ton vor, auch wie wir miteinander umgehen. Und das ist dann das Problem, dass es nicht nur bei der Lehrerin stehen bleibt, sondern dass oft die Dynamik entsteht. Die anderen Kinder springen dann auch auf den Zug auf.

[00:23:57.920] - Nadia Kailouli 

Ich wollte gerade sagen, weil wenn die Lehrerin das so vorlebt, dass es okay ist, sich auf Kosten anderer lustig zu machen, dann ist das ja für die Mitschülerinnen total okay, das auch zu tun.

[00:24:08.500] - Katharina Elsner 

Ja.

[00:24:08.900] - Nadia Kailouli 

Warum ist das so wichtig deiner Meinung nach, dass man sich das genau anschaut, wie Lehrkräfte sich im Unterricht oder grundsätzlich in der Schule verhalten?

[00:24:18.290] - Katharina Elsner 

Na, erst mal haben ja Kinder ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung oder auch Gewaltfreiheit. Das würde ich sagen, ist eigentlich die Basis für alles. Und die Frage, die damit ja einhergeht, ist ja nicht nur: Können wir Kindern das eigentlich zugestehen? Können wir einen Ort schaffen, eine Schule schaffen, an der Kinder auch angstfrei lernen können? Und was brauchen wir eigentlich dafür? Nicht nur bei den Kindern und an den Schulen zu gucken, sondern auch bei den Lehrkräften zu gucken: Wie will ich eigentlich unterrichten? Wie will ich in den Unterricht gehen? Und ja, das, was ich weitergeben will an die Kinder, wie will ich das eigentlich machen? Und alles andere steht für mich eigentlich nicht so zur Debatte, weil die andere Möglichkeit wäre ja zu sagen: Na ja, das ist halt so, dann werden die halt mal angeschrien. Aber das Problem ist, und das zeigen auch einige Fälle in dem Buch, zum Beispiel bei Sophie, mit der habe ich gesprochen, die ist jetzt gerade 18 und hat gerade Abitur gemacht. Und sie hat von ihren Erfahrungen in der Grundschulzeit erzählt, wie sie immer wieder dauerhaft von ihrer Sportlehrerin beschämt wurde. Und das hat sich durch die ganze Zeit ihrer weiterführenden Schule gezogen bis heute, bis sie 18, 19 Jahre alt ist. Also da bleibt was kleben. Es ist ja nicht so, dass es ein-, zweimal, dreimal passiert, Und dann sind die Kinder vielleicht von der Grundschule weg oder von der Schule generell, machen ihren Abschluss, sondern da bleibt was drin. Und das ist das Schwierige gerade bei dieser emotionalen Gewalt. Die sieht man nicht unbedingt so schnell. Die ist nicht so, die macht ja keine blauen Flecken wie eine körperliche Gewalt. Verteile ich eine Ohrfeige oder ziehe ich ein Kind am Arm, da kann mal ein blauer Fleck entstehen. Das sehe ich. Aber diese unsichtbare Gewalt, die sehe ich nicht und die hinterlässt aber trotzdem Narben und auch sehr lange. Und das kann sich, vielleicht noch dazu, das kann sich halt ganz unterschiedlich äußern. Also bei Kindern, wenn die sich dann anfangen, anders zu verhalten. Also viele Eltern haben mir berichtet, auf einmal ist mein Kind total aggressiv, das schlägt irgendwie mit den Türen, das rempelt mich zu Hause die ganze Zeit an, das schreit seine Geschwister an. Oder andersrum, schließt sich auf einmal im Badezimmer oder im Zimmer irgendwie ein, also zieht sich komplett zurück, will irgendwie gar nichts mehr machen, isst anders, schläft schlechter. Das sind alles so Symptome, die auftreten können. Und auf die Schule bezogen aber auch, sie haben keine Lust mehr, natürlich zur Schule zu gehen. Vielleicht fallen ihre Leistungen ab. Also diese ganzen emotionalen Herausforderungen, Probleme, die damit einhergehen, die verpuffen halt nicht, sondern die bleiben da, wenn man sich das nicht anschaut.

[00:26:44.270] - Nadia Kailouli 

Total verrückt, während du so erzählst, habe ich die ganze Zeit so Bilder im Kopf von mir in der Schule.

[00:26:48.930] - Katharina Elsner 

Vielleicht solltest du da auch noch mal drauf gucken, vielleicht mal deine Lehrerin oder deinen Lehrer noch mal ausfindig machen.

[00:26:53.190] - Nadia Kailouli 

Ich hatte ja irgendwann die Theorie, ich schreie zurück. Hat natürlich nicht funktioniert. Ich stand natürlich auch schon oft vor der Tür, weil ich -

[00:27:01.120] - Katharina Elsner 

Ja, weil Kinder dann als respektlos bezeichnet werden.

[00:27:02.900] - Nadia Kailouli 

Ja, ich war sehr "respektlos". Jetzt kommt es raus. Ich war schon respektlos: "Das mache ich nicht" oder so. Oder wenn andere gehänselt wurden. Also andere. Ich hatte auch so einen Mitschüler, der wurde immer, der tat mir immer so leid und dann habe ich mich immer für den eingesetzt. Ich hatte schon früher sehr viel Zivilcourage. Aber da habe ich natürlich einen auf den Deckel bekommen.

[00:27:21.550] - Katharina Elsner 

Ja, und das ist auch das Ding. Also Gewalt betrifft ja nicht nur diejenigen Kinder, die angeschrien werden oder die geohrfeigt werden, sondern es betrifft auch immer diejenigen Kinder, die zuschauen oder zugucken. Weil entweder denken sie, ich finde es total ungerecht. Also da entsteht so vielleicht eine richtige Wut. Ich weiß nicht, wie das bei dir war, was du damals gefühlt hast. Ungerechtigkeit, finde ich, ist ja immer mit so Wut verbunden. Oder auch Angst, weil mich könnte es ja dann auch treffen. Vielleicht bin ich ja der oder die Nächste. Oder eben so, wie es zum Beispiel bei Lars passiert ist, ah, okay, dann versuche ich mich mal in die Gunst der Lehrerin irgendwie zu schmuggeln. Und piesacke das Kind auch. Also da können ganz unterschiedliche Dynamiken und auch Ängste im Klassenzimmer entstehen, was sich zum Beispiel dann wie bei dir äußert, dass man - ja, ich schrei halt zurück.

[00:28:11.530] - Nadia Kailouli 

Ja, verrückt. Trotzdem denke ich immer eher positiv an meine Schulzeit zurück als negativ. Aber weil auch nie infrage gestellt worden ist, ist das okay, dass man angeschrien wird, wenn man zu langsam dem Ball hinterherrennt beim Sport oder so, ne. Also keine Ahnung. Man will die Lehrkräfte ja nicht alle an den Pranger stellen, um Gottes Willen. Die machen ja echt auch einen krassen Job. Und deswegen bin ich so ambivalent in meiner Haltung gerade, zu sagen: Klar möchte ich, dass Kinder eine gewaltfreie Erziehung und Lehre genießen können. Gleichzeitig merke ich in mir absolut das Gefühl so: Puh, wenn die einen zur Weißglut bringen, dann, boah, dann, das ist echt ein krass harter Job. Also willst du heute noch mal Lehrerin sein?

[00:28:58.620] - Katharina Elsner 

Ja.

[00:28:59.220] - Nadia Kailouli 

Echt?

[00:28:59.780] - Katharina Elsner 

Ja, witzigerweise denke ich gerade so drüber nach, ob ich noch mal zur Schule zurückgehe, auch als Lehrerin, weil ich habe mich jetzt so viel mit diesen Themen und Schule beschäftigt und ich mag eigentlich Kinder und Jugendliche so gerne, weil ich habe als Lehrerin auch immer gedacht, so, die geben einem eigentlich auch so viel zurück, weil die noch so offen sind und irgendwie, ja, vielleicht wäre es noch...Ich mache das gerne, ja, und vielleicht wäre ich heute einfach reflektierter, ja.

[00:29:24.700] - Nadia Kailouli 

Ja, vielleicht kannst du selber das anwenden, was du da so erfahren hast. Und dieses, was dir damals selber gefehlt hat...So, Moment mal, ich muss ja hier eigentlich jetzt ins Gespräch gehen, eher Ruhe bewahren, nicht sofort schreien, niemanden rausschmeißen.

[00:29:38.330] - Katharina Elsner 

Ja, und gleichzeitig ist es schwierig, weil die Strukturen an der Schule sind auch oft so, wie sie sind. Kolleg:innen sind manchmal so, wie sie sind. Da hängt ganz viel auch, das habe ich auch gelernt, von der Schulleitung ab. Ist es eine Schulleitung, die das Thema als wichtig empfindet, die da hinterher ist und sagt, ja, wir beschäftigen uns jetzt mal damit, wir schreiben ein Gewaltschutzkonzept. Oder eben halt auch nicht. Oder ist vielleicht sogar die Schulleitung selber das Problem? Und was mache ich dann eigentlich als Lehrerin? Ich habe ja auch zwei Lehrkräfte dabei, die das durchaus sehen bei Kolleginnen, die übergriffig sind, die Kinder anschreien, die auch das zum Beispiel bei einer Schulleitung sehen. Ja, was machst du dann als Lehrerin? Weil als Lehrerin hast du immer...Die Schulleitung, ist erst mal deine Vorgesetzte, es gibt ja immer so die Dienstbehörde und du musst dich eigentlich erst mal immer an die Schulleitung wenden. Das ist ja auch das Problem bei der einen Lehrerin. Ja, was mache ich dann, wenn ich nicht zu meiner Schulleitung gehen kann, weil die ist das Problem? Und das finde ich auch oft das Ding, dass es eigentlich in jedem Kollegium, glaube ich, gibt's die ein oder zwei Leute, wo alle wissen, die sind so ein bisschen problematisch. Und dann ist die Frage, was machen Lehrkräfte, wenn sie das eigentlich wissen und wenn sie von dem Verhalten von Kolleginnen wissen? Sagen sie was? Sprechen sie das an? Oder sagen sie, ja, ist nicht mein Klassenzimmer, nicht mein Problem?

[00:30:53.620] - Nadia Kailouli 

Sollte deiner Meinung nach es vor der Wahl des Berufs Lehrerin oder Lehrer zu werden eine Prüfung geben oder eine, ja, eine Art Eignungsprüfung, ob man das überhaupt sein sollte? Das habe ich mich bei vielen Lehrern gefragt. Warum sind die Lehrer geworden? Die sind überhaupt nicht geeignet dafür.

[00:31:11.370] - Katharina Elsner 

Ich glaube, die meisten Leute denken, dass sie Schule kennen, weil wir waren alle mal in der Schule, waren alle mal Schüler oder Schülerin. Also denken wir, wir kennen Schule. Aber wir kennen Schule eigentlich nur aus der Perspektive des Kindes oder als Jugendliche. Ich würde nicht sagen, dass Lehrkräfte eine Eignungsprüfung brauchen, weil ich glaube...Also bei mir war das ja zum Beispiel auch so, ne. Ich war 18, ich habe angefangen zu studieren, ich kam auch irgendwie aus einem Arbeiterhaushalt, keine Ahnung, ich kannte nicht so viele Berufe. Also habe ich gedacht, okay, ich kenne irgendwie den Lehrerberuf, mache ich das mal. Und bei mir hat sich da ja auch schon noch entwickelt, ne, im Laufe der Jahre. Wer bin ich eigentlich? Was für eine Lehrerin will ich sein? Also auch der Unterschied zwischen mir in dieser Praktikumssituation, ich schreie die Schülerin an, und mir später, ich unterrichte in Hamburg in der Schule, war auch eine ganz andere. Also es gibt durchaus ja auch die Entwicklung in der Persönlichkeit. Deswegen würde ich sagen, brauchen sie nicht, aber sie brauchen auf jeden Fall Unterstützung im Sinne von, wie will ich sein, wie will ich meine Lehrerinnenrolle ausführen, wann gibt es Möglichkeiten, mit dem Kollegium über schwierige Situationen zu sprechen. Also ich glaube, so viele soziale Berufe haben ja Supervision oder haben kollegiale Fallberatung. Das gibt's an der Schule halt meistens nicht, jedenfalls nicht so in diesem Regelbetrieb.

[00:32:23.350] - Nadia Kailouli 

Ich denke mir gerade so, ja genau, aber mit dem Lehrplan, den wir da haben, von 7:45 Uhr bis 13 Uhr, das haut doch gar nicht hin. Wo soll das stattfinden? Man muss doch diesen Lehrplan durchbekommen, man muss die Klassenarbeiten kontrollieren, man muss Sprechtage, Elternsprechtage führen und, und, und. Dass man da sich noch die Zeit nimmt zu sagen, okay, wir setzen uns jetzt mal zusammen. Wie war das heute mit Lars und mit Sophie und mit Sara? Nee, da geht man lieber nach Hause, denkt sich so, Scheiße, Schule vorbei, ein Glück. Ich mache jetzt hier, gehe schnell zum Sport, korrigiere die Arbeiten und morgen um 4:45 Uhr klingelt wieder der Wecker.

[00:33:00.820] - Katharina Elsner 

Ja, ist auch ein Problem. Davon erzählt mir auch eine Lehrerin, die eine Schülerin hatte, die eben rassistisch beleidigt wurde von einer Kollegin. Und bei ihr in der Schule war das auch so, ne. Genau, die Lehrkräfte gehen um 13 Uhr nach Hause, so, und dann tschüss. Wie willst du dann noch mit Leuten ins Gespräch kommen? Das ist aber nicht Standard. Also viele Lehrkräfte setzen sich ja auch durchaus für ihre Kinder ein, haben Elterngespräche, machen Vor- und Nachbereitung. Aber es gibt eben an der Schule auch durchaus diese Lehrkräfte, die das nicht machen, die keine Lust dazu haben. Es gibt aber auch viele Lehrkräfte, die sich irgendwie reinhängen, ne. Also die kommen in dem Buch ja auch vor. Was mal ein Wissenschaftler zu mir gesagt hat - das fand ich eigentlich ganz gut, das kann ich glaube ich weitergeben - ist, dass er sagt - also er bildet angehende Lehrkräfte aus, arbeitet an der Uni - und er sagt, eigentlich müsste jede Lehrkraft eine Therapie machen, bevor sie an die Schule geht. Sich auch anschauen, wie ist eigentlich meine eigene Bildungsbiografie? Wie gehe ich in den Klassenraum? Was sind denn so die Punkte, die mich eigentlich zur Weißglut bringen? Warum werde ich dann wütend? Was nervt mich irgendwie daran? Und das wäre, glaube ich, wichtig für Lehrkräfte, da hinzuschauen.

[00:34:10.990] - Nadia Kailouli 

Damit beenden wir dieses Gespräch, weil wir jetzt all die, die uns zuhören und vielleicht selbst Lehrerin oder Lehrer sind, das mal reflektieren lassen, ob das vielleicht eine gute Idee ist, sich noch mal mit sich selbst auseinanderzusetzen, bevor man sich selbst und den Lehrplan an junge Menschen weitergibt, ohne zu beschuldigen, dass sie in jeglicher Art vielleicht absichtlich etwas falsch machen.

[00:34:33.620] - Katharina Elsner 

Deswegen plädiere ich auch immer dafür zu sagen, es darf ja nicht nur an der einzelnen Lehrkraft hängen, weil oft ist es so, dass ein Kind, ob es schulischen Erfolg hat oder nicht, oder gern zur Schule geht oder nicht, oft so ein bisschen vom Zufall abhängt. Wer ist da eigentlich in der Klasse? Wer ist meine Klassenlehrerin oder wer ist mein Klassenlehrer? Setzt sie sich für mich ein oder setzt sie sich nicht dafür ein? Das kann ja dem Kind Steine in den Weg legen auf dem Bildungsweg oder halt den Weg freiräumen. Und deswegen sage ich, eigentlich muss es weiter oben ansetzen, bei der Schulbehörde, bei den Ministerien, die ein Interesse für das Thema haben und die auch ein Interesse für ihre Lehrkräfte haben und die zu schützen im Sinne von, was können wir machen, damit Lehrkräfte ihren Beruf gesund und lange ausüben können? Was braucht es dafür?

[00:35:18.000] - Nadia Kailouli 

Und vielleicht wird aus deinem Buch noch ein Coaching-Konzept, was du dann anwenden kannst und damit durch die Schulen gehst und sagst, so Leute, wir setzen uns jetzt mal zusammen und ich zeige euch jetzt mal, wie Lehrer geht oder Lehrerin geht, ohne dass Kinder darunter leiden. Katharina, ich danke dir sehr, dass du heute bei uns warst!

[00:35:32.560] - Katharina Elsner 

Danke für die Einladung! Schön.

[00:35:37.180] - Nadia Kailouli 

Also Leute, mir ist eine Sache total wichtig, weil ich glaube, dass uns schon einige Lehrerinnen und Lehrer zuhören. Ich finde, Lehrkräfte haben eine wahnsinnige Verantwortung. Ihr macht einen Wahnsinnsjob. Nichtsdestotrotz finde ich es total wichtig, dass wir eben darauf gucken, dass es eben Lehrkräfte gibt, die eben nicht so verantwortungsvoll mit ihrem Job umgehen und gegenüber Schülerinnen und Schülern manchmal eben übers Ziel hinausschießen, wenn sie eben mit dem Schlüssel werfen, zum Beispiel. Also toll, dass Katharina hier war. Ich glaube, es wäre wirklich toll, was Katharina eben gesagt hat, dass Lehrkräfte einfach vielleicht so Supervisoren oder so an die Seite gestellt gestellt bekommen, um einfach selbst mal zu reflektieren, was ist da heute eigentlich passiert und wie gehe ich in Zukunft besser damit um. An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich mal bei euch bedanken, dass ihr uns so treu zuhört und dass ihr auch bei schwierigen Themen dranbleibt. Wenn ihr wollt, dann folgt uns doch gerne, abonniert unseren Kanal, und wenn ihr uns persönlich einmal schreiben wollt, dann könnt ihr das natürlich sehr gerne tun. Eine E-Mail könnt ihr einfach schreiben an einbiszwei@ubskm.bund.de.

Mehr Infos zur Folge

Gewalt in der Schule ist verboten, spätestens seitdem das sogenannte „Züchtigungsrecht“ für Lehrkräfte in allen Bundesländern abgeschafft wurde, sehr spät übrigens: 1980 in Bayern. Seitdem dürfen Lehrkräfte keine Gewalt mehr gegen ihre Schüler:innen ausüben. In der Realität sieht das allerdings anders aus. 

Dazu hat die Journalistin und Autorin Katharina Elsner lange und sorgfältig recherchiert und zuhauf Fälle zusammengetragen. Unter anderem auch ihre eigene Geschichte, wie das damals bei ihr war, schildert sie so: „Ich bin zehn Jahre alt und gehe in die fünfte Klasse. Sitze im Geografieunterricht. Manchmal gibt es Stunden, da wirft die Lehrerin mit ihrem dicken Schlüsselbund nach den Kindern, die schwatzen. Manchmal lache ich mit anderen, wenn es einen Mitschüler trifft, vielleicht weil ich erleichtert bin, dieses Mal nicht die Zielscheibe zu sein.“ Was sie erlebt hat, konnte sie danach immer wieder beobachten, denn eine Zeit lang hat Katharina selbst als Lehrerin gearbeitet. Daraus und aus vielen Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrkräften und Expertinnen und Experten ist das Buch „Beschimpft, beschämt und bloßgestellt. Wie unsere Kinder unter der Gewalt von Lehrkräften leiden“ geworden. Was sie herausgefunden hat, erzählt Katharina Elsner bei einbiszwei.

© Stefan Frohloff

Weitere Infos und Hilfsangebote

Wenn du Missbrauch erlebt hast, und Hilfe oder Beratung suchst, kannst du dich auch an diese Stellen wenden:

Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch 

Anrufen – auch im Zweifelsfall 
0800 22 55 530 (kostenfrei und anonym) 
Telefonzeiten: 
Mo., Mi., Fr.: 9.00 bis 14.00 Uhr
Di., Do.: 15.00 bis 20.00 Uhr

(Nicht besetzt an bundesweiten Feiertagen und am 24. und 31. Dezember.)

Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch
 

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einbiszwei – der Podcast über sexuelle Gewalt

einbiszwei ist der Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt. einbiszwei? Ja genau – statistisch gesehen gibt es in jeder Schulklasse in Deutschland ein bis zwei Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Eine unglaublich hohe Zahl also. Bei einbiszwei spricht Gastgeberin Nadia Kailouli mit Kinderschutzexpert:innen, Fahnder:innen, Journalist:innen oder Menschen, die selbst betroffen sind, über persönliche Geschichten und darüber, was getan werden muss damit sich was ändert. Jeden Freitag eine neue Folge einbiszwei – überall, wo es Podcasts gibt. Schön, dass du uns zuhörst.

Webanalyse / Datenerfassung