PODCAST | Folge 13 | Boris Kaminski

„Es gibt immer viele Mitwisser, die aber nicht die Courage haben, aufzustehen und etwas zu tun.“

Boris Kaminski war als Kind ein erfolgreicher Tennisspieler, er liebte den Sport. Und machte dort Erfahrungen, über die er jetzt – 30 Jahre danach – öffentlich spricht: Boris Kaminski wurde von seinem Tennistrainer schwer sexuell missbraucht. Jahrelang hat er geschwiegen, nun will er für ein Tabuthema sensibilisieren und andere Kinder schützen.


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Boris Kaminski [00:00:00] Es waren Momente des Ekels dabei, als es darum ging, ihn das erste Mal auf den Mund zu küssen. Es waren Momente dabei, die ich natürlich hinterfragt habe, als mir bei den Massagen das erste Mal die Unterhose ausgezogen wurde.

Nadia Kailouli [00:00:17] Hallo, herzlich willkommen bei einbiszwei, dem Podcast über sexuelle Gewalt. Ich bin Nadia Kailouli und hier spreche ich mit Kinderschutz-Expertinnen und -Experten, mit Menschen, die sich gegen sexuelle Belästigung wehren und sexuell missbraucht wurden und jetzt anderen Mut machen. Hier ist einbiszwei. Damit sich was ändert. Bei mir war diesmal Boris Kaminski zu Gast. Boris ist fünf 45 Jahre alt, hat zwei Söhne, ist Trainer einer Damen-Basketball-Bundesligamannschaft und in seiner Kindheit wurde Boris sexuell missbraucht und zwar von seinem Tennis Trainer. Damals war Boris gerade mal zehn Jahre alt und auch als er älter wurde und angefangen hat, sich gegen diese Übergriffe zu wehren, ging es weiter. Boris redet zum Teil sehr explizit über das, was ihm sein Trainer angetan hat. Und er erklärt auch, warum er es für wichtig hält, dass wir die Dinge beim Namen nennen. Und trotzdem will ich an dieser Stelle noch mal ganz bewusst eine Triggerwarnung aussprechen: Es wird in dieser Folge sehr explizite Schilderungen von sexualisierter Gewalt geben. Wenn es euch damit also nicht gut geht, dann solltet ihr euch diese Folge vielleicht lieber nicht anhören oder zumindest danach mit jemandem darüber reden. Boris Kaminsk, herzlich willkommen bei einbiszwei.

Boris Kaminski [00:01:33] Dankeschön!

Nadia Kailouli [00:01:34] Es ist ja nun heute nicht mein erster Podcast bei einbiszwei und trotzdem hatte ich darüber nachgedacht, wie fange ich eigentlich bei dir an? Welche Frage stelle ich Boris zuerst? Du hast als Kind sexuelle Gewalt erlebt. Du wurdest sexuell missbraucht und 30 Jahre später hast du erst das erste Mal darüber gesprochen. Wie ist es für dich, dass wir heute darüber sprechen?

Boris Kaminski [00:01:58] Es ist schwer zu beschreiben, weil es auf der einen Seite belastend, ich merke das, wenn ich drüber spreche, und ich hatte in letzter Zeit ja vergleichbare Termine, wo ich in der Öffentlichkeit drüber sprechen durfte. Ich weiß, dass es danach immer in ein großes Loch geht und man so ein bisschen in die Leere fällt. Auch das wird heute nach dem Gespräch so sein, da bin ich mir ganz sicher. Andererseits ist es aber auch befreiend und ich habe aufgrund des ganzen Feedbacks und den sehr, sehr vielen positiven Rückmeldungen eben auch gemerkt, dass es, dass ich eben mit dem Thema was bewegen kann, dass ich enttabuisieren kann und eben das Thema in die Öffentlichkeit bringen darf, wenn man das so sagen kann. Und dass ich damit letztendlich ja Leute dazu bewege, etwas zu verändern und das war meine Hauptintention. Deswegen, ja es ist immer so ein up and down letztendlich, was die Gefühlswelt angeht bei mir.

Nadia Kailouli [00:02:58] Jetzt kann man deine Geschichte nicht in einem Satz erklären und auch nicht erzählen. Aber wollen wir mit einem Satz anfangen, was ist dir als Kind passiert?

Boris Kaminski [00:03:08] Vielleicht kann ich den aus der Anklageschrift nehmen, bzw. es ist ja nicht zur Anklage gekommen, aber als ermittelt wurde bzw. die Untersuchung eingestellt wurden aufgrund der Verjährungsfrist von 30 Jahren, die bei mir leider zutage gekommen ist. Dort stand drin, dass ich über einhundert Mal schwerst sexuell missbraucht worden bin, teilweise unter Anwendung von Gewalt mit Erstellung von Bild und Videomaterial.

Nadia Kailouli [00:03:32] Und das ganze ist passiert in einem Sportverein, in einem Tennisverein.

Boris Kaminski [00:03:38] Genau, das war letztendlich im Rahmen von Fördermaßnahmen, weil ich damals ja als als Tennistalent galt und dann von einem Bezirksjugendwart im Tennis gefördert wurde bzw. zum Bezirkstraining und Verbandstraining gefahren wurde, bis zu viermal wöchentlich. Und ja, letztendlich sage ich mal, nachdem ein gewisser Vertrauensstatus aufgebaut wurde zu mir, aber auch insbesondere zu meinen Eltern, zu meiner Familie, kam es dann nach mehreren Monaten zu den ersten Übergriffen. Das ganze ist schrittweise passiert und ging dann letztendlich über knapp drei Jahre, drei, vier Jahre.

Nadia Kailouli [00:04:19] Wir gehen heute mit dir ganz intensiv zurück in diese Zeit, wo das Ganze passiert ist, wollen mit dir aber natürlich auch allgemein darüber sprechen, warum gerade Sportvereine so anfällig dafür sind, obwohl man glaubt, so, da ist doch mein Kind gut aufgehoben. Wir fangen bei deiner Geschichte an, wo du ein Kind warst, wo du angefangen hast eben in diesen Tennisverein zu gehen. Du warst ein Talent, man wollte dich fördern. Wann hast du gemerkt, irgendwie ist es hier komisch?

Boris Kaminski [00:04:48] Das ist ja genau das Schwierige oder das Gemeine, man merkt das eben nicht so wirklich. Es ist, wie ich gerade kurz gesagt habe, ist es schrittweise aufgebaut worden und alles, was dir jemand mit einer gewissen Macht und einem gewissen Vertrauensvorschuss als Erwachsener sagt, ich war damals neun, zehn Jahre alt, als es anfing, das glaubst du. Und ich bin halt auch so erzogen worden, dass man Erwachsenen nicht widerspricht und dass Erwachsene gefühlt, in Anführungsstrichen, erst mal immer recht haben. Und dadurch, dass er das eben so clever und perfide aufgebaut hat und sich so ein bisschen auch in die Familie erst mal infiltriert hat, habe ich eigentlich kaum Zeitpunkte gehabt, wo ich gesagt hab, hey da läuft was total schief. Es waren Momente des Ekels dabei, als es darum ging, ihn das erste Mal auf den Mund zu küssen. Es waren Momente dabei, die ich natürlich hinterfragt habe, als mir bei den Massagen das erste Mal die Unterhose ausgezogen wurde und er mich eben auch unten am Penis berührt hat und er dann letztendlich auch dabei nackt war. Das hast du aber, als Kind habe ich das trotzdem gar nicht so extrem hinterfragt, sondern es hat lange gebraucht, um diese Momente einschätzen zu können. Und ja, als es am Ende dann teilweise eben gewalttätig wurde, weil ich mich dann im Alter von zwölf, 13 auch angefangen habe, dagegen zu wehren und auch runtergedrückt wurde dabei und ja gemerkt habe, das passiert jetzt wirklich alles gegen meinen Willen. Das waren so die Momente, wo mir dann klar war Hey, das geht so nicht weiter, ich muss das beenden und ich muss da irgendwie rauskommen und hatte eben die Hoffnung, dass es eben ohne weitere Gewaltanwendung mir gelingt, da rauszukommen.

Nadia Kailouli [00:06:39] Du warst sehr jung, du warst ein Kind, neun, zehn Jahre hast du gerade beschrieben. Es ging aber über Jahre, ging das so. Kannst du dich noch daran erinnern, was das mit dir als Kind gemacht hat? Vor allem, weil du bist ja zu einem Ort gegangen, wo du ja auch Spaß hattest beim Tennisspielen. Das war ja dein Hobby. Alle haben ja wahrscheinlich gesagt Mensch, toll, der Boris, der wird immer besser. Kam der Punkt, wo du gedacht hast, ich will da nicht mehr hingehen?

Boris Kaminski [00:07:06] Ja. Der kam eigentlich so nach den Übergriffen hinsichtlich Massage und Co. als es dann wirklich körperlich wurde, hat mir das Tennisspielen eigentlich keinen Spaß mehr gemacht. Aber das war, es ist sehr, sehr schwierig zu beschreiben. Wir haben damals als Kind schon auch in dem ganz jungen Alter sehr viel Druck erfahren, Leistungsdruck erfahren. Man war in einem sehr elitären Förderkreis und ich komme zwar aus einer gut mittelständischen Familie, aber Tennis ist eine sehr teure Sportart. Es wurde viel gereist, wurde viel in Hotels geschlafen und da waren wir darauf angewiesen, weil meine Geschwister eben auch Tennis gespielt haben und dass Verbände und Bezirke das Ganze fördern. Und dadurch war ich diesem Leistungsdruck auch irgendwo unterlegen und ich wusste, dass wenn ich nicht performe, nicht weiter trainiere, ich aus diesen Maßnahmen rausrutsche, dementsprechend die Finanzierung auch nicht weiter stattfindet. Und das wollte ich auch meinen Eltern nicht aufbürden und das war mir schon damals klar, dass das eben nur so funktioniert, dass dieses Training sehr teuer ist, sehr kostspielig ist, die ganze Fahrerei, Hotels und Co natürlich ins Geld gehen. Und ja, das habe ich schon als Elf-, Zwölfjähriger verstanden.

Nadia Kailouli [00:08:21] Glaubst du, dass genau das auch so bewusst gewählt war von deinem Trainer, der dich misshandelt hat, weil er eben wusste, alles klar, das ist auch eine Art Druckmittel, dass dieses Kind weitermacht, weil der Druck des Sports so hoch auf dir lag?

Boris Kaminski [00:08:37] Absolut. Absolut. Das ist ausgenutzt worden. Einmal war es so, dass diese Vertrauensbasis, die geschaffen wurde, andererseits auch der Leistungsdruck, der Erfolgsdruck, der mich eben auch dazu gezwungen hat, fast täglich zu trainieren und auch mit ihm dann eben Zeit verbringen zu müssen und auch auf ihn als Fahrer zum Training angewiesen sein zu müssen. Das war ja eine Situation, eine Art Spirale, aus der du als Kind auch gar nicht, gar nicht raus findest.

Nadia Kailouli [00:09:09] An dieser Stelle ist mir wichtig zu sagen, dass du heute auch Vater bist. Hat sich durch deine Vaterrolle eben der Blick auf dich selbst als Kind noch mal komplett verändert?

Boris Kaminski [00:09:21] Ja, absolut. Also es ist, ich werde, natürlich wird man durch die Medien einerseits getriggert, weil mittlerweile auch viele Sachen in die Medien geraten, was Kindesmissbrauch angeht. Aber ich sehe mich natürlich in meinen beiden Söhnen, die sind fünf und sieben Jahre alt und spielen beide Tennis und das hat mich auch natürlich mit dazu bewogen, was zu tun. Ich bin allein durch meine Trainertätigkeit im Basketball, die ich nebenberuflich mache, auch immer von Kindern und Jugendgruppen irgendwo umgeben, die dann vor unserer Bundesliga-Damenmannschaft trainieren und hab immer gerne irgendwo auch auch mit Kindern im Basketball-Bereich gearbeitet. Also ich habe das zehn, zwölf Jahre hauptberuflich gemacht.  Aber jetzt durch meine Söhne ist das noch mal extremer geworden. Es gab einen Moment im letzten Jahr, wo sie auf die Tennisanlage gekommen sind und beide glücklich waren und gelacht haben. Und ich habe gerade mit einem Freund gespielt und da sind mir schon die Knie weg gegangen und es ging schon in Richtung Zusammenbruch. Der Kollege dachte erst, ich hätte irgendwie eine Herzattacke, kam rüber gelaufen, aber da liefen halt einfach nur die Tränen runter, weil das irgendwie ein Moment war, der sich natürlich irgendwie mit meiner Kindheit verbunden hatte.

Nadia Kailouli [00:10:35] Jetzt springen wir mal ein bisschen so in deiner Geschichte, weil ich glaube, dass sich ganz viele Zuhörer:innen jetzt fragen: Was, moment,  der ist dann selber Trainer geworden? Der hat zwei Söhne und ist selber dann zurück mit seinen Kindern in den Tennisverein und trainiert auch selber? Was hat dich dazu bewogen, diesen Schritt zu gehen? Das ist ja eigentlich, sich mit seiner Vergangenheit noch mal wirklich in der Gegenwart auseinanderzusetzen?

Boris Kaminski [00:10:55] Ja, ich glaube, das habe ich jetzt auch bei den Recherchen, bei dem, was ich auch immer über andere Betroffene gelesen habe, dass man, man flüchtet sich häufig in Extreme. Und ich habe das für mich erkannt, dass mir das irgendwo hilft. Also mit je mehr Arbeit ich mich zulade in meiner Trainerkarriere im Basketball, aber jetzt eben auch mit dieser krassen Konfrontation, dadurch, dass ich seit ein paar Jahren wieder selber Tennis spiele, dass mir das sogar total hilft. Also es ist eine Art Ventil und eine Art Selbsttherapie, die ich angefangen habe, ohne das bewusst zu tun. Hab aber schon gemerkt, dass ich beim Tennis immer wieder Flashbacks hatte, bei gewissen Bewegungsabläufen, die mir damals als Kind antrainiert worden sind. Es sind teilweise Albträume wieder häufiger zurückgekommen. Aber jetzt, in den Zeiten, wo ich an die Öffentlichkeit gegangen bin und auch mein Freundeskreis, auch meine Tennismannschaft, die sozusagen indirekt zu meinem Therapeuten wurden, informiert habe, hat sich auch das wieder gelegt. Und es ist tatsächlich mittlerweile für mich eine eine positive Konfrontation mit dem Sport, mit dem Tennissport.

Nadia Kailouli [00:12:10] Jetzt ist es ja so gewesen, dass du über Jahre hinweg schwerst misshandelt und missbraucht worden bist, du aber Jahre gebraucht hast, um das überhaupt anzusprechen. Und zwar 30 Jahre. Kannst du dich an den Tag zurückerinnern, wo du gemerkt hast, da ist was passiert in meiner Kindheit, ich bin heute ein erwachsener Mann, aber heute spreche ich darüber, heute erzähle ich den Leuten, was mir passiert ist?

Boris Kaminski [00:12:35] Ja, das war, also es gab so in der Gesamtaufarbeitung der 30 Jahre ein, zwei Momente, wo ich schon drüber gesprochen habe, mit meiner Frau, meiner jetzigen Frau, als wir zusammengekommen sind, da war ich knapp 30 Jahre alt. Aber es hat dann noch mal Jahre gebraucht und jetzt bin ich 44 schon, bis ich dann wirklich rausgehen konnte mit der Geschichte. Und ich habe mir immer überlegt, wie ich das mache und ob ich das machen soll. Und schade ich damit meinen Kindern oder meiner Familie, weil die natürlich auch irgendwo sich dann fragen würde: Warum ist das alles passiert? Haben wir das zugelassen? Trägt uns eine Teilschuld? Oder ähnliches. Und wollte letztendlich mein Umfeld auch vor solchen Fragen bewahren. Dann habe ich aber vor knapp anderthalb Jahren viele Dokus über das Thema gesehen und konnte nicht aufhören, mich damit zu befassen. Und es hat mich wahnsinnig gestört, dass die Opfer immer verpixelt worden sind, traurig am See stehend dargestellt worden sind, klein, schwach, missbraucht, so ungefähr. Das, was man letztendlich mit dem Wort Opfer auch in Deutschland verbindet. Und das hat mich total gestört. Und ich habe halt gedacht, es muss mal irgendwie gesagt werden, dass Opfer nicht schwach sind, sondern gerade missbrauchte Kinder überhaupt nichts dafür können, was ihnen widerfahren ist und keine Möglichkeit hatten, da entgegenzusteuern. Und dass man durchaus sein Gesicht zeigen darf. Und dann habe ich irgendwo für mich die Entscheidung gefasst, die Aufarbeitungskommission anzuschreiben, anzuschreiben und habe direkt dazu geschrieben, dass sie gerne meinen Namen komplett verwenden können und auch ich bereit wäre, in die Öffentlichkeit zu gehen mit der Geschichte.

Nadia Kailouli [00:14:23] Du hast gerade so schön gesagt, dass dich das so gestört hat, das Opfer so schwach dargestellt werden. Mir ist gerade so in den Sinn gekommen, weil du ja beschrieben hast, dass du lange überlegt hatte, ob du das überhaupt erzählst aus Schutz deiner Familie. Also zeigt das ja, wie stark Betroffene sind, weil sie sich dann darüber hinaus noch Gedanken machen, das was mir widerfahren ist, mit dem Wissen, es so schlimm. Kann ich das meinen eigenen Eltern antun, meiner Familie antun, dass die das erfahren, mit dem Wissen, was für ein Schmerz dann daraus hervorgeht? Darf ich fragen, wie das damals mit deinen Eltern war, mit deiner Familie?

Boris Kaminski [00:15:00] Als ich denen das erzählt habe, meinst du?

Nadia Kailouli [00:15:02] Ja.

Boris Kaminski [00:15:03] Für mein Vater ist eine Welt zusammengebrochen. Der meinte schon, dass er tatsächlich hier und da mal das Gefühl gehabt hätte. Das ist ganz, ganz schlimm und traurig. Macht ihn selber natürlich auch extrem traurig und da hat er auch noch dran zu knabbern. Letztendlich habe ich ihm das letztes Jahr im Mai erzählt. Und ja, der wollte, im ersten Moment hat er sich auch überlegt, wie kann er mir helfen? Wie kann er mich rächen? Und da konnte ich ihn aber von abhalten. Aber letztendlich sind es, glaube ich, ganz normale Gefühle, die man als Vater hat. Ich glaube, so würde ich auch reagieren, wenn ich ähnliches hören würde von meinen Söhnen. Aber das ist natürlich schon ein Hammer. Ich muss aber auch dazu sagen, ich habe meine Geschwister ein bisschen früher informiert, aber immer nur häppchenweise, weil das auch glaube ich, schwierig zu verpacken ist. Also letztendlich der Missbrauch selbst, was im Detail passiert ist, habe ich meinen Geschwistern damals eben nicht in den ersten Schritten erzählt, sondern nur da war was und ihr wisst Bescheid, dass ich hier und da vielleicht mal damit zu kämpfen habe. Aber es ist mir doch immer schwergefallen, alle Details zu erzählen.

Nadia Kailouli [00:16:23] Jetzt ist das Ganze eben einem Tennisverein passiert. Das ist ein öffentlicher Raum, wenn man so will. Das sind ganz viele andere Kinder, die da auch trainieren. Das ist nicht nur ein Trainer, das sind ganz viele Trainer, da sind andere Betreuer. Wie kannst du dir das erklären, dass gerade Sportvereine Orte sind, an denen Missbrauch stattfindet?

Boris Kaminski [00:16:46] Ich glaube, so ein paar Worte sind gerade von uns beiden ja auch gefallen. Es ist einmal so, dieses Vertrauen, was aufgebaut wird. Es ist eine Art Machtmissbrauch dann natürlich auch des Trainers, dem Vertrauen geschenkt wird in der Situation. Und noch mal, es ist ja nichts, was irgendwie von heute auf morgen passiert, sondern immer so ein schrittweiser Prozess ist. Das ist das, was ich jetzt in letzter Zeit von vielen Betroffenen, die sich bei mir gemeldet haben, eben auch mitbekommen habe, die teilweise baugleiche Geschichten haben in der Entstehung, bis es dann zum ersten wirklichen Missbrauch kam. Und dazu kommt und das ist das, was mich so erschüttert, weil ich eben jetzt, seitdem ich damit in der Öffentlichkeit bin, ganz viele andere Geschichten gehört habe, dass es immer viele Mitwisser gibt, die aber nicht die Courage haben, aufzustehen, etwas zu tun, etwas zu sagen und zudem die Vereine, die Sportvereine, durch ihre Art und Weise im Umgang mit den Trainern, die teilweise, ich sage mal wie ein Arzt, so dieser Gott in Weiß behandelt werden, was der Trainer im Verein sagt, das ist richtig, auch sich da ein Status teilweise erarbeitet haben, in dem sie alles machen dürfen. Angefangen von Kindern nach Hause fahren, Kindern Geschenke machen, Kinder in einen Raum nehmen, in einen abgeschlossenen Raum nehmen und dort Einzelkritiken oder Einzelgespräche zu führen. Also alles Momente, wo potenzieller Missbrauch passieren könnte. Und das wird in Vereinen geduldet. Es gibt die wenigsten Vereine, die sich auch bis heute dagegen auflehnen und Schutzkonzepte erstellen bzw. umsetzen. Es geht ja darum auch das ganze umzusetzen, was man was man öffentlich proklamiert.

Nadia Kailouli [00:18:27] Jetzt hast du gerade so schön beschrieben, Kinder nach Hause fahren, Kindern Geschenke geben. Das sind ja eigentlich Sachen, wo man sagt, ja, warum denn nicht? Es ist doch schön, wenn wenn Kinder die Erfahrung machen, in einem Verein gut aufgehoben zu sein. Eben dass auch Eltern wissen, ach Trainerin So oder so oder Trainer So, bringt unser Kind dann auch sicher nach Hause. Wo liegt hier der Fehler? Weil viele würden jetzt wahrscheinlich auch sagen, ich will ja nicht in der Gesellschaft leben, wo Kinder von anderen Menschen so abgeschottet werden. Was ist da der richtige Umgang?

Boris Kaminski [00:18:59] Also ich möchte das auch nicht missverstanden wissen. Ich möchte da nicht pauschalisieren und den Zeigefinger gegen alle Trainer in Deutschland erheben. Im Gegenteil, es gibt tausende und Abertausende von tollen Trainern, die sich in der Kinderarbeit bemühen und Kinder müssen in Sportvereine, müssen Sport treiben. Ich halte es für extrem wichtig. Wie gesagt, bei meinen Kindern mache ich es ganz genauso. Aber es gibt dennoch Situationen, die einfach überhaupt nicht sein müssen. Also dass mal auch ein Kind nach einem Sieg von dem Trainer umarmt wird, ist vollkommen in Ordnung. Ich finde auch körperliche Nähe, die ist uns ja durch Corona sowieso verloren gegangen, ist für Kinder so schön, so wichtig und gehört eben auch zur Entwicklung dazu. Aber das ganze darf halt in keinster Weise ausgenutzt werden durch Trainer, indem sie sagen, ich bringe das Kind jetzt in Situationen, in die es nicht rein möchte. Also ich habe jetzt von anderen Betroffenen erfahren, wo es einer in der gleichen Sportart bei mir auch darum geht, dass Kinder zur Belohnung von einem Trainer zu Kinobesuch eingeladen werden und dann zur Belohnung bei einem Trainer schlafen dürfen. Das passiert aktuell heute in Deutschland auch auf sehr hohem Leistungsniveau und es wird von den Eltern als normal empfunden, wo ich mir einfach nur an den Kopf fasse, denn da öffne ich natürlich möglichem Missbrauch Tür und Tor. Also warum muss ein Kind bei einem Trainer schlafen? Das gibt es nicht. Also ein 12-jähriger Junge hat nicht bei einem bei einem 30-jährigen Trainer zu schlafen. Da brauche ich, kann ich wirklich nur eins und eins zusammenzählen. Und da muss man den Zeigefinger eben erheben.

Nadia Kailouli [00:20:41] Machst du, abgesehen von deinem Trainer, anderen Menschen ein Vorwurf, dass sie mitschuldig daran sind, was dir passiert ist?

Boris Kaminski [00:20:50] Ja, ganz klar. Es gab an die 25 bis 30 mitwissende Eltern damals in diesem elitären Kreis, sage ich mal, von Kindern, die im Verbandstraining waren, die mir jetzt auch im Nachhinein, wo Kinder, mit denen ich zusammen trainiert habe, die mir geschrieben haben, Boris, wir sind damals auch vor dem gewarnt worden und unsere Eltern, die wussten das eigentlich immer. Es gibt einen heutigen Verbandspräsidenten des, ich spreche es so aus, dem Westfälischen Tennisverband, in der Führungsposition. Mit seinem Sohn habe ich damals zusammengespielt und er wusste das auch. Er hat mich sogar mal darauf angesprochen und niemand hat was gesagt. Alleine auch aufgrund dieser Struktur, dass dieser Mensch einfach Macht hatte und darüber entscheiden durfte, welche Kinder in einem Fördertraining sind und welche nicht. Und da scheint es mir, als hätten die Kinder, die anderen Eltern sich gedacht, gut, da haben wir ein Opfer. Zum Glück ist es nicht unser Kind und das eigene Kind darf dann aber trotzdem in den Fördermaßnahmen bleiben.

Nadia Kailouli [00:21:59] Kannst du dich erinnern, wie du das damals angesprochen hast? Ich kann mir vorstellen, dass man als Kind da noch gar nicht wirklich weiß, welche Worte man dafür benutzt, um zu erzählen.

Boris Kaminski [00:22:10] Ja, ich habe wie gesagt mich nicht nicht wirklich angesprochen. Ich wurde einmal von einem Verbandsjugendwart darauf angesprochen, bei den deutschen Meisterschaften und von diesem einen Vater, der da jetzt noch aktiv ist als als Präsident, ob denn da irgendwas wäre, man hätte da so ein komisches Gefühl. Aber ja, da sagst du als als Kind nichts. Ich wusste ja auch, ich bin ja auch gebrieft worden, nicht sagen zu dürfen, um letztendlich unsere Beziehung nicht zu zerstören. Und dass davon möglichst keiner was wissen soll.

Nadia Kailouli [00:22:47] Du sagtest es jetzt eben noch mal, ich glaube, das muss man auch wirklich noch mal ganz, ja ganz genau festhalten, dass Missbrauch eben auch komplette Manipulation ist. Also das einem Kind klar gemacht wird, das was hier passiert, das ist vollkommen okay und das ist nur zwischen dir und mir.

Boris Kaminski [00:23:06] Genau, das ist total normal.

Nadia Kailouli [00:23:09] Wie schützt man, wie schützt man Kinder davor? Ich meine, jetzt bist du Vater von zwei Jungs. Ich bin keine Mutter. Aber allein, wenn du das so erzählst, denke ich mir, oh gott, wenn ich jetzt mal Kinder habe, was soll ich denen sagen? Ich will denen ja nicht Angst machen, dass sie beim Sport die ganze Zeit nur links und rechts gucken, und wenn dann die Trainerin sagt, jetzt komm mal her, weil du bist aufs Knie gefallen, dass man da schon Angst bekommt. Wie sensibilisiert man Kinder?

Boris Kaminski [00:23:34] Also als als Vater glaube ich nicht, dass ich irgendwelche Erziehungsweisheiten hier zum besten geben kann. Man muss da natürlich eigene Erfahrungen machen. Ich glaube, dass es hilft, die Kinder zu bestärken, auch in gewissen Situationen ganz klar Nein zu sagen. Es ist aber nicht so, dass ich meinen beiden Söhnen sage, ja, es gibt solche Männer, die machen das und das oder auch Frauen, Erzieherinnen, ich weiß es nicht, so schütze dich davor. Ich will ihnen auch keine Angst machen, um Gottes willen. Aber das ist der nächste Punkt, den ich für ganz wichtig halte, ist es, den Kindern bei allem, was sie sagen, Glauben zu schenken. Also wir haben so einen Habit, dass wir, wenn wir die Kinder ins Bett bringen, dass wir noch mal fragen: Wie war euer Tag? Und ist alles in Ordnung? Dass sie auch von uns immer das Gefühl bekommen, uns alles sagen zu können. Und dann kommen immer noch mal Sachen raus,  heute hat mich der Jasper in der Schule geärgert und was er sich vielleicht am Abendbrottisch nicht getraut hat zu erzählen, warum auch immer. Oder der Kleene sagt dann, ich habe heute in der Kita nicht aufgeräumt und habe Ärger bekommen. Das ist eigentlich ein sehr schönes Gefühl, weil man da noch mal eine ganz andere Verbindung in dem Moment hat zu den Kindern und wir denen auch einfach zeigen, dass wir ihnen absolut vertrauen. Ich glaube, das ist so ein Ding, was ich vielleicht mit auf den Weg geben kann, was da hilfreich sein kann.

Nadia Kailouli [00:25:02] Jetzt bist du ja heute selbst auch ein Trainer, ein Sporttrainer. Es gibt ja einiges, was sich getan hat. Schutzkonzepte, hast du angesprochen, dass es eben Schutzkonzepte in Vereinen geben soll, dass Trainerinnen und Trainer ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen sollen. Wie blickst du darauf?

Boris Kaminski [00:25:22] Mit sehr geteilter Meinung. Es gibt einmal so Schutzkonzepte und dann gibt es Schutzkonzepte, die auch wirklich greifen und wo es auch wirklich verfolgt wird. Sprich, das eine ist so, dass viele Verbände und Vereine das auf die Homepage stellen, um sich so ein bisschen reinzuwaschen von ihrem Gewissen, dafür etwas tun zu müssen. Dann steht da: Wir positionieren uns gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern. Ja natürlich, also steht außer Frage, dass jeder Mensch das hoffentlich tut. Das muss man nicht noch auf eine Homepage schreiben. Es geht vor allem darum, solche Konzepte umzusetzen. Und selbst wenn ich kein Konzept habe, was ich irgendwo auf eine Homepage knalle, mit zehn Punkten, an die sich möglichst alle halten, funktioniert das Ganze auch ohne offizielle Schutzkonzepte, wenn man einfach mit offenen Augen durch die Gegend rennt und die Courage hat, auch Leute anzusprechen, wenn man das Gefühl hat, dass dort irgendwas nicht ganz sauber ist. Das heißt, für mich sind diese Konzepte ja wichtig, um zu sensibilisieren, um das Tabuthema auch weiter in die in die Köpfe der Menschen zu bringen und zu transportieren. Aber am Ende geht es darum, dass sie auch umgesetzt werden. Und ich habe jetzt von einem guten Freund, der in Bremen an einem großen Golf-, Tennis- und Hockey-Club, Zu Vahr, heißt er, ein Schutzkonzept zugeschickt bekommen. Und das unterscheidet sich noch mal von vielen anderen, die ich gesehen habe. Der bringt es ganz klar auf den Punkt und es gibt ganz klare Regeln, an die sich Trainer halten müssen, spielt darauf die Courage aller Beteiligten an und erreicht, glaube ich, den Leser damit auch noch mal emotional. Das sind nicht einfach nur zehn runter geschriebene Punkte, sondern das ist wirklich was, wo man sagt okay, das hat Hand und Fuß. Und da glaube ich schon, dass das noch mal ein Prozess und Denkprozess bei den Mitgliedern und vor allen Dingen bei Trainern, aber auch auch Kindern dann auslösen kann.

Nadia Kailouli [00:27:15] Und am Ende zählt wahrscheinlich auch immer ein bisschen mehr aufs Gefühl hören, weil, wie du es eben gesagt hast, wie viele dann im Nachhinein immer wieder kommen, du bist jetzt nicht der Erste, der uns das erzählt. Auch in anderen Bereichen. Ah, irgendwie haben wir schon immer gewusst, das stimmt was nicht. Aber keiner hat sich getraut, das mal anzusprechen. Also das nehme ich jetzt gerade schon so aus unserem Gespräch mit, dieses Mal aufs Gefühl vertrauen und die Courage haben, ganz offen was anzusprechen, wenn man ein komisches Gefühl hat.

Boris Kaminski [00:27:42] Ganz genau. Und das gehört auch dazu. Und es geht nicht darum, wenn ich jetzt zum Beispiel ein Co-Trainer bin und ich bemerke bei meinem Trainer, Vorgesetzten, Headcoach, dass der sich da auffällig benimmt oder sexualisierte Sprache benutzt oder es geht über die normalen Berührungen hinaus. Dann wäre so der erste Schritt, den man raten kann, sprich ihn darauf an, sag ihm, er soll das lassen. Und wenn ich das weiter beobachte, muss ich mir nun mal im Verein jemanden suchen, mit dem ich darüber sprechen kann, um das im Zweifel auch zu sanktionieren. Denn es gibt doch nichts schlimmeres, als wenn ich das nicht anspreche und sich dann ein Jahr später herausstellt, dass eben schlimme Dinge vorgefallen sind. Und dann macht man sich Vorwürfe, weil man was gesehen hat, es aber nicht in die Öffentlichkeit oder ich sage mal zur nächsten Vertrauensperson herangetragen hat.

Nadia Kailouli [00:28:31] Jetzt reden wir schon auf einer sehr hohen Expertenebene, finde ich. Dabei will ich aber auf gar keinen Fall vergessen, dass du eben nicht nur unser Experte heute vor allem auch bist, so wie wir jetzt gerade gesprochen haben, weil du dich eben auch auskennst, welche Präventionsmaßnahmen gut angebracht sind in Vereinen, um Kinder zu schützen, weil du eben auch ein betroffenes Kind bist, warst. Und ich glaube ganz viele haben noch eine ganz, ganz starke Frage in sich, die habe ich nämlich auch. Was ist mit deinem Trainer passiert damals? Hast du den angezeigt? Wurde er damit konfrontiert? Was ist da passiert?

Boris Kaminski [00:29:09] Ich habe ihn angezeigt, im Januar letzten Jahres. Ich glaube, ich habe 2020 im Dezember, November die Aufarbeitungskommission angeschrieben und danach so ein bisschen den Mut zusammengefasst, den Trainer anzuzeigen. Habe bei der Polizei in Köln angerufen. Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden soll, was auch noch ein anderes Problem wiederum ist. Ja, und ich habe ihn dann angezeigt und dann hat die Staatsanwaltschaft untersucht. Es ist dann auch nicht die Staatsanwaltschaft Köln gewesen, sondern wurde erst überlegt, welche Staatsanwaltschaft übernimmt, das hat dann auch wieder gedauert, bis die sich dann zurückgemeldet haben. Dann gab es noch mal zwei, drei Telefonate mit dem Polizisten aus Köln, der dafür für das Thema auch abgestellt war, also das war schon auch ein Fachmann. Bis ich dann, Ende Februar glaube ich war es, einen Brief der Staatsanwaltschaft bekommen habe, dass die Taten alle verjährt sind. Und ja, das war am gleichen Tag, als Christoph Metzelder seinen sehr sanften Urteilsspruch bekommen hat. Und ich las so, dass eine gerade online diese Metzelder-Nachrichten und machte eigentlich im gleichen Atemzug den Brief der Staatsanwaltschaft auf und da hat es mir so ein bisschen die Beine weggerissen, wo ich dann auch einfach mal ordentlich habe laufen lassen und geweint habe.

Nadia Kailouli [00:30:34] Wie fühlt man sich da? Also klar, du sagst es gerade, man hat geweint. Dazu muss ich sagen Christoph Metzelder ist ein Ex-Fußballspieler von der deutschen Nationalmannschaft. Und ich glaube, vor zwei Jahren wurde von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt wegen kinderpornografischen Inhalten, die er geteilt haben soll. Jetzt hast du also diese Nachricht bekommen und bist dann diesen mutigen Schritt gegangen nach all den Jahren, ich zeige diesen Mann an, ich zeige meinen Ex-Trainer an, ich erzähle das, was mir als Kind so widerwärtig passiert ist. Du hast es eben auch gesagt, dass du es, dass du manchmal immer noch dieses Gefühl von Ekel hast, wenn du daran denkst. Und dann kommt die Nachricht Ist es verjährt? Wie geht man damit um?

Boris Kaminski [00:31:21] Ja, sehr, sehr schwer. Ich habe mich gefühlt wie jemand, der am Boden liegt und dann tritt noch einer drauf, um das mal so zu beschreiben. Und ich habe mir aber eigentlich, hab ein paar Tage gebraucht, um ehrlich zu sein, aber danach gesagt, dass ich das, auch getriggert durch meine beiden Kinder, keinesfalls auf mir sitzen lasse und Wege und Mittel suche etwas zu verändern. Habe dann mich weiter informiert. Was machen Vereine? Was machen Verbände? Was passiert im Spitzensport? Und es war eigentlich ganz schrecklich, die Erkenntnis zu bekommen, dass eben extrem wenig passiert zum Schutz der Kinder. Dass es klar eine Aufarbeitungskommission gibt, aber keine, ich sage es mal so, eine Verhinderungskommission. Also es werden Ressourcen auch beim DOSB für die Aufarbeitung bereitgestellt, Athleten Deutschland engagiert sich jetzt dort auch wahnsinnig. Aber es gibt für mich zu wenig Institutionen, die ganz klar die Ursache bekämpfen. Und das habe ich mir so ein bisschen in den letzten Wochen und Monaten auf die auf die Fahne geschrieben, auch da immer in die Wunde zu pieksen. Auch bei Gesprächen mit diversen Institutionen. Und darum zu bitten, dass da vielleicht so ein leichtes Umdenken erfolgt. Dass Aufarbeitung ganz wichtig ist, kann ich aus persönlicher Erfahrung sagen, das gehört dazu. Aber dass es auch darum geht, die Ursache zu bekämpfen und dass es einfach noch wichtiger ist.

Nadia Kailouli [00:32:50] Hätte dir aber eine Verurteilung oder eine gewisse Form der Strafe, hätte dich das zufrieden gestellt? Ich denke gerade an die Fälle in den USA, wo ein Sportarzt eben zu, ich weiß nicht wie viele Millionen Euro, verurteilt worden ist, dass er an die Betroffenen hat zahlen müssen. Aus deiner Sicht, heilt das ein bisschen die Wunden?

Boris Kaminski [00:33:15] Es wäre ein Gefühl von Gerechtigkeit gewesen. Ich bin mir jetzt darüber im Klaren, dass ich das nicht empfinden werde. Und ich sage mal so diesen Rucksack mit unter die Erde nehmen werde irgendwann. Weil ich aber auch weiß, dass er anderen Kindern auch was angetan hat. Es gab Kinder vor mir, Kinder nach mir und so ein bisschen habe ich auch gedacht, mache ich das stellvertretend für die. Aber dieses Gefühl von Gerechtigkeit werde ich nicht bekommen. Ich werde auch an das Bildmaterial nicht herankommen. Auch das hat mir der Staatsanwalt bzw. Polizist auch sehr deutlich gesagt, dass es da eigentlich nicht die Möglichkeit gibt, an dieses Material ranzukommen. Und das war dann noch mal so ein zusätzlicher Schlag. Deswegen empfinde ich vielleicht Gerechtigkeit, indem ich Dinge jetzt in der Öffentlichkeit bewege oder versuche zu bewegen, um anderen dieses Schicksal zu ersparen.

Nadia Kailouli [00:34:10] Weißt du, was er heute tut, der Trainer?

Boris Kaminski [00:34:13] Er ist Rentner, wohnt noch in meiner Heimatstadt, direkt neben einem Tennisverein. Und ja, viel mehr weiß ich nicht darüber. Habe auch nicht aktiv recherchiert.

Nadia Kailouli [00:34:28] Ich habe mich gerade so gefragt, wenn man uns jetzt so zuhört, ob man das Gefühl bekommen könnte, ach Gott, kann man das nicht ruhen lassen. So, es ist doch so schlimm, was passiert ist. Wühlt, das nicht zu sehr auf? Dieses Typische, dieses Wunden immer wieder aufreißen. Du kannst es besser erklären als ich, warum es trotzdem wichtig ist, darüber zu sprechen, obwohl es wehtut.

Boris Kaminski [00:34:52] Tatsächlich ist es ein bisschen sogar Eigentherapie. Ich merke, dass mir das hilft, darüber zu sprechen und dass dann immer so ein Steinchen aus diesem Rucksack rausfällt, wenn ich drüber gesprochen habe. Es ist total anstrengend. Es ruft natürlich viele Erinnerungen bei mir hervor und du hast gerade selber gemerkt, dass es nicht immer einfach im Detail auch darüber zu sprechen bzw auch über meine Kinder dann natürlich, weil das viele traurige Momente auch hervorruft. Aber am Ende geht es darum, dass man ja, dass man versucht, die Geschichte zu teilen, um einfach andere Kinder vor dem Schicksal zu bewahren. Und wenn ich das damit machen kann, dann hört sich jetzt blöd an, bitte nicht zu heroisch verstehen, aber dann, dann setze ich mich dem Schmerz gerne aus. Dafür bin ich halt auch zu sehr in dieser Sportszene verbandelt und liebe Sport auch zu sehr und bin mit zu vielen Trainern in Kontakt, als dass mir das nicht, also das kann ich nicht an mir vorbeiziehen lassen und sagen, gut, ich gebe dem Thema jetzt Ruhe, sondern solange ich das Gefühl habe, durch so einen Podcast wie heute oder durch ein, zwei andere öffentliche Auftritte was bewegen zu können, sei es bei Großsportvereinen, sei es mal bei einer Lehrer-Tagung oder irgendwelchen anderen Institutionen, wo man vielleicht ein bisschen Gremiumsarbeit leisten kann, versuche ich halt irgendwie ein bisschen mich einzubringen.

Nadia Kailouli [00:36:22] Jetzt bist du ein erwachsener Mann, ein starker Mann, dem sehr, sehr schlimmes passiert ist und ein Familienvater. Hat ein erwachsener Mann wie du Angst davor, dass ihm oder ich sage es, dass dir deine Geschichte noch mal irgendwie so oft aufs Innerste schlägt, dass es dich noch mal richtig umhaut?

Boris Kaminski [00:36:45] Ich sag mal so, ich hoffe, dass es weniger schlimm wird, als es aktuell ist. Also es ist schon so, dass mich das sehr belastet und dass es auch sehr, sehr schwierige Momente gibt. Also teilweise waren es zwischendurch auch immer mal Suizidgedanken, die sich jetzt zum Glück gelegt haben. Aber vielleicht ein Kommentar einer Betroffenen, mit der ich im Januar gesprochen habe, die mich kontaktiert hat. Das beschreibt es ganz gut, sie hat gesagt, sie wäre während des Missbrauchs lieber gestorben, als damit weiterleben zu müssen.

Nadia Kailouli [00:37:25] Stille.

Boris Kaminski [00:37:29] Wenn ich den Satz ausspreche, kriege ich immer Gänsehaut. Weil mich hat es damals auch umgehauen, als sie das gesagt hat. Aber das beschreibt es ganz gut, weil du damit durch dein Leben gehst und immer wieder Momente hast, Albträume hast, bei vielen Momenten getriggert wirst, wenn du wieder was in der Zeitung liest. Und ich glaube, ich hab das Glück gehabt, meine Frau kennenzulernen, die mich da wahnsinnig bestärkt und eben auch jetzt wirklich in einer glücklichen, tollen familiären Situation zu sein. Und ich habe einen soliden Job und es ist alles cool. Aber es gibt eben auch ganz, ganz viele Betroffene, die auf der anderen Seite runterfallen. Und da muss man sich nichts vormachen, das passiert natürlich mit getriggert durch die Kindheitsgeschichte, die Sie erlebt haben. Und da sind viele bekannte Sportler auch bei in Deutschland, wie sich für mich zuletzt herausgestellt hat. Und ich hoffe, dass ganz viele den den gleichen Weg gehen und sich trauen, das nach außen zu tragen und aufzuräumen.

Nadia Kailouli [00:38:31] Boris Kaminski, vielen Dank für deinen Besuch heute.

Boris Kaminski [00:38:33] Gerne.

Nadia Kailouli [00:38:41] Ja, das war wieder ein super intensives Gespräch mit Boris. Und was ich aber wirklich beeindruckend fand, war, als er geschildert hat, wie er sich als Opfer so gestärkt gefühlt hat, um sein Umfeld ja noch zu schützen. Er hat ja wirklich darüber nachgedacht, dass er das so einfach gar nicht seiner Familie erzählen kann, weil er eben nicht wollte, dass seine Familie diesen Schmerz erlebt, den er damals erlebt hat und heute noch erlebt. Das fand ich schon heftig, wie er das geschildert hat. Und ich muss auch sagen, dieses er hat ja wirklich auch beschrieben, dass er das Gefühl hatte, dass sein Umfeld in diesem Verein das ja auch irgendwie mitbekommen hat, dass da irgendwas nicht stimmt. Und trotzdem hat sich keiner getraut, das anzusprechen. Und das ist, glaube ich, das, was ich noch mal allen so mitgeben möchte. Wenn man ein Gefühl hat, dann lieber immer ansprechen, anstatt zu schweigen. An dieser Stelle möchte ich euch jetzt auch noch Danke sagen, dass ihr uns so treu zuhört und auch bei schwierigen Themen eben nicht abschaltet. Wir freuen uns daher sehr, wenn ihr uns liked, abonniert und teilt. Und wenn ihr uns Feedback geben wollt, dann schreibt uns auch gerne, die Mailadresse ist presse@ubskm.bund.de.

Mehr Infos zur Folge

Boris Kaminski ist heute 44 Jahre alt, er hat zwei Kinder und ist Co-Trainer einer Damen-Basketball-Bundesligamannschaft.

Als sein Trainer anfing, ihn zu missbrauchen, war Boris neun Jahre alt.  Auch als Boris älter wurde und begann, sich dagegen zu wehren, ging es weiter. Hundertfacher Missbrauch. Darüber spricht er jetzt, mit vielen Jahrzehnten Abstand, sehr klar: “Ich möchte Menschen dazu bringen, etwas zu verändern.” Boris erzählt, dass der Mann ernsthaft der Meinung war, die beiden hätten „eine Beziehung“. Und was das für ein Schock war, als er erfuhr, dass Missbrauch verjährt und er den Tennislehrer nicht mehr vor Gericht bringen kann. Boris schildert, wie das war, wenn er vom Trainer „massiert“ wurde, wie der das nannte. Denn Boris ist der Meinung, dass man das, was passiert ist, auch klar benennen muss. Deshalb wird es in dieser Sendung sehr explizite Schilderungen sexueller Gewalt geben. Wenn es euch damit nicht gut geht, hört euch diese Folge besser nicht an. Weiter unten haben wir auch Beratungsstellen verlinkt, an die ihr euch wenden könnt.

Mehr Informationen und Hilfe-Angebote findet ihr hier:

Mehr Informationen und Hilfsangebote findet ihr hier:

Hilfe und Informationen zum Thema sexueller Kindesmissbrauch gibt es beim Hilfe-Telefon: https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/hilfe-telefon

Die Deutsche Sportjugend hat viele Informationen zum Thema “Sexuelle Gewalt im Sport” zusammengestellt: https://www.dsj.de/kinderschutz/

Das Projekt Safe Sport setzt sich für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt im organisierten Sport in Deutschland ein: ​​https://safesport.dosb.de/  

Athleten Deutschland setzt sich für eine sichere Umgebung für Sportler:innen ein: https://athleten-deutschland.org/ 

einbiszwei – der Podcast über sexuelle Gewalt

einbiszwei ist der Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt. einbiszwei? Ja genau – statistisch gesehen gibt es in jeder Schulklasse in Deutschland ein bis zwei Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Eine unglaublich hohe Zahl also. Bei einbiszwei spricht Gastgeberin Nadia Kailouli mit Kinderschutzexpert:innen, Fahnder:innen, Journalist:innen oder Menschen, die selbst betroffen sind, über persönliche Geschichten und darüber, was getan werden muss damit sich was ändert. Jeden Freitag eine neue Folge einbiszwei – überall, wo es Podcasts gibt. Schön, dass du uns zuhörst.

Wenn Sie Fragen oder Ideen zu einbiszwei haben:

presse@ubskm.bund.de