PODCAST | Folge 17 | Dr. Reyhan Şahin aka. Lady Bitch Ray

„Als Frau offensiv über Sex zu sprechen ist Kritik an patriarchalen Strukturen.“

Dr. Reyhan Şahin aka Lady motherfuckin Bitch Ray - so hat sie sich selbst bei einbiszwei vorgestellt. Und dann erzählt, warum sie eine eindeutige Haltung zum Thema Sexismus und sexuelle Gewalt vertritt, wie das war, als sie vor ein paar Wochen den Bundespräsidenten mitwählen durfte und im Brautkleid im Bundestag auftauchte und wie sie als Gastarbeiterkind auch im Hochschulbetrieb immer wieder auf Sexismus, Rassismus und Klassismus trifft.


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Lady Bitch Ray [00:00:00]  Slut shaming, mansplaining, cat calling - ich wusste nicht mal, was das ist und dass es wirklich Begriffe gibt für Formen der Diskriminierung oder sexistischen Diskriminierung oder Rassismus. Und heutzutage kann die junge Generation, und das ist ja ein Fortschritt, diese Begriffe nicht nur lernen, sondern sie können halt das benennen, was ihnen widerfährt.

Nadia Kailouli [00:00:20] Hallo, herzlich willkommen bei einbiszwei, dem Podcast über sexuelle Gewalt. Ich bin Nadia Kailouli und hier spreche ich mit Kinderschutz-Expertinnen und -Experten, mit Menschen, die sich gegen sexuelle Belästigung wehren und sexuell missbraucht wurden und jetzt anderen Mut machen. Hier ist einbiszwei - damit sich was ändert.

Nadia Kailouli [00:00:44] Ich habe mich diesmal wahnsinnig geärgert, denn bei der Folge, die wir damals aufgezeichnet haben und die ihr jetzt gleich hören werdet, konnte ich nicht dabei sein. Denn das schlimme C ist in mein Leben getaucht. Also bin ich zu Hause geblieben und habe von dort aus mit, und jetzt kommts, Dr. Reyhan Şahin aka Lady fucking Bitch Ray - so hat sie sich nämlich wirklich vorgestellt - gesprochen. Die war tatsächlich bei uns, bei einbiszwei. Und was soll ich sagen? Es war einfach super. Denn Reyhan hat nicht nur unglaublich mitreißend erzählt, sie hat auch eine eindeutige Haltung zum Thema Sexismus und sexuelle Gewalt. Außerdem habe ich mit ihr darüber gesprochen, wie das für sie war, als sie vor ein paar Wochen den Bundespräsidenten mitwählen durfte. Da ist sie nämlich im Brautkleid mit Strapsen im Bundestag aufgetaucht. Und sie ist ja nicht nur erfolgreiche Rapperin, sie hat in Linguistik promoviert, sie ist also Dr. Reyhan Şahin. Und sie hat mir erklärt, wie sie als Gastarbeiterkind auch im Hochschulbetrieb immer wieder auf Sexismus, Rassismus und Klassismus trifft. Als Lady Bitch Ray hat sie Sex-Rap gemacht, wie sie das nennt. Das sind sehr explizite feministische Texte. Und warum sie so krass über Sex singt, hat sie mir natürlich auch erzählt. Ich wünsche euch also sehr viel Spaß bei diesem tollen Gespräch mit Dr. Reyhan Şahin. Und ich will kein Geheimnis draus machen, dass wir uns kennen.

Lady Bitch Ray [00:02:03] Ja, hi!

Nadia Kailouli [00:02:04] Obwohl, kennen ist vielleicht zu viel gesagt, aber wir sind uns schon mal begegnet. Wir haben schon mal zusammen gedreht, das ist aber gute zehn Jahre her, haben wir gerade festgestellt, ne?

Lady Bitch Ray [00:02:10] Du willst jetzt nicht verraten, dass wir schon mal Sex hatten?

Nadia Kailouli [00:02:14] Ah, nee. Sind wir jetzt direkt beim Pussy Juice, würde ich jetzt fast sagen.

Lady Bitch Ray [00:02:18] Wenn, dann richtig, von vorne herein.

Nadia Kailouli [00:02:21] Das war jetzt nur ein Zitat, also da gehen wir gleich näher noch mal drauf ein. Aber Reyhan,  wenn ich dich beschreibe, dann würde ich das gerade tatsächlich so machen: Es ist diejenige, die bei der Bundespräsidentschaftswahl im Brautkleid war und Olaf Scholz hat sie als allererstes in seinem Foto-Tweet dazu gepostet. Die war es.

Lady Bitch Ray [00:02:40] Hat er das getan? Das hab ich gar nicht gemerkt.

Nadia Kailouli [00:02:42] Hat er, ja, wirklich! Der erste Post zur Bundespräsidentenwahl war ein Foto, wo du mit drauf warst.

Lady Bitch Ray [00:02:48] Ja, das ist auch richtig so, er weiß, was gut ist.

Nadia Kailouli [00:02:51] Er weiß, was sich gehört. Vielleicht kannst du uns erst mal erzählen, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass man dich -

Lady Bitch Ray [00:02:57] Dass man DICH - so what? So haben die Leute übrigens beim Bundestag beim Eingang auch geguckt, als ich da hingekommen bin mit einer Freundin. Ich war ja als Delegierte von der Linksfraktion Bremen auserwählt worden. Und dann bin ich da hin, am Samstag, es war ja Samstag und Sonntag, 12. und 13. Februar. Und als ich am Samstag da ankam, und das war eigentlich mein anderes, so ein bisschen legereres Outfit, das war nämlich so mein Chanel-Kostüm-Like, so ein Karo-Tweed-Stoff-Jäckchen und ganz kurze Hose und dann kam ich da an und dann haben die Frauen am Empfang wirklich uns gefragt, was wollen sie hier? Wirklich, so. Was wollen sie denn hier? Und wir so, wählen? Den Bundespräsidenten wählen. Und die so, achso, haben sie denn eine Einladung bekommen? Ich so, ach nee, was meinen sie, warum wir hier sind? Ähm, ja, das dazu, so kams.

Nadia Kailouli [00:03:53] Okay, aber ist ja schon mal interessant, dass man aufgrund der Kleidung jemanden schon mal nicht ernst nimmt, oder?

Lady Bitch Ray [00:03:58] Ja, aber kennst du ja, weißt du ja, wie das ist. Das erzählen auch Freund*innen von mir oder jede Frau oder Frau of Colour, Frau mit Migrationshintergrund oder schwarze Frau oder arme Menschen haben diese Erfahrungen, machen diese Erfahrung ja auch ganz oft so in Schickimicki-Läden, Kleidungs-Läden, wenn man da reingeht und nicht dem entspricht, was die sich von einer Käuferin vorstellen, nämlich irgendwie Designer-Marken, reich, gepflegte Kleidung, pipapo, wird man echt gefragt, auf eine penetrante Art und Weise gefragt, kann ich ihnen helfen? Brauchen sie was? Nein, ich will nur gucken. Ja, aber sagen sie Bescheid, sobald sie was brauche. Ich brauche nichts, ich will erst mal gucken.

Nadia Kailouli [00:04:40] Aber du hast es ja gerade schon gesagt: Frau, arme Frau, schwarze Frau, keine Ahnung. Da sprechen wir gleich eigentlich schon das Thema Intersektionalität an, worüber du ja auch sehr, sehr intensiv sprichst. Aber warum ist gerade Kleidung on top ein Thema, wo man eigentlich per se schon mit diskriminiert werden kann, deiner Meinung nach?

Lady Bitch Ray [00:05:00] Ja, weil ich mein, dieses Wort "Kleider machen Leute", das kommt ja nicht von ungefähr, weil anhand der Kleidung halt Klasse, also ob arm, reich, Mittelschicht, Race, Gender abgelesen wird - leider. Und Klasse spielt halt eine ganz große Rolle, wenn man dazugehören soll oder will. Und deshalb wird als erstes das Äußere angeschaut und da spielt natürlich Kleidung eine ganz große Rolle. Was ich noch interessant finde bei Kleidung, was auf jeden Fall so auch in Mode-Theorien oder Kleidungs-Semiotik erforscht worden ist, ist die Tatsache, dass gerade Menschen, also von Armut betroffene Menschen oder Menschen, die nicht so viel Geld haben, diejenigen sind, die sich explizit modisch oder teure Marken anziehen, also mit dem wenigen Geld, das sie haben - das kann man auch ganz gut bei Nachkommen von sogenannten Arbeitsmigrant*innen, Kinder von Arbeitsmigrant*innen beobachten - die haben immer die geilsten Marken an! Das ist aber nicht, weil sie reich sind, das ist, weil sie eben nicht reich sind. Und das ist halt ähnlich auch zu beobachten bei den Schwarzen in den USA. Also bei den Schwarzen, die halt nicht so einen hohen Bildungszugang haben und halt ärmer sind in ärmeren Vierteln, die sind halt geiler gekleidet, also auffälliger gekleidet als Menschen, die Geld haben. Und das ist vor allem in Deutschland auffällig, dass Menschen, also reiche Menschen werden durch Kleidung nicht auffallen. Im Gegenteil, wenn es hoch kommt, fallen die dadurch auf, dass sie gekleidet sind teilweise wie Penner, also "Penner", also Menschen, die auf der Straße leben oder so oder einfach nicht gut gekleidet sind. Genau, dass reiche Menschen nicht so gut gekleidet sind und das ist halt ein Widerspruch. Kleidung ist sowieso ein Widerspruch. Es ist meistens, dass - also in der Kleidungs-Psychologie sagt man ja, dass die Menschen, die sich so freizügigsten kleiden, diejenigen sind, die am unfreizügigsten sind vom Charakter.

Nadia Kailouli [00:07:04] Und wie würdest du das heute sehen? Weil oft ist ja dieses freizügig kleiden wurde oft beschrieben und ich glaube, das wird heute immer noch gemacht, aber vielleicht heute hinter vorgehaltener Hand, dass man sagt, ja, ja, guck mal, die will's aber wissen.

Lady Bitch Ray [00:07:20] Nein, nicht nur, die wills wissen, sondern, entschuldigung, aber diese Slut Shaming, also dieses Runtermachen, gerade bei Frauen, die sich freizügig oder auch einfach attraktiv, selbstbewusst, auffälliger kleiden, die werden gleich geshamed. Und gerade bei den Frauen, die sich so ein bisschen sexy, also Eigendefinition sexy, oder so ein bisschen auffälliger oder freizügiger kleiden, die werden von vornherein, also denen wird sogar Kompetenz abgesprochen, das ist die Regel, vor allem in bestimmten Positionen und bestimmten Berufen. Ne, also das wirst du auch vielleicht kennen.

Nadia Kailouli [00:07:53] Ja, ich mein, wie viele Frauen kennt man, die irgendwie, sobald sie irgendwie zu einer öffentlichen Veranstaltung wollen oder so sagen, ich verzichte auf den Lippenstift, ich zieh jetzt eher ein Sakko an und so und geht da eher so ein bisschen unsichtbarer hin, um ernster genommen zu werden für meine Inhalte. Bei dir kann man das jetzt so nicht sagen.

Lady Bitch Ray [00:08:09] Ne, ich scheiß drauf.

Nadia Kailouli [00:08:10] Ich mein, du bist ja Wissenschaftlerin, du hast Linguistik studiert, du bis Dr. Reyhan Şahin und du hast dich nicht dafür entschieden, dein Äußeres dem anzupassen, dass man sich als schlaue Frau vielleicht ein bisschen zurückhaltender kleidet.

Lady Bitch Ray [00:08:22] Ja, ich hab von vornherein, weil ich halt auch geshamed worden bin oder runtergemacht worden bin, weil ich ausgegrenzt worden bin, weil ich anders gekleidet war oder auch anders gesprochen habe. Das ist ja nicht nur die Kleidung, die Kleidung ist ja ein Teil dieses Gesamt-Habitusses. Zum Beispiel in der Wissenschaft ist das richtig ausgeprägt, wenn du da nicht bestimmte Kleidung trägst, deine Perlen-Ohrringe anhast und einfach irgendwie eine hellblaue Bluse oder eine weiße und ein Bundfalten-Hose trägst mit unauffälligen Schuhen, da wirst du nicht ernst genommen, da wird dir da Kompetenz abgesprochen. Na klar gibt es halt heutzutage immer mehr Frauen, die sich so ein bisschen modischer kleiden und auch mal Lippenstift tragen. Aber es ist nach wie vor in bestimmten Disziplinen der Wissenschaft ist das ein Problem, na klar.

Nadia Kailouli [00:09:08] Aber kostet dich das heute noch Überwindung? Jetzt kommen wir mal zurück zum Bundespräsidenten. Als du da eingeladen wurde, um auch deine Stimme abzugeben, da warst du ja irgendwie wirklich im Mini-Brautkleid da, mit Schleier und Strapse und so - kostet dich sowas auch noch Überwindung. Ist das Provokation? Ist das Sichtbarkeit? Ist es ein Statement? Was ist das?

Lady Bitch Ray [00:09:26] Das war auf jeden Fall ein Statement. Das ist ein eigens entworfenes Kleid gewesen aus übrigens türkischen, ich sage mal, türkischen Handtüchern. Türkisch, weil diese Form von Handtüchern, da sind so Blumen-Stickereien drauf. Also jeder Mensch mit Türkei-Hintergrund kennt diese Handtücher, ich habe die nämlich von meiner Mutter und wirklich eifrig gesammelt die Jahre zuvor. Und aus diesen Handtüchern habe ich dieses Kleid nähen lassen und dann halt so ein Schleier drauf und dann halt mit diesem blauen Auge, das vor bösen Blicken schützt und dann diese rote Schleife, die bei so traditionell türkischen, kurdischen, arabischen Hochzeiten für die Jungfräulichkeit steht, das habe ich dann so auf meinem Kopf sozusagen gehabt. Also ich habe es eigentlich dekonstruiert. Und da war mir wichtig, weil das Accessoire dieses Kleides, was später dann so für Furore gesorgt hat, weil sich gewisse AfD-Politiker*innen darüber aufgeregt haben, das war so ein blaues Häkel-Täschchen, wo drauf "Nazis raus" und "No AfD" stand - interessant auch, dass die sich angesprochen gefühlt haben - und das gehörte sozusagen dazu. Das war ein Statement, das war ein politisches Statement, also es war mein Background als Kind von einem sogenannten Gastarbeiter-Ehepaar aus der Türkei, die aber halt antirassistisch ist und an dieser Bundesversammlung teilnimmt. Und das war mein Statement so, und es ist eigentlich aufgegangen, weil ich wusste, dass sich AfD-Leute darüber aufregen werden und so haben sie mir geholfen, meine Message sozusagen bekannter zu machen.

Nadia Kailouli [00:11:09] Okay, und sie haben sich tatsächlich aufgeregt. Soll erfüllt, würde ich sagen.

Lady Bitch Ray [00:11:15] Ja, so dumm waren sie, genau.

Nadia Kailouli [00:11:17] Wir wollen tatsächlich heute viel mit dir über Diskriminierung sprechen. Aber nicht nur aus persönlicher Sicht, sondern vor allem auch aus deiner wissenschaftlichen Sicht. Du hast Linguistik studiert. Ist Sprache Gewalt? Kann sie eingesetzt werden für sexuelle Gewalt?

Lady Bitch Ray [00:11:33] Na klar kann Sprache für verschiedene Formen von Gewalt oder Diskriminierung oder Rassismus und Sexismus oder Klassismus eingesetzt werden. Je nachdem, wie wir das gebrauchen. Ich meine, dieser Bereich Rassismus und Sprache oder sexistische Sprache ist ja sehr gut erforscht. Was aber heutzutage oder in den letzten zehn Jahren sozusagen neu ist, dass das gar nicht mehr so sichtbar und transparent ist, wie es zum Beispiel früher war. Früher waren sozusagen rassistische Sprache, oder nennen wir es die Sprache von Rassisten oder extrem rechten Menschen, war irgendwie durchschaubarer als heutzutage. Heutzutage schaffen es Stimmen der Neuen Rechten, der sogenannten Neuen Rechten, wozu ich die AfD auch zähle, so zu sprechen, dass man ihnen nicht - also wir wissen, sie sind rassistisch oder sie haben eine rassistische Einstellung größtenteils und ein beachtlicher Teil der AfD hat gute Verbindungen zu rechtsextremen Strukturen. Aber, also mit der Sprache ist das total schwierig, weil die Neue Rechte heutzutage halt auch, wie soll ich sagen, Vokabular aus dem linkspolitischen Spektrum nutzt, um sich sozusagen damit irgendwie, ja wie soll ich sagen, cool zu machen und nicht so leicht identifizierbar. Das ist das Besondere an den Entwicklungen der Sprache in den letzten zehn Jahren, wie sozusagen Sprache politisch instrumentalisiert oder genutzt wird. Das ist das Interessante daran.

Nadia Kailouli [00:13:11] Wie ist das im Sexismus? Also wenn jemand heute noch sagt, so, keine Ahnung, du bist aber eine süße Freche.

Lady Bitch Ray [00:13:22] Hm, ja, also ein Problem zum Beispiel bei sexistisch genutzter Sprache ist ja, dass man Frauen sozusagen verniedlicht, also zum Beispiel so anreden wie Mädel, Kleine, süße Maus. Ich mein, wir kennen diese Anreden auch bestimmt bei den so Kosewörtern innerhalb Partner*innenschaften. Das ist auf jeden Fall ein Indiz und noch tiefer bis zum sogenannten Bereich Rape Culture, also wo Vergewaltigung verharmlost wird. Das sehen wir zum Beispiel auch in der Sprache im Deutschrap, wo sozusagen Frauen vergewaltigt werden in einer Strophe. Und das ist immer so das Ding, dass Menschen, die sexistisch sind oder rassistisch, immer irgendwie durch eine ziemlich strategisch angewendete Sprache es immer wieder auch schaffen können, sich da rauszureden. Wir sehen, dass es halt immer darauf ankommt, wer spricht auf welche Weise und wie wird das im Nachhinein gerechtfertigt?

Nadia Kailouli [00:14:33] Jetzt nehmen wir mal die Sprache - in der sexuellen Gewalt zum Beispiel denke ich jetzt gerade so dran, wenn Typen sagen, boah, die muss einfach mal wieder hart durchgenommen werden. Das sind Sätze, die kennt man noch aus der Schule und das sind aber Sätze, die werden heute noch genau so gesagt.

Lady Bitch Ray [00:14:47] Die habe ich auch ganz oft zu hören bekommen, auch vor allem, als ich als Rapperin sozusagen aktiv war. Und ich habe ja nicht irgendeine Form von Rap gemacht, ich habe Sex-Rap gemacht, sozusagen, ja, sehr sexualisierter, feministisch sexualisierter Rap und das war das erste, diese Reaktion: Ey, die braucht mal nen richtig fetten Schwanz, die muss mal richtig hart durchgenommen werden. Dass du als Frau, wenn du sexualisierte Sprache benutzt oder offen über Sex sprichst, das sofort damit verbunden wird, dass du sozusagen Sex brauchst oder einen Mann brauchst, der dich befriedigt. Weil Leute halt einfach damit nicht umgehen können, gesellschaftlich, wenn eine Frau so spricht. Sexualisierte Sprache ist ja eine Sache, aber auf offensive Art und Weise über Sex zu sprechen ist ja die nächste. Und ich habe ja in meinem Songs ziemlich selbstbestimmt, ziemlich detailliert und explizit über Sex gesprochen. Und das ist, das beobachte ich auch bei anderen Frauen, so in Social Media, sobald sie irgendwie was sexuelles sprechen oder auch so freizügig gekleidet sind und irgendwie sexuell konnotiert werden oder sind, wird sozusagen diese Schlussfolgerung geschlossen. Aber eigentlich kann man sonst schon so ein Raster machen und eine Liste von dem, wie - meistens cis - Männer darauf reagieren, wenn Frauen so sind, weil es sind immer dieselben Sachen. Und es ändert sich komischerweise auch die letzten 15 Jahre nicht. Also das, womit ich vor 15 Jahren oder zehn Jahren konfrontiert war, beobachte ich jetzt bei jüngeren Frauen bei den Reaktionen und denk so, ey, fuck, das ist ja dasselbe. Lasst euch mal was anderes einfallen.

Nadia Kailouli [00:16:32] Du meinst jetzt, dass sie dasselbe Vokabular nutzen und dasselbe Thema nutzen, um Menschen zu diskriminieren?

Lady Bitch Ray [00:16:38] Ja genai, das ist derselbe Sexismus vonseiten - meistens - Männern.

Nadia Kailouli [00:16:42] Nur dass die - also zum Beispiel meine Nachbarin ist 19 und ich habe nur das Gefühl, sie sind mutiger geworden, sich sofort zu wehren, aber das Problem ist nicht weg. Mit 19 war ich noch nicht so selbstbewusst, dass ich gesagt habe, was willst du eigentlich, ja, vielleicht brauchst du es ja mal oder so. Obwohl ich nicht weiß, ob das heutzutage die richtige Umgangsform ist, eigentlich mit dem gleichen Sexismus zurückzuwerfen im Vokabular. Aber mit 19 hätte ich mich zum Beispiel nicht getraut mich zu wehren, sondern...

Lady Bitch Ray [00:17:08] Genau, also ich hatte mich getraut, weil ich da schon mit Rap und HipHop sozialisiert war und sozusagen gemäß meiner Vorbilder - schwarzen Frauen aus den USA, schwarze Rapperin - schon sozusagen mein Herz auf meiner Zunge hatte. Aber das, was du sagst, ist wahr, weil zu unserer Zeit war das nicht so gängig, dass sich Frauen so wehren können. Zum Beispiel als ich jung war, diese Begriffe kannte ich nicht mal, ich weiß, ob es die überhaupt gab. Slut Shaming, Mansplaining, Cat Calling - ich wusste nicht mal, was das ist und dass es wirklich Begriffe gibt für Formen der Diskriminierung oder sexistischen Diskriminierung oder Rassismus. Ich wusste ja nicht mal, wie das heißt. Und heutzutage kann die junge Generation - und das ist ja ein Fortschritt - diese Begriffe nicht nur lernen, sondern sie können halt das benennen, was ihnen widerfährt. Weil oftmals ist ja ein Problem bei Rassismus oder Sexismus oder klassistischer Diskriminierung, dass man das erst mal gar nicht selbst versteht. Man denkt, das ist normal. Und diese Begriffe und dass sozusagen wir in einem Zeitalter leben, wo Feminismus auch einfach salonfähiger geworden ist als vor zehn, 20 Jahren, da war es ja so Nischen-Sache Feministin zu sein. Da haben ja die wenigsten sich hingestellt und gesagt, ich bin Feministin.

Nadia Kailouli [00:18:27] Heute muss man sich, glaube ich, gar nicht mehr hinstellen, um zu sagen, man ist Feministin.

Lady Bitch Ray [00:18:31] Heute muss man sich schämen, wenn man keine ist, ja, genau.

Nadia Kailouli [00:18:35] Ich frage mich gerade, ich hatte mal mit einem Freund darüber gesprochen und da meinte ich so, natürlich war meine Mutter, natürlich habe ich das und das gemacht und er meinte so, ja, du bist halt einfach wahrscheinlich schon immer eine Feministin gewesen und muss es gar nicht extra so titulieren, weil du schon so aufgewachsen bist in Strukturen, wo es heißt, die Frau kann das gleiche, was der Mann kann und du gehst deinen Weg. Punkt aus.

Lady Bitch Ray [00:18:55] Genau, das ist auch so eine Sache, also so, wenn du aus einer Familie kommst, wo schon feministische Strukturen vorhanden waren. Also bei mir war es nicht so, also meine Mutter, sie hat zwar emanzipatorische Züge und ist halt eine sehr bestimmende und auch dominante Frau - ich sage immer die eigentliche Lady Bitch Ray ist meine Mutter, das weiß nur keiner - aber was ich sagen will, also ich habe so emanzipatorische bis feministische Züge entwickelt, weil ich einfach auch von patriarchalischen Strukturen krass betroffen war, sowohl innerhalb der Familie als auch innerhalb dieser Gesellschaft. Also Feminismus durch Betroffenheit, also durch Notlage, durch Not Feministin werden. Also ich hatte nicht das Privileg, dass meine Mutter irgendwie Zweite-Welle-Feministin war und ich dann gesagt habe, ah ja, cool, meine Mutter war schon so emanzipiert, jetzt werde ich mal Dritte-Welle-Feministin.

Nadia Kailouli [00:19:53] Vielleicht können wir ganz kurz dann den Bogen ins Privatleben machen, wenn du das möchtest. Weil natürlich jetzt viele denken, hä, wie ist sie denn aufgewachsen. Wie ist Dr. Reiyhan Şahin aufgewachsen?

Lady Bitch Ray [00:20:05] Äh, Dr. Bitch Ray, ja, wie bin ich aufgewachsen?

Nadia Kailouli [00:20:06] Ja, oder ne, jetzt muss ich direkt reingehen. Mit wem spreche ich hier gerade eigentlich? Mit Dr. Reyhan Şahin, mit Dr. Bitch Ray, mit Lady Bitch Ray - wer bist du?

Lady Bitch Ray [00:20:14] Ich bin bei Reyhan Şahin aka Lady Bitch motherfucking Ray.

Nadia Kailouli [00:20:17] Also all in heute?

Lady Bitch Ray [00:20:19] Ja. Also, wie bin ich aufgewachsen? Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen, einer älter, einer jünger. Mein Vater war so der typische sogenannte Gastarbeiter. Ist negativ konnotiert, I know, aber man kann es ja auch reclaimen. Aus der Türkei, der ist Anfang der 70er gekommen. Meine Mutter war sogenannte, ja, immer zu Hause, weil sie sich um die drei Kinder gekümmert hat. Mein Vater hat in einer Schiffswerft gearbeitet, ich bin in Bremen Gröpelingen geboren, G-Town 21, und da bin ich stolz drauf, weil das ein sehr gemischter Stadtteil war, wo viele Kinder von Arbeiter*innen mit Migrations-Background waren und aufgewachsen sind und auch natürlich weiße deutsche Kinder und das war schon eine coole Zeit. Und irgendwann bin ich von da, sozusagen über meinem Bruder, mein Bruder war Graffitis-Sprüher damals, und dann bin ich sozusagen über Graffiti zum HipHop gekommen und habe angefangen, am Anfang Französisch zu rappen, weil ich die französischen Rapper cool fand. Ich hatte auch eine Phase, wo ich auf Türkisch gerappt habe. Ich erinnere mich noch, dass ich nach Istanbul zu Sony Istanbul gegangen bin, da war ich gerade mal 18, mein Vater wollte mit und ja, so ging das seinen Lauf. Aber ich habe so in meinem Kopf so einen Deal gehabt, weil mein Vater großen Wert auf Bildung gelegt hat, weil er hatte diesen Bildungszugang nicht in der Türkei, war halt von Armut betroffen und für ihn war nichts wichtiger als dass seine Kinder studieren, also Abitur machen und studieren. Und es war auf jeden Fall auch Druck so, aber ich hatte so den Deal, weil ich hatte irgendwann so den Dreh raus oder rausbekommen, dass sozusagen, wenn ich gut in der Schule bin, ich mich auch kleiden kann, wie ich möchte und halt auch Rap machen kann, dass das sozusagen der Deal ist. So, und ich erinnere mich daran, dass dann, wenn meine Mutter sich dann mal so aufgeregt hat, ey guck mal, wie die aussieht, ihre Hose ist unter ihrem Arsch -  ich habe mal so ein Gespräch mitbekommen, da waren die im Wohnzimmer, ich habe so gelauscht, da meinte sie, ja, das ist doch nicht mehr normal wie sie sich kleidet und so. Ich so innerlich, blöde Kuh, Mama, was sagst du da? Und mein Papa guckt sie an, weil ich war ja auf dem Gymnasium schon, und meint so, egal, lass sie sich kleiden wie sie will, Hauptsache sie macht ihre Schule und sie studiert eines Tages, setz sie nicht unter Druck. Weil meine Mutter wollte dann so, ja, die kann dann auch mal abwaschen, mein Vater so, nein, viel wichtiger ist, dass sie ihre Hausaufgaben macht. Pass lieber drauf auf, dass sie ihre Hausaufgaben macht als abwaschen, das kannst du auch. Mega patriarchalisch, aber also in dem Sinne halt auch gut, weil wäre es nach meiner Mutter gegangen, hätte sie mich nur noch abwaschen lassen und  hätte mich nicht rausgelassen. Und ich hatte natürlich Einschränkungen, ich durfte nicht in die Disco, nachts raus, das war ein Tabu, aber ja, also ich hatte halt auch Freiheiten, die andere nicht hatten mit meinem Background.

Nadia Kailouli [00:23:34] Und vor allem bist du so oder so so groß geworden, dass du auf jeden Fall eine ganz große Plattform in dir entwickelt hast für Kunst. Für mich bist du eine Künstlerin, unter anderem eben auch eine Rapperin. Und wir haben jetzt die ganze Zeit schon ein bisschen darüber gesprochen, du hast es immer wieder angeteasert und ich glaube, unsere Zuhörer*innen können wir jetzt hier nicht aus dem Gespräch lassen, ohne dass wir auch was gehört haben von dir. Die Frage ist nur, was hören wir von dir? Was Neues? Was Altes? Wo wollen wir reinhören?

Lady Bitch Ray [00:24:03] Also es gibt nur irgendwie bisschen...also die letzten Sachen, die ich gemacht hatte, sind von 2016, Bitchanel und Cleopatra. Habt ihr so was da vielleicht zum reinhören?

Lady Bitch Ray [00:24:14] Ausschnitt aus Cleopatra.

Nadia Kailouli [00:24:42] Mehr lässt uns die Regie gar nicht hören.

Lady Bitch Ray [00:24:45] Haha, egal, reicht doch, das war die wichtigste Message.

Nadia Kailouli [00:24:49] Ja, Reyhan, vielleicht - sie haben tatsächlich da ausgemacht als du sagst, ich will keinen Schwanz, der kleiner als ne Pommes ist. Hab ich das richtig verstanden?

Lady Bitch Ray [00:24:56] Genau. Was soll ich mit nem Schwanz, der nicht größer ist als...

Nadia Kailouli [00:25:01] Der nicht kleiner ist, oder?

Lady Bitch Ray [00:25:07] Was auch immer, du weißt, es kommt nicht auf die Länge an, sondern auf die Dicke.

Nadia Kailouli [00:25:11] Ich könnte jetzt bei der Pommes sagen: Auf den Geschmack.

Lady Bitch Ray [00:25:15] Genau, oder auf den Geschmack. 

Nadia Kailouli [00:25:20] Wenn man sich das jetzt so angehört hat und die Zuhörer*innen sich denken, moment mal, redet ihr jetzt die ganze Zeit über sexuelle Gewalt in der Sprache? Entschuldigung, aber was ist denn das?

Lady Bitch Ray [00:25:30] Ja, da müssen die sich mit Sexismus und patriarchalischen Strukturen auskennen und vor allem den Kontext Deutschrap verstehen. Also es ist ja kein Umfeld, wo irgendwie - also klar, es gibt Rapper*innen, die über Bienen und Blumen rappen und sozusagen normale bis Umgangssprache benutzen, aber es ist ja ein sehr cis-männlich toxisches Umfeld und da kann man halt nicht irgendwie...also ich würde es nicht tun, es ist halt auch meine Sprache, es ist Umgangssprache, es ist Sprache aus der Straße, es sind Wörter aus dem Türkischen und Anglizismen. Also es ist mein Slang sozusagen. Und das ist die Art, wie ich bestimmte Messages transportiere. Und es ist halt natürlich auch eine Kritik. Also so eine übertriebene Form, über Sex zu sprechen, als Frau, mit einer Portion Humor, ist einfach auch eine Form von Kritik an diesen Strukturen. Wir dürfen nicht vergessen, wir reden von Deutsch-Rappern, die sexistische Sprache benutzen, bis teilweise auch antisemitische oder rassistische, bis hin zur Rape Culture, also Verherrlichung von Vergewaltigung oder auch für Femizid. So, und in diesem Umfeld möchte ich bitte nicht so sprechen wie ich im Seminar spreche, im Universitäts-Seminar.

Nadia Kailouli [00:26:57] Aber man fragt sich ja so, also jetzt nehmen wir mal ein paar Punkte davon raus, aber es ist ja schon eine Sprache, wo wir jetzt sagen würden, oder wo einige sagen würden, okay, Rapper, also Männer, die würden dann das Wort Schwanz vielleicht in einen anderen Kontext reinsetzen, aber sie würden das Wort exakt auch in ihren Raps so benutzen. Wo liegt für dich der Unterschied in deiner Art und Weise, mit dieser Sprache Rap zu machen - und deine Kritik?

Lady Bitch Ray [00:27:25] Also, der Unterschied liegt an der Haltung des jeweiligen Rappers oder Rapperin. Und meine Haltung ist eindeutig eine intersektionell-feministische und eine antirassistische. Und es sind ja nicht nur, also ich finde auch, man sollte sozusagen, wenn man zum Beispiel Rap-Texte analysiert oder Sexismus oder Rassismus im Rap sozusagen kritisieren möchte, sollte man nicht nur sich die Texte von den jeweiligen Rapper*innen angucken, sondern auch den Rapper, die Rapperin als Gesamtwerk, diesen Gesamt-Habitus. Also, klar, unter anderem was erzählt der in seinen Songs, aber auch wie kleidet er sich, wie drückt er sich aus, was erzählt er in seinen Interviews und was macht er sonst so? Und ich mein, heutzutage gibt es so viele Möglichkeiten, die eigene Positionierung zu verdeutlichen. Also, wie gesagt, und das ist aber auch im Rap so eine Selbstverständlichkeit. Also diese Übertreibung, bestimmte Stilmittel gehören sowieso dazu. Diese Übertreibungen des eigenen Egos zum Beispiel. Oder auch diese Übertreibung, wenn man zum Beispiel über Sex rappt oder halt auch andere Sachen, also Übertreibung als Stilmittel wird sowieso verstanden innerhalb des Deutschrap als solches so. Und ich finde gerade diese Szenen, Deutschrap-Szenen, und gerade Rap, wo Sprache eine ganz große Rolle spielt, ist ein Feld oder eine Bühne, wo man sozusagen über 1000 Möglichkeiten hat, sich sprachlich und nonverbal auszudrücken. Und das finde ich so das Besondere, dass man sozusagen auf die Details achten muss, aber auch so das Gesamte im Blick haben muss. Und das ist, also, wie gesagt, wir sprechen über eine Szene, wo einfach heutzutage Männer immer noch rappen, dass sie Frauen anal nehmen, wann sie wollen, wo Storys zum Vorschein kommen, dass Rapper ihre Frauen, ihre Partnerinnen schlagen und diese sich irgendwie auf Instagram damit kundgeben. Das ist eine Szene, wo Opfer von Vergewaltigung sich melden und sagen, ey, ich wurde von dem und dem Rapper vergewaltigt, aber er gibt es nicht zu. Ich meine, von dieser Szene sprechen wir. Wir sprechen hier nicht von irgendeiner Szene.

Nadia Kailouli [00:29:52] Man hätte jetzt gesagt, auch der Rap der Männer hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert, er war sehr gewaltverherrlichend, sexistisch etc.. Aber man muss ja sagen, das ist er heute in vielen Bereichen immer noch, oder?

Lady Bitch Ray [00:30:07] Klar, es gibt ja diese neue Entwicklung in den letzten zehn Jahren des Trap, das ist ein Subgenre von Rap. Da gibt es schon auch eine Entwicklung, wo diese explizit sexistische Sprache so latenter gemacht worden ist, also was so im ersten Augenblick sozusagen viel harmloser erscheint, aber dann, wenn man genauer hinschaut, besonders sexistisch ist. Eine interessante Entwicklung ist sozusagen die Migrantisierung des Deutschraps in den letzten 10, 12, 20 Jahren. Vor 20 Jahren war der Deutschrap, also die bekanntesten Leute waren weiße deutsche Jungs und obwohl diese auch sexistisch waren, sind die immer fein raus gekommen. Wenn wir über Sexismus im Deutschrap sprechen, müssen wir aber auch über die Sichtweise auf migrantische Männer sprechen, weil das sind heutzutage - die meisten populären Rapper, erfolgreichen Rapper und Rapperin sind schwarz und oder haben Migrations-Background. Und diese Migrantisierung hat auch so eine Form von Rassismus hervorgerufen, weil immer wenn jetzt über Sexismus gesprochen wird, wird sofort auf den Deutschrap gezeigt. Dabei ist Sexismus innerhalb jeder Gesellschaftsstruktur existent, sei es in der Unternehmensberatung, sei es im Universitätsbetrieb, wo ich auch tätig bin und am Anfang dachte: Holla die Waldfee. Ich dachte nämlich als ich irgendwann vom Rap sozusagen, wo ich dann promoviert habe, dachte ich, okay, jetzt bin ich in der Wissenschaft und habe mir wirklich ausgemalt - naiv von mir übrigens - dass ich jetzt mit einer Szene zu tun haben werde, wo geerdete Menschen, gebildete Menschen und weniger Sexismus und Rassismus stattfinden wird. Und ich habe  halt ganz schnell gemerkt, dass ich mich gewaltig geirrt habe.

Nadia Kailouli [00:32:02] Und woran hast du das festgemacht? Wie hast du das gemerkt? Weil das hätte ich hätte mich jetzt auch tatsächlich interessiert. Weil, dass du diskriminiert wirst oder angefeindet wirst für deinen Rap, für dein Äußeres, leider ist das jetzt nichts, was einen schockiert. Anders ist es aber, dass wenn man sich denkt, okay, sie ist Wissenschaftlerin, sie lehrt an der Universität, aber auch da soll sie diskriminiert werden, why?

Lady Bitch Ray [00:32:24] Ja, also, jeder Mensch, der in der Wissenschaft drin ist oder mit dieser zu tun hat, weiß, dass es sich um einen hochgradig weiß-männlich dominierten, hierarchischen, elitären Bereich handelt. So, und Sexismus, Rassismus, Klassismus ist da nicht außen vor. Also das ist da Everyday Business. Und man ist ja als Wissenschaftler*in auf Drittmittel angewiesen, man muss ja sozusagen seine eigene Stelle bewerben, das heißt, man überlegt sich dreimal, ob man den jeweiligen Täter anzeigt oder damit öffentlich zur Gleichstellungsbeauftragten geht und die dann sozusagen mal ein Gespräch mit denen führen. Das ist ein Problem. Das zweite Problem ist, dass die meisten Gleichstellungsbeauftragten innerhalb von Universitätsbetrieben oder Hochschulbetrieben gar nicht die Power haben. Was wollen die denn machen? Was ist das für eine Instanz wenn die sagen, ja, sie verlieren jetzt ihren Job, sie kriegen eine Abmahnung. Das ist ja nicht gleichzusetzen wie mit einer Firma, wo der Personalrat irgendwie was versucht. Und deshalb kenne ich sehr, sehr viele Frauen, weiße Frauen und vor allem auch Frauen of Color, die den Universitätsbetrieb - und wirklich gute Frauen, gute, brilliante Wissenschaftlerinnen -  verlassen haben, nachdem sie sexuell belästigt oder sonst eine Form von Diskriminierung erlebt haben, waren sie diejenigen, die gegangen sind.

Nadia Kailouli [00:33:55] Also, das Ding ist, ich höre dir gerade zu, wie, ich glaube, auch viele unserer Zuhörer*innen und komme gar nicht dazwischen mit irgendeiner Frage, weil ich habe gar keine Frage, weil ich mir denke, erzähl bitte einfach nur weiter, weil das so ein interessanter Einblick ist, den du da gibst, aber den wahrscheinlich auch viele aus anderen Bereichen kenne.

Lady Bitch Ray [00:34:09] Ich höre das auch. Ich habe ja ganz viele Lesungen in Theatern gehabt und du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Frauen, so Intendantinnen, also ich sage mal Theater-Fraue, zu mir gekommen sind und gesagt haben das ist dasselbe wie in Kunst oder Medien oder...

Nadia Kailouli [00:34:26] Ja, oder schau mal ins Krankenhaus. Also ich  habe eine Bekannte, die hat sich verliebt in den Chefarzt und die hatten auch lange eine Affäre, aber für ihn ist es halt dabei geblieben. Sie wollte natürlich dann irgendwann auch die Beziehung, aber dann, wer ist gegangen? Sie!

Lady Bitch Ray [00:34:38] Ja, ja, klar geht sie.

Nadia Kailouli [00:34:43] Sagen wir mal so, sie musste gehen.

Lady Bitch Ray [00:34:45] Ja, genau. Und das ist sozusagen noch die harmloseste Form. Stell dir vor, du erlebst wirklich eine gewaltvolle Form von Diskriminierung und musst dann trotzdem gehen.

Nadia Kailouli [00:34:56] Aber Reyhan, wie bricht man diese Strukturen auf? Ich meine, wir reden hier jetzt nicht darüber, weil irgendwer das irgendwann mal so erzählt hat oder so, sondern weil diese Fälle einfach ja auch wirklich bekannt sind. Aber wie bricht man diese Strukturen auf?

Lady Bitch Ray [00:35:08] Das geht nicht von heute auf morgen. das ist schwierig, weil das sind, wie du so auch sagst, das sind Strukturen. Das sind Sachen, die sind über nicht nur Jahrzehnte, die sind über Jahrhunderte - die sind da. Also so ein Universitätsbetrieb, so Universitäten in Deutschland, die gibt es seit 800 Jahren, zum Beispiel, und 200 Jahre davon frauenlos. So, und jetzt irgendwie die letzten 100 Jahre sind da noch ein paar People of Color, schwarze Menschen und, wenn man Glück hat, auch noch ein paar Kanaken dazu gekommen. Also wichtig ist, wenn man bestimmte Strukturen verändern will, ist ja sozusagen - und da sind wir, war das Sprache - erstmal das bemerken oder davon betroffen sein und das bemerken, sich bewusst werden, dass das Diskriminierung ist oder Rassismus ist, Sexismus ist. Und dann erstmal die richtigen Worte finden, das anzuprangern und das zu kritisieren. Und genau, da muss man halt auch aufpassen, was für eine Sprache man wählt, weil würde ich jetzt irgendwie so sprechen, dass mich Leute nicht verstehen oder irgendwie so sprechen, dass sozusagen Leute das nicht annehmen, weil sie denken, ey, die spricht jetzt irgendwie so einen Ghetto-Slang und der hören wir einfach nicht zu. Ich weiß auch, dass wenn ich das kritisieren würde und "nur" Rapperin wäre, man mir gar nicht zuhören würde. Ich weiß, dass man mir nur zuhört, weil ich promoviert bin und weil ich auch diese Wissenschaftssprache spreche und weiß, wie ich mit diesen spießigen, weißen Leuten zu sprechen habe. Aber ja, es ist eine Errungenschaft und je mehr Leute darüber sprechen werden, kommt es auch mal irgendwann zu Veränderung. Ich merke das ja, allein in den letzten zwei Jahren, wie viele Universitäten mich einladen - Eliteunis! Ich habe letztes Jahr diese Eröffnungsrede für Universität Marburg, Dies Academicus, gesprochen und ich habe richtig hart kritisiert. Und das hätte ich vor zehn Jahren nicht machen können. Klar, richtig hart kritisiert - ich bin da nicht hingegangen und habe gesagt, fickt euch ins Knie, ihr seid alle scheiße, sondern ich habe präzise beschrieben, wovon ich betroffen bin, warum das problematisch ist und sogar Lösungsvorschläge gemacht. Und cool dabei war, dass sozusagen Student*innen bis Doktorand*innen bis Postdocs, also insbesondere auch Student*innen, die halt gar keinen Raum haben für diese Kritik, weil diese Probleme gibt es ja, die wissen nur nicht wohin damit, die können nur vielleicht, wenn sie Glück haben, mit ihrer besten Freundin darüber sprechen. Aber mit wem können sie darüber sprechen? Und die Besuche, wenn ich solche Sachen digital mache oder Zuschauer*innen, das ist enorm hoch, weil Leute einfach wissen, dass das wahr ist, weil viele Leute davon betroffen sind. Und mittlerweile kommen auch nicht nur die, sondern auch Mitarbeiter*innen von Unis. Teilweise kommen auch Professor*innen, Jungprofessor*innen zu mir und sagen so, sorry, ich kann das nicht laut sagen, aber du hast recht. Ich denke so erst mal darüber sprechen und dann, im Kleinen, immer Sachen verändern. Und das sind sozusagen die ersten Ansätze, da was zu verändern. Aber wir haben noch viele Bereiche die verändert werden müssen.

Nadia Kailouli [00:38:18] Und ich glaube, wir haben noch viele Bereiche, um mit dir zu reden und deswegen glaube ich, wir müssen dich einfach noch mal einladen. Aber eins haben wir heute schon mal umgesetzt, was du anregst und zwar, dass wir drüber reden, dass finde ich schonmal gut.

Lady Bitch Ray [00:38:29] Kritisch drüber reden!

Nadia Kailouli [00:38:31] Kritisch drüber reden! Und da komme ich zu meiner letzten Frage an dich: Wir leben ja in Zeiten, wo manche Wörter gepiept werden. Sollen wir in dieser Sendung eigentlich piepen? Piept man noch, ist das eigentlich noch legitim?

Lady Bitch Ray [00:38:45] Ne, also, ich kenne das aus dem Rap, so auch aus dem US-Amerikanischen Rap, wo dann so bestimmte Sachen so piep, Fotze, piep. Ich wurde auch voll oft indiziert und gepiept, aber das ist übrigens auch noch mal eine Veränderung: Heutzutage wird weniger indiziert und gepiept, weil man auch ein Bewusstsein hat, zum Beispiel für Sex Positivity, für selbstbestimmt genutzte sexualisierte Sprache etc. pp. Ich glaube, ihr müsst nicht piepen, das ist nicht nötig.

Nadia Kailouli [00:39:15] Nein, wir werden nichts piepen, nichts wird hier weggepiept. Dr. Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray, vielen Dank, dass du heute bei uns warst, danke.

Lady Bitch Ray [00:39:23] Vielen Dank für die Einladung, Nadia.

Nadia Kailouli [00:39:28] Dr. Reyhan Şahin. Habt ihr es gemerkt? Ich brauchte eigentlich kaum Fragen stellen, die Frau hat einfach was zu sagen. Wir hätten Stunden reden können und ja, da ist einiges bei rübergekommen, finde ich. Und vor allem interessant finde ich diesen Aspekt, als wir über unsere Vergangenheit als Jugendliche gesprochen haben, dass es ja da auch schon sexuelle Gewalt in dem Sinne gab, nur dass wir heute ja eher wissen, wie wir es benennen. Cat Calling, Slut Shaming, Victim Blaming usw. Sind zwar alles englische Begriffe, aber immerhin können wir titulieren, was einem da widerfährt. Ansonsten, ja, Kleidung spielt natürlich eine riesen Rolle. Ihr konntet sie ja leider nicht sehen, sie sah aber wieder hervorragend aus.

Mehr Infos zur Folge

Reyhan (aka Lady Bitch Ray) ist nicht nur erfolgreiche Rapperin, sie hat in Linguistik promoviert, ist Dr. Reyhan Şahin. Sie hat zu “Kleidersemiotik” geforscht und weiß, warum gerade Arbeiterkinder Markenklamotten tragen. Und natürlich kann sie auch erklären, wie sexuelle Gewalt durch Sprache ausgeübt wird. Als Lady Bitch Ray hat sie „Sex-Rap“ gemacht, wie sie das nennt. Das sind sehr explizite, feministische Texte und warum sie so krass über Sex singt, hat sie uns auch verraten. 

Vor allem ist sie Feministin und war das schon, als das noch schwieriger war als heute. “Feminismus ist heute salonfähiger als vor zehn, zwanzig Jahren,” sagt sie. “Da war es eine Nischen-Sache, Feministin zu sein. Da haben die wenigsten sich hingestellt und gesagt: “Ich bin Feministin.”  Heute muss man sich schämen, wenn man keine ist.”

Mehr Informationen und Hilfe-Angebote findet ihr hier:

Dr.in Reyhan Şahin ist bei Instagram: https://www.instagram.com/dr.bitch_ray/?hl=de 

Und auch bei twitter: https://twitter.com/LadyBitchRay1?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Eauthor

„Yalla, Feminismus“ heißt ihr Buch, eine Besprechung gibt es hier: https://www.deutschlandfunkkultur.de/lady-bitch-ray-yalla-feminismus-das-schlechteste-aus-zwei-100.html 

Reyhan war auch in der Sendung “Gedankenpalast” zu Gast: https://www.ardmediathek.de/video/gedankenpalast/lady-bitch-ray-und-sarah-lee-heinrich/br-fernsehen/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvL2Q3NjQ2MjhlLWEzOGEtNGU3MS1iZjhjLWZiOGEyYWUyMzM2ZQ 

Reyhan über “60 Jahre Anwerbeabkommen” im SPIEGEL-Gespräch: https://www.spiegel.de/kultur/anwerbeabkommen-mit-der-tuerkei-in-deutschland-ankommen-heisst-auch-fehler-machen-zu-duerfen-a-1c2c3155-22d5-40d6-b8cd-b526b7977493 

Einen Artikel zu Reyhans Auftritt bei der Bundesversammlung hier: https://www.rundschau-online.de/news/politik/-clowns--bei-bundesversammlung--afd-politikerin-von-storch-staenkert-gegen-rapperin-39460670 

Ihre Dissertation “Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs. Eine kleidungssemiotische Untersuchung Kopftuch tragender Musliminnen in der Bundesrepublik Deutschland” ist hier erhältlich: https://www.lit-verlag.de/isbn/978-3-643-11900-1?c=8081 

einbiszwei – der Podcast über sexuelle Gewalt

einbiszwei ist der Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt. einbiszwei? Ja genau – statistisch gesehen gibt es in jeder Schulklasse in Deutschland ein bis zwei Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Eine unglaublich hohe Zahl also. Bei einbiszwei spricht Gastgeberin Nadia Kailouli mit Kinderschutzexpert:innen, Fahnder:innen, Journalist:innen oder Menschen, die selbst betroffen sind, über persönliche Geschichten und darüber, was getan werden muss damit sich was ändert. Jeden Freitag eine neue Folge einbiszwei – überall, wo es Podcasts gibt. Schön, dass du uns zuhörst.

Wenn Sie Fragen oder Ideen zu einbiszwei haben:

presse@ubskm.bund.de