Mit 11 wurdest du Opfer von Cybergrooming – was ist dir passiert, Jasmin Scholl?
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[00:00:01.640] - Jasmin Scholl
Und dann sind wir in die Weinberge gefahren. Da war dann auch niemand mehr, weil es hat geregnet. Und das war im Grunde so der Moment, wo ich gedacht habe, ich werde hier sterben, weil die Autoverriegelung ging zu. Ich war auf der Rückbank hinten und wurde dann da eben vergewaltigt. Und das sind so Dinge, wo ich denke, mein Körper oder mein Gefühl hat mir ganz oft signalisiert, ich habe ein komisches Bauchgefühl. Und trotzdem, von meinem Kopf her, habe ich gedacht, das kann doch nicht sein, dass mir das passiert.
[00:00:31.820] - Jasmin Scholl
Hi, herzlich willkommen bei einbiszwei, dem Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Ich bin Nadia Kailouli und in diesem Podcast geht es persönliche Geschichten, akute Mischstände und die Frage, was man tun kann, damit sich was ändert. Hier ist einbiszwei. Schön, dass du uns zuhörst!
Cybergrooming. Das meint die gezielte Anbahnung sexueller Kontakte von Erwachsenen mit Kindern und Jugendlichen über das Internet. Über das Thema haben wir hier bei einbiszwei schon mal vor zwei Jahren gesprochen und damals war jedes fünfte Kind in Deutschland betroffen. Heute ist es jedes Vierte. Die Zahlen, die steigen also echt rasant. Das hat auch damit zu tun, dass Täter und Täterinnen immer mehr Möglichkeiten haben, sich im Netz an Kinder heranzumachen. Mittlerweile ist es schon für Grundschüler normal, ein Smartphone zu haben, online zu gehen und dabei zu chatten. In diesen Chats geben sich Täter als Gleichaltriger aus, bringen Kinder dazu, ihnen Bilder sich zu senden oder sich vor eingeschalteter Kamera auszuziehen. Mit diesen Aufnahmen werden die Kinder dann erpresst. Das Ziel ist es oft, sich real mit den Kindern zu treffen, sie zu missbrauchen. Jasmin Scholl wurde bereits mit elf Jahren Opfer von Cybergrooming. Sie verabredete sich mit einem vermeintlich Gleichaltrigen, mit dem sie vorher monatelang geschrieben hatte, und sie traf dann eben einen erwachsenen Mann, der sie vergewaltigte.
Heute klärt Jasmin auf Social Media unter dem Namen @das_schweigen_brechen auf, gibt an Schulen Workshops und ist Botschafterin des Deutschen Kindervereins. Ihre Geschichte, die erzählt sie mir jetzt hier bei einbiszwei. Ich freue mich total, dass heute Jasmin Scholl da ist. Herzlich willkommen bei einbiszwei!
[00:02:13.510] - Jasmin Scholl
Ja, danke schön!
[00:02:14.550] - Nadia Kailouli
Schön, dass Da bist du da, bis Jasmin. Jasmin, wer sich mit dem Thema sexuelle Gewalt gegenüber Kinder und Jugendliche auseinandersetzt, grundsätzlich, ist vielleicht schon mal auf dich aufmerksam geworden, denn du setzt dich sehr, sehr dafür ein und du hast auch schon in anderen medialen Formaten sozusagen mit gewirkt. Wie fühlst du dich, dass du heute hier bist und mit mir über dieses Thema sprichst?
[00:02:36.920] - Jasmin Scholl
Ich bin sehr aufgeregt. Ich glaube, das ist aber auch etwas, was sich erst mal nicht so schnell ändern wird, weil auf der einen Seite ist es natürlich schwer, über so eine schwere Thematik zu sprechen, die auch sehr komplex ist. Und auf der anderen Seite ist es irgendwie schön zu sehen, dass man anderen helfen kann und Mut machen kann und einfach auch Klartext sprechen kann über das, was in der Welt passiert.
[00:02:59.440] - Nadia Kailouli
Ich frage gerade dich das, weil ich selber manchmal so den Eindruck habe, dass Menschen immer noch denken, dass Menschen, die selber sexualisierte Gewalt erlebt haben und damit so in die Öffentlichkeit gehen, dass die so ein bisschen, weiß ich nicht, zu outgoing sind oder zu sehr damit klarkommen oder so. Dabei ist das ja einfach etwas, was einen ja trotzdem emotional immer noch beschäftigt, bewegt und weswegen man durchaus auch aufgeregt sein kann, so wie du das gerade beschrieben hast. Und vielleicht, dass Leute auch verstehen, dass du dahinter natürlich auch eine Wirksamkeit bewirken willst, denn du setzt dich eben sehr, sehr stark für Kinderschutz ein, und zwar explizit zum Thema Cybergrooming. Vielleicht kannst du mal aus deiner Sicht erklären, was ist Cybergrooming eigentlich? Wir hatten hier schon öfter drüber gesprochen, aber es ist immer noch mal besser, das von Leuten erklärt zu bekommen, die das selber erlebt haben.
[00:03:51.560] - Jasmin Scholl
Es gibt ja ganz viel, wie man Cybergrooming erklären kann und ich würde aber sagen, dass Cybergrooming viel, viel mehr ist als das, was man kennt. Cybergrooming ist, sich Vertrauen zu erschleichen, übers Internet, angeschrieben werden, überwiegend von Erwachsenen, die das Ziel haben, diese Person zu treffen - meistens sind es jüngere Betroffene - und sie im schlimmsten Fall zu vergewaltigen. Und ich finde, Cybergrooming ist so wahnsinnig schwierig zu erkennen am Anfang, weil es ähnliche Fragen sind, wie die, die Freunde stellen. Wo gehst du denn zur Schule? Was machst du gerade? Wo bist du gerade und so weiter. Und ich finde, dass das wirklich schwierig ist, manchmal für einen selbst herauszufinden. Das ist die Falle, in die ich ja dann auch getappt bin.
[00:04:39.380] - Nadia Kailouli
Weil eben hinter dieser Person ja eine erwachsene Person steckt. Also, das noch mal so zusammenzufassen: Kinder, Jugendliche sind im Chat verwickelt und denken, sie schreiben mit einer gleichaltrigen Person. Vielleicht denken sie sogar, sie schreiben mit dem gleichen Geschlecht, männlich oder weiblich, ist dann eigentlich egal. Aber dahinter verbirgt sich dann des Öfteren eben ein älterer Mann meistens, der diesen Kontakt eben nutzt, Kinder zu missbrauchen.
[00:05:06.980] - Jasmin Scholl
Vor allem fragen sich ja viele, wie das denn funktioniert, dass man so weit gehen konnte oder dass das so weit passiert ist. Und das ist eigentlich ganz einfach, weil wenn man überlegt, wenn man da jetzt am Computer ist oder allgemein im Internet und dann wird geschrieben: Hey, ich habe dieselben Hobbys wie du, ich höre dieselbe Musik, mir kommt das und das bekannt vor, dann hat man so eine Verbundenheit, weil man denkt: Hey, mit der Person kann ich mich ja dann darüber austauschen, über Hobbies, Musik und so weiter, und kommt dann ins Gespräch. Da entwickelt sich eine Art Freundschaft, dass man das Gefühl hat: Hey, ich würde die Person treffen, das kann ich mir gut vorstellen, das ist vertraulich. Ich habe das Gefühl, dass das ein ehrlicher Mensch ist und dann stellt sich am Ende heraus: Nein, das sind Infos, die gezielt gestellt wurden, um herauszufinden, wie die Person ihren Alltag lebt.
[00:05:54.800] - Nadia Kailouli
Wir ändern heute mal ein bisschen die Reihenfolge. Und zwar möchte ich jetzt nicht sofort darüber im Detail sprechen, was dir passiert ist, sondern ich möchte vor allem darüber sprechen, was du heute tust, Kinder und Jugendliche eben genau vor Cybergrooming zu schützen. Du bist da nämlich sehr, sehr aktiv. Du gehst nämlich ganz gezielt an Schulen, weil viele Eltern oder auch Lehrer: innen und so fragen sich ja: Wie kann das denn passieren? Also mein Kind hat doch ein Telefon, ja mein Gott, aber das spielt ja nur damit oder chattet mit Freunden. Vielleicht kannst du einmal erklären, was genau tust du an Schulen zum Beispiel, um Kinder und Jugendliche davor zu schützen, dass sie an Cybergrooming geraten?
[00:06:33.760] - Jasmin Scholl
Kinder und Jugendliche verbringen ja sehr viel Zeit in der Schule und auch in der Schule gibt es ja die Aufgabe, zu recherchieren, über den Computer zu arbeiten. Und daher mache ich vor allem Workshops an Schulen, zu zeigen, das Internet ist nicht nur negativ, es hat auch Vorteile, aber schaut genau hin. Und wie geht man damit um? Und ich stelle fest, dass in jeder Klasse Betroffene sitzen, die sagen: Hey, genau das habe ich erlebt und ich wusste nicht, wohin und ich wusste auch nicht, ob ich mich einem Lehrer anvertrauen kann, weil zu Hause wurde mir nicht geglaubt.
[00:07:09.660] - Nadia Kailouli
Das heißt, sie öffnen sich dann auch das erste Mal, dass sie eigentlich schon negative Erfahrungen gemacht haben?
[00:07:15.060] - Nadia Kailouli
Ja, am Anfang machen wir so eine Vorstellungsrunde und dann frage ich: Was sind eure Erfahrungen mit der Schule? Was sind eure Erfahrungen mit dem Internet? Und was versteht ihr unter dem Wort Cybergrooming? Und dann merkt man schon, die Antworten...sie dürfen innerhalb von zwei Sekunden darauf antworten. Es ist so eine Blitzrunde. Und dann merkt man manchmal schon, dass manche gar nicht wissen, was sie da sagen können, weil sie das einfach schon erlebt haben. Und das sind auch Jungs, die in der Schule sitzen und sagen: Hey, ich wurde von einer Frau angeschrieben, die hat mir die und die Nachrichten geschickt und ich war total überfordert.
[00:07:49.270] - Nadia Kailouli
Was sagst du dann? Also wenn man das so äußert, dann ist das ja erst mal... und damit haben ja eigentlich die meisten Probleme – was heißt Probleme? – oder eine Scheu, das überhaupt zu einzugestehen: Ja, das ist mir schon passiert. Das hat mir jemand geschrieben und wollte Fotos von mir zum Beispiel. Wie reagiert man dann am besten?
[00:08:07.260] - Jasmin Scholl
Ich bin immer total dankbar, wenn Menschen mir das erzählen, weil ich weiß, wie schwer das ist, so was mit sich herumzutragen und das Gefühl zu haben, es wird einem nicht geglaubt und deswegen bin ich wahnsinnig dankbar, wenn Schüler, die mich im Grunde nicht kennen, aber für die ich da bin, über das Thema auch zu sprechen, den Mut haben vor der gesamten Klasse, das dann zu sagen. Und ich motiviere sie auch immer da, diesen Weg weiterzugehen und dass sie die Möglichkeit haben, auf der einen Seite Screenshots zu machen, sie zu blockieren, sie zu melden. Aber das ist so dieser eine Part. Der andere Part ist: Was macht das mit der Seele? Weil es gab diesen Vorfall und das beschäftigt einen. Also hilft es nicht, dann zu sagen: Das und das sind Maßnahmen, die du jetzt tun kannst, sondern auch darauf zu schauen: Was sind das denn für Fragen, die die gestellt haben? Oder wie ist das passiert? Wie hast du dich in dem Moment gefühlt? War das dein Bauchgefühl, das gesagt hat, hier stimmt was nicht? Oder war das eher der Kopf, der das gesagt hat? Einfach, weil man ja damit aufwächst, aufpassen zu müssen bei dem Internet und wir reden auch über Plattformen, wo das dann war. Und es ist oft eigentlich so, dass am Ende alle positiv aufgeladen sind. Also ich gehe aus der Stunde raus und alle sagen: Wow, das nehme ich mit nach Hause und jetzt weiß ich, wie ich mich besser schützen kann. Einfach, weil ich einfach gerne versuchen möchte, auch die Seele zu schützen.
[00:09:32.420] - Nadia Kailouli
Könntest du konkret zum Beispiel Plattformen mal benennen? Also auf welchen Plattformen machen Kinder und Jugendliche deiner Meinung nach schlechte Erfahrungen?
[00:09:42.060] - Jasmin Scholl
Ich würde sagen, heutzutage auf allen. Überwiegend TikTok, Snapchat. Und früher war es so, dass man immer gedacht hat: Hey, Darknet, das ist so die kinderpornografische Plattform. Ist es aber nicht, weil auch WhatsApp gehört dazu. Und jetzt gibt es ja auch Spiele mit Chatfunktionen. Und wo wir wussten im Grunde, dass es eine Chat-Funktion gibt, wo Täter sich aufhalten könnten, da haben die schon darauf gewartet, dass sich Kinder da anmelden. Und da gibt es im Grunde keinen hundertprozentigen Schutz. Und das gilt für alle. Und das muss man verstehen, dass man ein Kind oder uns selber nicht hundertprozentig schützen kann.
[00:10:21.780] - Nadia Kailouli
Jetzt würden wir gerne natürlich erfahren, weil das ist ja immer dieses große Fragezeichen: Ja, wie passiert das denn überhaupt? Was schreibt denn die Person da überhaupt? Und jetzt habe ich das Gefühl, ich habe doch mein Kind jetzt schon aufgeklärt, dass es da im Internet böse Menschen gibt. Warum antwortet mein Kind denn überhaupt? Kannst du gezielt vielleicht Muster nennen, wo Kinder und Jugendliche erkennen: Oh, ab hier bin ich gefährdet? Kann man das Kindern auch überhaupt vermitteln?
[00:10:47.320] - Jasmin Scholl
Ja, in dem Moment, wo man ein schlechtes Bauchgefühl hat, wo man denkt: Ich glaube, irgendwie stimmt da was nicht, sollte man darauf hören. Als Beispiel: Es gibt Menschen, die Dickpicks zum Beispiel schicken. Da weiß man sofort, okay, das ist das Ziel. Es gibt aber auch Täter, die das sehr perfide machen.
[00:11:04.490] - Nadia Kailouli
Vielleicht erklären wir einmal ganz kurz Dickpick. Vielleicht haben das natürlich schon viele gehört, aber ein Dickpick ist ein Foto seines Geschlechtsteils, also ein Penis. Dann verschickt.
[00:11:16.840] - Jasmin Scholl
Genau.
[00:11:18.080] - Nadia Kailouli
Also das ist ein Dickpick, ist es nicht schön und auch das gilt ja eigentlich schon als Straftat.
[00:11:22.280] - Jasmin Scholl
Absolut. Vor allem werden diese Dickpicks ja so geschickt. Also ohne, dass man irgendwie in dieses Thema kommt. Man öffnet den Chat und hat dieses Bild einfach. Also man wird im Grunde damit überschüttet als Frau. Und das war ein Beispiel. Ein anderes Beispiel ist, wenn man so ein vertrautes Gefühl hat, weil natürlich können auch Freundschaften entstehen. Aber wenn man anfängt, ein komisches Gefühl zu haben im Chat, sollte man vorsichtiger sein, weil meistens ist das Bauchgefühl richtig, das man hat. Und ja, das ist das, was ich eigentlich allen mitgebe.
[00:11:55.180] - Nadia Kailouli
Vielleicht kannst du uns noch mal ein bisschen so einen Einblick geben, weil das Ding ist ja, du bist ja keine Lehrerin. Du hast ja nicht deine Klasse, die du jeden Morgen siehst und dann heißt es „Guten Morgen, Frau Scholl!" und dann wird sie hingesetzt und dann heißt es, heute gucken wir uns mal Cybergrooming an, sondern du machst ja Workshops. Wie genau sieht dieser Workshop ganz genau aus und wie bekommt man dich überhaupt an die Schule?
[00:12:15.820] - Jasmin Scholl
Die Anfragen kommen meistens über Instagram. Ich habe da einen Aufklärungs-Account, wo ich über das Thema aufkläre. Und ich bin ja Mitglied im Landesbetroffenenrat Hessen und auch da kommen Anfragen. Ich gehe an Schulen und mache es meistens so, dass ich vorab mit den Lehrern spreche und mit der Schulleitung und sage: Gibt es Schüler an der Schule, die daran interessiert sind, weil ich möchte nicht in eine Klasse gehen und die damit überrumpeln. Ich möchte am Anfang erst mal schauen: Sind sie auch bereit dazu, sich damit zu konfrontieren, weil ich auch weiß, was das macht. Und demnach schauen die Lehrer auch einfach, fragen in den Jahrgängen nach: Wollt ihr an dem Workshop teilnehmen? Weil ich ja im Grunde keinen dazu zwingen möchte und ich biete das auch freiwillig an. Jeder kann, wenn er merkt, der Workshop, das macht gerade zu sehr etwas mit einem, auch natürlich den Unterricht verlassen, eine Pause macht, dann schaut die Lehrkraft nach, fragt, ob alles in Ordnung ist, ob die Schülerin oder der Schüler gerade was braucht.
Und explizit geht es eigentlich darum, dass ich ein Stück weit erzähle, was mir passiert ist, erkläre, was Cybergrooming ist, wie sie sich davor schützen können. Und wir führen einfach auch Gespräche, weil ich hier diesen geschützten Rahmen schaffen möchte, zu sagen: Hey, wir reden jetzt darüber. Ihr konntet das nicht, eventuell, aber jetzt könnt ihr das. Und ich möchte von euch wissen: Was sind eure Erfahrungen? Was habt ihr erlebt? Um für mich auch zu gucken: Wo setzen Täter jetzt 2026 an? Was haben sie für neue Strategien entwickelt? Weil ich bin ja nicht mehr in diesem Netzwerk, zum Glück drinnen, aber andere sind es noch. Und dann schaue ich gerne auf diese Netzwerke, wie Täter aktuell sich verhalten.
[00:14:00.880] - Nadia Kailouli
Hast du da eine Erkenntnis, was sich da verändert hat? Du hattest ja gerade schon mal gesagt, dass man über Onlinespiele, weil man da Kommentare schreiben kann, den Zugang findet. Das kennt man ja schon lange auch über YouTube und so, aber es gibt ja verschiedene Kanäle, wo man Spiele spielen kann? Also diese Kommentarfunktion, ist das eine?
[00:14:19.400] - Jasmin Scholl
Was auffällig ist, sind, dass es immer mehr Plattformen gibt oder auch Spiele mit Chatfunktionen, wo inzwischen versucht wird, darüber an Kinder und Jugendliche zu gelangen. Was auch auffällig ist, dass wenn Mädels oder Frauen da angemeldet sind, überwiegend ältere Männer kontaktieren. Wenn es Jungs oder Männer sind, ist es oft so, dass es zwar auch ältere Frauen sind, aber auch Männer und der Umgang ist, wie angefragt wir anders. Bei Männern ist das so entweder dieses direkte in Form von Dickpicks oder dieses Vertrauliche. Bei Frauen ist es so, dass die sich auch wahnsinnig viel Zeit lassen, auch dieses Vertrauen bekommen, sagen: Hey, ich habe gesehen, du brauchst ein neues Handy. Vielleicht möchtest du eins haben. Ich habe hier noch ein altes Rumliegen. Also dass man in Form von Geschenken versucht, an die Person dran zu kommen. Aber der Vorgang ist anders bei Frauen als bei Männern. Das ist das, was mir die letzten Jahre aufgefallen ist und trotzdem ist es das Gleiche.
[00:15:21.100] - Nadia Kailouli
Und würdest du sagen, dass dahinter wirklich eine Täterin steckt oder verschleiert als Frau und dann steckt da trotzdem man dahinter? Oder kann man davon ausgehen, dass immer mehr Frauen auch zu Täterinnen werden über diese Cybergrooming-Schiene?
[00:15:35.240] - Jasmin Scholl
Ich glaube, dass es immer mehr in die Öffentlichkeit kommt, dieses Thema, und dass es früher schon so war, weil wenn ich auf meine Geschichte gucke und höre, dass Menschen sagen: Boah, du hast das erlebt. Ja, Wahnsinn, hätte ich nicht gedacht, dass es das heutzutage noch gibt. Da denke ich mir: Okay, das war so 2012, wir haben 2026 und es ist eigentlich jetzt mehr geworden in Form von immer mehr Menschen trauen sich, darüber zu sprechen, finde ich das schon wichtig und deswegen glaube ich, dass das früher schon so war.
[00:16:05.990] - Nadia Kailouli
Dass also auch mehr Frauen Täterinnen sind und nicht nur Täter.
[00:16:10.220] - Jasmin Scholl
Ja, und die Dunkelziffer bei Männern ist ja noch mal deutlich höher, als das bei Frauen der Fall ist.
[00:16:16.020] - Nadia Kailouli
Vielleicht ist jetzt auch der richtige Zeitpunkt, einmal auf deine Geschichte zu gucken und dann auch besser zu verstehen, warum gerade du diese Workshops anbietest.
[00:16:24.020] - Jasmin Scholl
Also ich durfte früher das Haus nicht verlassen. Ich durfte nur in die Schule und musste danach nach Hause aufgrund von häuslicher Gewalt. Da wollte meine Mutter nicht, dass ich das Haus quasi raustrage, weil sie Angst hatte, wenn ich anderen zu sehr vertraue, könnte ich darüber reden, was passiert zu Hause. Und habe aber irgendwann einen Computer bekommen und habe mich dort bei Plattformen angemeldet, wie "Wer kennt wen? Und "Emo-Treff". Und ja, ich war kein Emo, aber meine Freunde waren da halt angemeldet und das war für mich so der Austausch gewesen, in Kontakt zu bleiben nach der Schule. Und dann habe ich Anfragen bekommen von Menschen, die ich kannte oder durch Freunde mal kannte, wo wir gemeinsame Freunde hatten und habe die alle angenommen. Und da waren auch Menschen dabei, die kannte ich nicht, wo ich gedacht habe: Okay, ich nehme das jetzt einfach mal an, der oder die sieht nett aus.
Und dann war es so, dass ich angeschrieben wurde eben mit: Hey, das Hobby habe ich auch! Oder hey, coole Musik, ich habe einen ähnlichen Geschmack, wie du, erzähl mal! Und dadurch waren das so die ersten Gespräche und irgendwann war das so, dass mehr gefragt wurde. Also zu Hause hatte ich immer das Gefühl, meine Mutter sieht mich nicht und alles mache ich falsch und ich bin falsch auf der Welt. Und es gab ganz viele Schläge. Und da war das so, dass ich das Gefühl hatte, hey, ich kann mit den Menschen sprechen und ihnen erzählen, was mich belastet und habe dementsprechend auch Fragen wie: Wie geht es dir? Auch geantwortet: Hey, mir geht es nicht gut. Meine Mutter hat mich verprügelt und ich fühle mich hier nicht wohl. Habe ich nicht sofort gemacht, aber mit der Zeit, wo ich das Gefühl hatte, dem kann ich vertrauen und er möchte ehrlich wissen, wie es mir geht, und habe ganz, ganz viel erzählt, dass ich jetzt in die Schule muss oder wie die Schule war und dass der Bus zu spät kam. Also eigentlich Fragen oder Antworten, die man auch mit Freunden bespricht.
Und irgendwann war es so, dass er gefragt hat: Soll ich dich nach der Schule abholen und wir gehen zusammen mal ein Eis essen? Dann können wir uns persönlich treffen und mal quatschen. Und er kam auch an die Schule. Ich dachte: Hey, an der Schule, da sind so viele Menschen. Ich möchte mich ja schützen, weil ich ja auch wusste, man muss aufpassen, wenn man sich mit fremden Menschen trifft und ich dachte: An der Schule ist so ein geschützter Rahmen. Kann ich machen. Und da bin ich vom Schulgelände nach Schulschluss und habe gesehen, schwarzes Auto und rote Rose in der Hand. Der war ein bisschen was über zehn Jahre älter als ich und hatte dem dementsprechend eben auch schon Führerschein. Und dann habe ich gedacht: Ich dachte, wir sind Freunde. Und da hatte ich schon noch mal ein komisches Bauchgefühl, habe nicht drauf gehört, weil ich dachte: Hm, wie das so ist, Bauchgefühl muss ja jetzt nicht stimmen unbedingt. Und da haben wir uns umarmt. Er hat mir die rote Rose gegeben und ich dachte: Hmm, ich weiß nicht. Habe aber in dem Moment nicht getraut zu sagen: Ich steig bei dir nicht ein. Ich möchte mich mit dir nicht treffen, weil ich ein komisches Gefühl habe. Weil ich gelernt habe, wenn ich Nein sage, ist die Konsequenz, dass die Bestrafung schlimmer wird, dass es noch mehr Ärger gibt. Also habe ich nichts gesagt.
Und dann bin ich ins Auto eingestiegen und dann sind wir losgefahren und dann habe ich auch da wieder gemerkt, der fährt irgendwie in eine andere Richtung. Habe aber gedacht: Gut, der kennt sich jetzt hier nicht im Ort unbedingt aus. Vielleicht hat er sich verfahren und habe das damit schön geredet. Und irgendwann habe ich gemerkt, er ist ziemlich ruhig geworden und es war einfach nur noch angespannt, die Situation, und habe gesagt: Hey, wo wollen wir denn Eis essen gehen? Und da hat er nicht mehr wirklich geantwortet. Und dann sind wir in die Weinberge gefahren. Da war dann auch niemand mehr, weil es hat geregnet. Also, dass man da nicht, wenn man jetzt keinen Hund hat, herumläuft, ist klar. Und das war im Grunde so der Moment, wo ich gedacht habe, ich werde hier sterben, weil die Autoverriegelung ging zu, ich war auf der Rückbank hinten und wurde dann da eben vergewaltigt. Und das sind so Dinge, wo ich denke, mein Körper oder mein Gefühl hat ganz oft signalisiert mir, ich habe ein komisches Bauchgefühl und trotzdem, von meinem Kopf her, habe ich gedacht: Das kann doch nicht sein, dass mir das passiert. Also ich glaube, vielleicht meinte er es doch gut und ich schätze das gerade völlig falsch ein. Also ich kann nicht erklären, warum ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört habe.
[00:20:45.580] - Nadia Kailouli
Ich bin keine Therapeutin, gar nicht, aber mein erstes Gefühl ist, ich finde, du musst das auch nicht erklären können, müssen, gar nichts. Weil ich denke mir so, du bist ein Kind und da ist ein Mensch, der dich einfach missbraucht. Und warum sollst du jetzt erklären müssen, warum du nicht anders hättest handeln können?
[00:21:06.590] - Jasmin Scholl
Aber genau deswegen mache ich auch diese Workshops und erkläre das genauso, wie ich es jetzt getan habe, weil ich sagen möchte: Hey, hört auf euer Bauchgefühl, nicht auf das, was euer Kopf sagt, weil das Gefühl ist meistens richtig. Und das ist mein Schutz, mit dem ich andere Menschen auch schützen möchte, zu sagen: Guck genau hin! Hab Mut, zu sagen: Nein. Hol dir andere Menschen dazu. Und was ich auch nicht... also was ich so schwierig finde, ist, dass man sagt: Warum trifft sich ein Kind mit einem Erwachsenen? Wo waren die Eltern? Also das mit den Eltern kann ich voll nachvollziehen. Aber wo ist die Frage, zu sagen: Was möchte ein erwachsener Mann, dem das total bewusst ist, mit Absichten von einem kleinen Kind? Das ist das, was mir in der Gesellschaft fehlt.
[00:21:52.700] - Nadia Kailouli
Dass man diese Frage eben umstellt und nicht fragt, warum trifft sich ein Kind mit einem Erwachsenen, sondern die große Frage, die wir haben, ist, warum trifft sich ein Erwachsener mit einem Kind und das eben ganz klar zu verurteilen und nicht das Kind zu fragen: Warum hast du das denn gemacht?
[00:22:06.990] - Jasmin Scholl
Absolut. Vor allem die Schuld und die Verantwortung liegt ja klar auf dem Täter. Also warum muss man das einem Kind, das ein gutes Gefühl hatte, sage ich mal, oder das noch gar nicht so weit ist, warum muss man das Kind damit konfrontieren und dem Kind die Schuld geben?
[00:22:21.350] - Nadia Kailouli
Absolut. Jetzt ist deine Geschichte natürlich noch viel, viel.... Ich darf das so sagen, umfangreicher. Ja, die ist leider, leider viel, viel mehr passiert, außer diese schlimme Tat. Ich würde aber an dieser Stelle einen Punkt machen, weil ich dich jetzt erstens nicht in die Situation bringen möchte, so deine ganze Geschichte jetzt hier auch noch mal hinzulegen und wer aber, - ich glaube, das darf ich sagen – wissen möchte, wie du mit all dem umgegangen bist und so kann sich natürlich an dich wenden. Du hast eine Instagram-Seite, du hast in verschiedenen Formaten eben genau zu dem Thema auch gesprochen und da kann man viel mehr erfahren und sich mit dem auch noch mal ein bisschen intensiver auseinandersetzen, wer möchte. Aber ich möchte jetzt hier noch mal weiter darüber sprechen, wie du es schaffst, selbst jetzt heute so aktiv zu sein. Also so aktiv in dem Sinne, dass du aufklärst, dass du schützen willst, dass du dich eben für den Schutz von Kindern und Jugendlichen einsetzt. Was war so der Hebel bei dir, der dich dann dahin gebracht hat?
[00:23:22.220] - Jasmin Scholl
Ich muss sagen, dass ich damals in einer akuten Bedrohungssituation war und hatte aber auch schon jahrelang Therapie. Und das ist der Punkt, über den ich mich selbst so ein bisschen ärgere, weil meine Therapeutin hat immer wieder mir dabei geholfen, auf 90% zu kommen in meiner Heilung. Und dennoch gab es diese 10%, die dafür gesorgt haben, dass ich wieder bei Null angefangen habe. Meine Therapeutin hat so oft gesagt: Jasmin, du musst den Kontakt abbrechen. Du musst umziehen. Das tut dir hier nicht gut. Also sie hat mir so oft geholfen und ich habe diesen kleinen Schritt sozusagen zu diesen 100% nicht geschafft. Und dann war irgendwann die Bedrohungssituation so akut, dass ich gemerkt habe: Doch, ich muss es schaffen und ich will es schaffen, weil ich war suizidal, ich war depressiv, ich war hoch traumatisiert. Und ich habe gedacht: Ich möchte diesen Tätern meine Macht nicht geben. Ich möchte denen keine Macht über mein Leben geben. Ich möchte frei sein, selbstbestimmt sein. Ich möchte meine Lebensfreude wiederhaben und ich werde ihnen das kleine Stück, was sie brauchen, nicht geben.
Und das war so der Moment, wo ich es geschafft habe, meine Sachen zu packen, meinen Hund zu nehmen und in einen Schutz zu gehen, weil ich wollte dieses Leben nicht mehr. Und das hat mir wirklich dabei geholfen, diese eigene Motivation, da rauszukommen. Und ich habe mir in dem Moment gesagt, ich möchte andere Menschen aber aufklären. Also nach eineinhalb Jahren habe ich mich bereit gefühlt, zu sagen: Hey, ich mache jetzt mal so einen Instagram-Account und ich erzähle meine Geschichte und ich packe da so ein bisschen Fachwissen mit rein und daraus haben sich ganz viele Türen geöffnet. Es kamen wahnsinnig viele betroffene Therapeuten, Lehrkräfte, es kamen so viele Menschen auf mich zu, so viele Anfragen, die gesagt haben: Hey, du hast Wissen, das steht in keinem Lehrbuch drin und wir möchten genau wissen, wie das passiert ist und wie du da dran kamst, das selber auch anwenden zu können. Und ich finde das auch gut, weil man dadurch eben, wenn man Betroffene fragt und sie daran beteiligt, Lücken schließen kann, die damals offen geblieben sind oder auch heute noch offen sind.
[00:25:36.880] - Nadia Kailouli
Das ist gerade so beschrieben wie das, was du erlebt hast. Das wird ja so als Erfahrungswert genommen. Fühlt sich das teilweise schlecht auch an? Also weißt du, weil ich mir denke, das ist ja keine schöne Erfahrung. Und das, was du erlebt hast, das, was du kannst in dem Sinne, Menschen aufklären, was Cybergrooming et cetera betrifft, steht in keinem Lehrbuch. Da kann man sagen, ja, da kann man auch, finde ich, stolz auf sich sein, irgendwie zu sagen: Ja, ich kann was damit tun, aber wie fühlt sich das an? Weil das ja nun nichts Schönes war und ich glaube, wenn du es dir aussuchen könntest, dann würdest du sehr gerne auf diese Erfahrung verzichten.
[00:26:12.550] - Jasmin Scholl
Absolut. Das ist wirklich nichts, wo man sagen kann … Ja, ich hätte gerne die Erfahrung nicht gemacht und merke aber, dass das gebraucht wird dieses Wissen. Also ich bin ein Mensch, ich habe das versucht, in eine Berufung umzuwandeln. Das heißt, wenn ich über das Thema spreche, dann gibt es mir tatsächlich Kraft, weil ich weiß, was ich damit bewirken kann. Und es zieht mich nicht runter, weil ich gemerkt habe, die Menschen, die brauchen dieses Wissen. Sie müssen wissen, was passiert, wenn Betroffene auf einen zukommen, darüber reden, was macht man dann? Oder wie reagieren Täter, wenn sie konfrontiert werden? Das sind so viele Dinge, über die noch gesprochen werden muss und deswegen bin ich dankbar, wenn Menschen den Mut haben, sich das Thema anzugucken und anzufragen.
[00:27:00.400] - Nadia Kailouli
Nun ist es ja so, dass du nicht an alle Schulen gehen kannst, aber wir können, glaube ich, mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass das Thema Cybergrooming an jeder Schule Thema ist, weil eben sehr, sehr viele Kinder und Jugendliche eben im Netz hängen, ein Handy haben und eben schutzlos eigentlich sich in dieser Welt bewegen, was kein Vorwurf an die Kinder und Jugendlichen ist, sondern eben, weil diese Plattformen nun mal so funktionieren, wie sie funktionieren und man sehr anonym Kontakt aufnehmen. Was würdest du dir wünschen oder was würdest du sagen, ist so wichtig für Schulen, wo du nun eben nicht hingehen kannst, um aufzuklären?
[00:27:38.040] - Jasmin Scholl
Ich glaube, dass ich mir damit jetzt keinen Gefallen tue, aber ich würde sagen, dass es toll ist, wenn sich alle Schulen mit dem Thema auseinandersetzen würden, dass sie schauen, wie können sie Kinder aufklären? Was gibt es für Möglichkeiten, vielleicht auch von außen, sich jemanden dazu zu holen und was können Lehrkräfte tun, wenn sie merken, nach einem halben Jahr ist eine Schülerin oder ein Schüler verändert. Wie kann man auf sie zugehen? Wie kann man da agieren? Und vor allem, ich meine, wenn Lehrer wissen, es gibt jemand, der betroffen ist in der Klasse, wie können Lehrer damit umgehen? Weil das ist eine große Frage, die, ich glaube, aktuell nicht viele beantworten können. Und ich finde es auch wichtig, mutig zu sein und zu sagen: Nicht, ich möchte mich nicht mit diesem Thema konfrontieren, sondern ich muss mich damit konfrontieren, weil es könnte auch an meiner Schule jemand sein, der betroffen ist. Und wie kann ich meine Schüler und Schülerinnen schützen davor, weil es einfach so ein großes Thema ist. Also es muss nicht passieren, um dann erst aufzuklären, sondern man kann prophylaktisch schon Schüler miteinbinden.
[00:28:42.900] - Nadia Kailouli
Und wenn wir jetzt auf die Plattform kommen, was würdest du wünschen? Wie sollte das Internet, die ganzen Plattformen, auf denen man sich bewegt, aufgestellt sein, um Kinder besser zu schützen? Was wäre da dein Wunsch?
[00:28:57.840] - Jasmin Scholl
Ich bin ein großer Fan von dem Personalausweis als Verifizierung und muss auch da noch mal sagen, es gibt keinen hundertprozentigen Schutz. Also alles, was ich jetzt aufzählen würde, gibt es im Grunde schon oder wird eingerichtet, aber es gibt keinen hundertprozentigen Schutz. Man darf sich nicht auf die Sicherheit im Internet verlassen. Das ist so meine Erfahrung und mein Weg, dann zu sagen: Okay, geht nicht mit dieser Einstellung daraus. Okay, es ist erledigt, es ist geschützt, ich muss mich darum nicht kümmern, sondern man muss immer ein Auge darauf haben.
[00:29:32.900] - Nadia Kailouli
Wenn jetzt Menschen zuhören, die wissen: Oh, ich chatte da gerade mit jemandem und habe ein komisches Gefühl oder: Da wurde mir vielleicht schon mal ein Foto geschickt, oder so. Was würdest du sagen, was ist die erste Handlungen, die man machen kann, sich selbst zu schützen?
[00:29:48.240] - Jasmin Scholl
Ich würde sagen, am besten einen Screenshot machen, die Personen blockieren, damit keine weiteren Nachrichten kommen und sie melden. Es gibt auch inzwischen die Möglichkeit, sich an Anlaufstellen zu wenden, wo man mit diesen Chatverläufen hingehen kann, die dann dabei helfen, das zu verfolgen. Und was wichtig ist, ist eben auch die persönliche Ebene, also zu gucken: Was hat das alles mit mir gemacht und brauche ich da Unterstützung? Weil das ist das, was wahnsinnig wichtig ist und was aber noch zu wenig da ist.
[00:30:20.240] - Nadia Kailouli
Und keine Scham haben, ne?
[00:30:21.860] - Jasmin Scholl
Ja.
[00:30:22.400] - Nadia Kailouli
Keine Scham. Das ist mir wirklich, seitdem ich diesen Podcast mache, so klar, dass viele – und das ist keine Schuldzuweisung, sondern ja auch ein Systemfehler in unserer Gesellschaft, weil eben direkt die Frage kommt oft an das Kind: Ja, warum hast du denn das gemacht? Also keine Scham haben, keine Angst haben. Wenn man das Bauchgefühl hat, was du so gut beschrieben hast, dann sollte man sich an irgendwen wenden, wo man das Gefühl hat, hier kann ich mich jetzt hin vertrauen, und zwar sei es an die Lehrerin, sei es an die Mutter, sei es an die Oma, sei es ich weiß nicht was, aber lieber sagen und keine Angst davor haben, dass man was falsch gemacht hat. Kinder können nichts falsch machen, wenn Täter, Täterinnen sie missbrauchen wollen.
[00:31:04.130] - Jasmin Scholl
Absolut.
[00:31:05.380] - Nadia Kailouli
Jasmin, Mensch. So, jetzt stelle ich die Eingangsfrage noch mal: Wie fühlst du dich?
[00:31:10.000] - Jasmin Scholl
Ich fühle mich gut.
[00:31:13.860] - Nadia Kailouli
Ich fühle mich auch gut. Ich fühle mich gut, dass wir so offen sprechen konnten. Ich fühle mich gut, dass du an die Schulen gehst. Das ist, glaube ich, sehr, sehr wichtig. Und ich bedanke mich ganz herzlich bei dir, dass du dir heute die Zeit genommen hast, uns hier bei einbiszwei zu besuchen und deine Geschichte zu erzählen und vor allem zu erzählen, was du machst und wie aktiv du bist für den Schutz von Kindern und Jugendlichen. Vielen, vielen Dank, Jasmin Scholl.
[00:31:36.620] - Jasmin Scholl
Danke.
[00:31:40.540] - Nadia Kailouli
Ja, ich glaube, was aus dem Gespräch mit Jasmin heute ganz klar wurde, ist, dass Cybergrooming, also dass Menschen, die Erwachsene sind, sich übers Internet an Kinder ran sneaken, ran machen, diese dann letztendlich zu missbrauchen, ist eben Alltag, weil wir alle eben tagtäglich in sozialen Netzwerken oder sonst wo im Internet unterwegs sind. Und es wurde eben deutlich, dass wir vor allem eben auch an Schulen aufklären müssen, also dass man daraus kein Tabu macht und sagt: Ja, das gibt es, und jeder erlebt es, aber keiner spricht drüber, sondern dass gerade an Schulen Lehrkräfte, ohne denen jetzt die Verantwortung dafür zu geben, aber das im Auge haben müssen und wissen müssen: Hey, ganz ehrlich, wenn da sich Kinder verändern oder so, dann spreche ich das irgendwie an oder ich mache es in der Lehrerkonferenz zum Thema. Das ist schon wirklich das Allermindeste.
Und noch ein Hinweis für euch: Zum Thema Cybergrooming haben wir tatsächlich hier auch schon mal eine Folge gemacht mit Thomas Gabriel-Rüdiger, der ist Cyber-Kriminologe. Also hört euch diese Folge gerne auch mal an.
An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich mal bei euch bedanken, dass ihr uns so treu zuhört und dass ihr auch bei schwierigen Themen dranbleibt. Wenn ihr wollt, dann folgt uns doch gerne, abonniert unseren Kanal und wenn ihr uns persönlich einmal schreiben wollt, dann könnt ihr das natürlich sehr gerne tun. Eine E-Mail könnt ihr einfach schreiben an einbiszwei@ubskm.bund.de.
Mehr Infos zur Folge
Über das Thema Cybergrooming haben wir hier bei einbiszwei vor zwei Jahren mit dem Kriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger gesprochen, damals war jedes fünfte Kind in Deutschland betroffen. Heute ist es jedes vierte, die Zahlen steigen rasant.
Das hat auch damit zu tun, dass Täter und Täterinnen immer mehr Möglichkeiten haben, sich im Netz an Kinder heranzumachen. Mittlerweile ist es schon für Grundschüler normal, ein Smartphone zu haben, online zu gamen und dabei zu chatten. In diesen Chats geben sich Täter als gleichaltrig aus, bringen Kinder dazu, ihnen Bilder von sich zu senden oder sich vor eingeschalteter Kamera auszuziehen. Mit diesen Aufnahmen werden die Kinder dann erpresst, das Ziel ist es oft, sich real mit Kindern zu treffen und sie zu missbrauchen.
Jasmin Scholl ist genau das passiert. Sie wurde bereits mit elf Jahren Opfer von Cybergrooming. Sie verabredete sich mit einem vermeintlich Gleichaltrigen, mit dem sie vorher monatelang geschrieben hatte. Und sie traf dann einen erwachsenen Mann – der sie vergewaltigte.
Heute klärt Jasmin auf Social Media unter dem Namen „Das Schweigen brechen” auf, gibt an Schulen Workshops und ist Botschafterin des Deutschen Kindervereins. Ihre Geschichte erzählt sie bei einbiszwei.
LINKSAMMLUNG
Instagram von Jasmin Scholl
@das_schweigen_brechen
Mehr über Jasmin Scholl
Jasmin ist Botschafterin des Deutschen Kindervereins
ZDF-Reportage mit Jasmin Scholl
„Cybergrooming: Jasmin will Kinder und Jugendliche vor sexueller Gewalt schützen / 37 Grad”
ARD-Doku mit Jasmin Scholl
„Über Chats in die Prostitution – ich war erst 11”
Weitere Fakten über Cybergrooming
Infos vom BKA
Zur Cybergrooming-Podcastfolge mit dem Cyberkriminologen Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger
Folge 47 von einbiszwei
Zahlen zu Cybergrooming von ZEBRA
Wie viele Kinder sind von Cybergrooming betroffen?
