Podcast | Folge: 71 | Dauer: 31:15

Auf dem Dorf ist die Welt noch in Ordnung – oder, Miriam Peters?

hier reinhören
Bild des Titelgebers

Aktuelle Folge jetzt anhören

Wenn Sie diesen bereitgestellten Inhalt aufrufen, kann es sein, dass der Anbieter Nutzungsdaten erfasst und in Serverprotokollen speichert. Auf Art und Umfang der übertragenen bzw. gespeicherten Daten hat die UBSKM keinen Einfluss. Weitere Informationen zu den von FeedPress erhobenen Daten, deren Speicherung und Nutzung finden Sie in der Datenschutzerklärung des Anbieters.

Folge hier anhören

Das Interview der Folge 71 als Transkript lesen

[00:00:00.300] - Miriam Peters

Es ist ein anderes Leben auf dem Dorf und in kleineren Gemeinden als in der Stadt. Es gibt kaum Anonymität und es ist auch ein Sozialgefüge, was oftmals vorschreibt, wie man zu sein hat. Und wenn man aus dieser Norm ausbricht, kann es eben auch sein, dass man einen Ausschluss von der Dorfgemeinde erfährt. Das führt dazu, dass das Thema Partnerschaftsgewalt noch mehr tabuisiert wird als in der Stadt.

[00:00:28.260] - Nadia Kailouli

Hi, herzlich willkommen bei einbiszwei, dem Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Ich bin Nadia Kailouli und in diesem Podcast geht es um persönliche Geschichten, um akute Missstände und um die Frage, was man tun kann, damit sich was ändert. Hier ist einbiszwei. Schön, dass du uns zuhörst.

[00:00:52.640] - Nadia Kailouli

Auf dem Land ist die Welt noch in Ordnung, da gibt es viel Natur, Ruhe und die Menschen auf dem Dorf halten zusammen und achten aufeinander. Das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Auch die Bullerbü-Idylle hat Schattenseiten. Denn auch auf dem Land wird hinter zugezogenen Gardinen geprügelt und misshandelt. Auch dort gibt es Gewalt gegen Frauen. Und auf dem Land ist es für Betroffene oft viel schwieriger, Hilfe zu finden. Die nächste Beratungsstelle ist mitunter weit entfernt und Frauen, die Partnerschaftsgewalt öffentlich machen, droht oft der Ausschuss aus der Dorfgemeinschaft. Die möchte oft lieber verschweigen, was die Dorf-Idylle bedrohen könnte. Wer darüber spricht, gilt schnell als Nestbeschmutzer:in. Der Verein Landgrazien will das ändern und kümmert sich häusliche Gewalt auf dem Land. Warum es hier besonders schwer sein kann, Frauen zu helfen und wie sie es trotzdem schafft, erzählt die Vereinsgründerin Miriam Peters. Ich freue mich sehr, dass sie heute bei uns ist.

[00:01:46.420] - Nadia Kailouli

Herzlich willkommen Miriam Peters bei einbiszwei. Hallo. Grüß dich. Du bist studierte Sozialpädagogin.

[00:01:53.210] - Miriam Peters

Sozialarbeiterin.

[00:01:53.880] - Nadia Kailouli

Ah, Sozialarbeiterin. Wie bist du auf die Idee gekommen zu sagen, ich gründe jetzt hier einen Verein?

[00:01:59.030] - Miriam Peters

Genau. Also ich komme ursprünglich aus dem Autonomen Frauenhaus in Lübeck und habe dort gearbeitet. Und da ist es aber so wie in vielen Frauenhäusern in Deutschland, die Ressourcen sind einfach knapp. Also es gibt keine Plätze, die Mitarbeiter:innen haben auch einfach keine Zeit mehr, sich um zusätzliche Sachen zu kümmern, weil auch da es einfach für weitere Mitarbeiter:innen kein Geld gibt und so weiter und so fort. Und wir waren halt deswegen immer gezwungen, Frauen abzuweisen und vor allem eben Frauen, die im Umkreis von Lübeck wohnen, hauptsächlich in den ländlichen Räumen. Und ich selber komme auch aus dem Kreisheizogtum Lauenburg. Das ist ein großer Flächenkreis in Schleswig-Holstein und es hat mich so gewurmt, dass da einfach nichts ist für die Frauen, die in den Dörfern wohnen. Und dann hat eine damalige Kollegin zu mir gesagt: "Okay, Miriam, guck doch einfach mal in Deutschland, was es so gibt für Frauen, die in den ländlichen Regionen leben. Schau dir mal Schleswig-Holstein genauer an, die Unterstützungsstrukturen, welche wir hier haben." Und ja, wie soll ich sagen, ich wurde einfach nicht fündig, weil es schlichtweg nichts gibt, ganz bundesweit, was speziell ausgerichtet ist für Frauen und Kinder, die von Gewalt betroffen sind und in den Dörfern wohnen.

[00:03:15.990] - Nadia Kailouli

Ich habe mich gerade gefragt, warum das auf dem Land anders zu sein scheint. Ist es so oder habe ich dich jetzt gerade falsch verstanden?

[00:03:24.300] - Miriam Peters

Ja, natürlich. Also erst mal, so ein Mythos gibt es ja auch oftmals so über ländliche Regionen, dass das Bullerbü-Leben ist und dass dort keine Angebote von Nöten sind. Das stimmt aber nicht. Also es wohnen nicht alle schlechte Menschen in der Stadt und alle Guten auf dem Dorf. Das stimmt einfach nicht. Dann kommt natürlich auch noch die Unterschiede hinzu von den Strukturen, von den Sozialstrukturen, von den Dynamiken. Es ist ein anderes Leben auf dem Dorf und in kleineren Gemeinden als in der Stadt. Es gibt kaum Anonymität. Es ist immer noch, umso kleiner die Gemeinden sind, dafür gibt es auch Studien, umso tradierter sind die Geschlechterrollen immer noch heutzutage auch. Und es ist auch ein Sozialgefüge, was oftmals vorschreibt, wie man zu sein hat. Und wenn man aus dieser Norm ausbricht, kann es eben auch sein, dass man einen Ausschluss von der Dorfgemeinde erfährt. Aber ein Dorfleben ist halt eben auch deswegen für viele attraktiv, wegen der fehlenden Anonymität, wegen dem Zusammenhalt, wegen der Dorfgemeinschaft. Wenn man dann aber dort lebt und der Norm nicht entspricht und kein Mitglied mehr dieser Gemeinschaft ist, ist es ein schwieriges Leben. Und das führt dazu, dass das Thema Partnerschaftsgewalt noch mehr tabuisiert wird als in der Stadt. Und dadurch wird der Eindruck erweckt, dass es das auch tatsächlich gar nicht auf dem Dorf gibt. Und als ich angefangen habe, in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen, über Partnerschaftsgewalt von Frauen, die in den ländlichen Regionen leben, kam immer als erstes die Antwort: "Warum auf dem Dorf? Da gibt es so was nicht. Das habe ich ja noch nie gehört." Man denkt so, wow, okay, nein, wir fangen hier ja wirklich gerade bei null an. Und ja, es gibt schon große Unterschiede. Und zusätzlich ist es halt eben auch noch, was man bedenken muss: Nicht jede Frau, die auf dem Dorf lebt, hat ein Auto und kann einfach so in die nächstgelegene Stadt fahren, um Beratung in Anspruch zu nehmen. Dazu kommt auch noch, dass okay, wenn man kein Auto hat, würden jetzt vielleicht manche sagen, dann nimm doch den Bus.

[00:05:38.500] - Nadia Kailouli

Ja, genau.

[00:05:39.560] - Miriam Peters

Ja, so, wenn zweimal am Tag ein Bus fährt und das ist auch noch der Schulbus, will man sich dann unbedingt in diesen Bus reinsetzen? So, und manchmal fährt er vielleicht auch hin, aber dann nicht wieder zurück, weil es ist ja schon zu spät. Und wenn man dann überlegt, man hat vielleicht als Frau auch noch zwei Kinder, wie will man das alles unter einen Hut bringen? Und dann noch eine andere Komponente ist, wenn man dann doch ein Auto hat, wird der Kilometerstand ganz oft auch vom Mann kontrolliert. Das heißt, Frau muss sich dafür rechtfertigen, wo sie mit dem Auto wann hinfährt. Wenn aber die nächste Beratungsstelle 30, 40 Kilometer entfernt ist, wenn man es hochrechnet 30 Kilometer hin, 30 Kilometer zurück, dann sind es auf einmal schon 60 Kilometer. Wie will man dem Kontrolletti gegenüber 60 Kilometer rechtfertigen? Und für viele Frauen bringt das in solche Ängste und Erklärungsnot, weil worüber wir halt sprechen, wenn Frau es nicht schafft, das zu rechtfertigen und eine plausible Erklärung für diese Wege dem Mann zu liefern, kann das eventuell auch wirklich Todesgefahr bedeuten.

[00:06:42.220] - Nadia Kailouli

Das sind jetzt Geschichten, die du erzählst, die du so auch erfahren hast von Frauen, die du getroffen hast?

[00:06:46.990] - Miriam Peters

Ja, genau. Und dann noch mal zurückkommen zu deiner Ursprungsfrage. Ja, das hat mich damals so gewurmt, dass es halt einfach nichts gibt. Habe ich dann selber das Konzept von den Landgrazien geschrieben und bin damit auf Trägersuche gegangen. Und wir haben tatsächlich keinen Träger gefunden und haben dann in der letzten Woche vor dem ersten großen Lockdown wegen Corona selber den Trägerverein gegründet.

[00:07:09.710] - Nadia Kailouli

Vielleicht erklären wir an dieser Stelle erst mal genau das Konzept von den Landgrazien.

[00:07:14.320] - Nadia Kailouli

Genau. Also das basiert auf zwei Säulen. Einmal die Gewalt Interventionsarbeit, das heißt, wenn gerade eine aktuelle Krise da ist und die Gewaltpräventionarbeit, um am besten Gewalt vorzubeugen. Die Gewaltinterventionsarbeit. Der Hauptschwerpunkt da, liegt bei uns auf der mobilen Beratung. Sprich wir haben einen Handwerkerbus, der von außen auch so aussieht wie ein Handwerkerbus, aber im hinteren Teil ist ein Büro reingebaut. Das heißt, wir können uns überall dort mit den Frauen treffen, wo sie sich gerade aufhalten, ohne dass es auffällt. Und wir sind natürlich dadurch auch vollkommen unabhängig von der vorhandenen Infrastruktur oder welche Gewaltdynamik gerade zu Hause herrscht oder auch unabhängig von dem Kontrolletti zu Hause, was ich ja gerade schon erzählt habe. Und der andere Schwerpunkt ist die Gewaltpräventionsarbeit, die wir so niedrigschwellig wie möglich versuchen zu halten. Und unser Schwerpunkt liegt hier auf der Social-Media-Arbeit.

[00:08:12.020] - Nadia Kailouli

Jetzt kommen wir noch mal erst mal zurück zum Handwerkerbus. Das ist natürlich eine super gewiefte und gute Idee, dass ihr ja sozusagen anonym mit dem, was ihr macht, euch überall hinstellen könnt und sagen könnt: "Okay, wir, wir können uns hier zurückziehen und keiner bekommt es mit." Aber ihr müsst ja irgendwie entscheiden wohin fahren wir jetzt? Die ländlichen Regionen in Schleswig-Holstein, in Norddeutschland, aber auch in Süddeutschland, egal wo, sind ja riesig. Und wie entscheidet ihr denn, wo ihr hinfahrt?

[00:08:39.270] - Miriam Peters

Also wir fahren nicht einfach so auf den blauen Dunst los. Frau muss sich vorher einmal bei uns gemeldet haben und dann vereinbaren wir einen Treffpunkt. Und dieser Treffpunkt ist oftmals da, wo Frau sich eh aufhält, sei es auf dem Parkplatz von der Schule, wenn sie gerade die Kinder abgibt oder vor dem Kindergarten. Was auch schon vorgekommen ist, dass wir uns auf dem Parkplatz vom Friedhof getroffen haben, was ich super makaber bei diesem Thema finde. Aber ja, es fällt halt auch nicht auf, weil Frau oftmals denn zur Grabpflege fährt und dann können wir uns da treffen.

[00:09:11.590] - Nadia Kailouli

Und das besprecht ihr sozusagen am Telefon: "Was wäre ein guter Treffpunkt? Wo fahren Sie heute Nachmittag eh hin?"

[00:09:17.430] - Miriam Peters

Richtig.

[00:09:17.880] - Nadia Kailouli

Aber bevor ihr hinfahrt, hast du ja gerade gesagt, muss man euch anrufen. Woher erfahren denn die Frauen überhaupt, dass es euch gibt, dass sie eure Beratung in Anspruch nehmen können?

[00:09:25.420] - Miriam Peters

Also man muss uns nicht anrufen. Es gibt mehrere Kanäle, um uns zu kontaktieren. Man kann uns auch wirklich über Social Media kontaktieren oder per E-Mail.

[00:09:33.390] - Nadia Kailouli

Aber man muss ja euch erst mal kennen. Man muss ja erst mal wissen, dass es euch gibt. Also ich wüsste jetzt nicht, wenn ich jetzt irgendwo keine Ahnung auf dem Dorf hänge und ich habe hier wirklich ein Problem zu Hause. Ich weiß ja gar nicht, dass es euch gibt, dass es dieses Angebot gibt.

[00:09:46.490] - Miriam Peters

Deswegen ja die massive Öffentlichkeitsarbeit, damit man von uns weiß. Und natürlich können wir noch mehr Öffentlichkeitsarbeit machen. Aber schon jetzt melden sich täglich zwei neue Frauen bei uns und wir schaffen die Anfragen kaum zu bewältigen. Das heißt, wir müssen jetzt schon ein bisschen auf die Bremse treten, weil sonst werden wir dem auch einfach nicht mehr gerecht.

[00:10:07.150] - Nadia Kailouli

Das klingt so ein bisschen wie ein A-Team auf Tour.

[00:10:10.720] - Miriam Peters

Ja, so fühlt man sich auch manchmal.

[00:10:12.410] - Nadia Kailouli

Ich habe die ganze Zeit das A-Team vor Augen, die auch immer hinten drin sitzen und ihre Pläne da schmieden und so. Vielleicht können wir kurz bei den Strukturen bleiben, weil das ist ja schon auch aufwendig. Das ist ja nicht einfach ein festgesetztes Büro, wo man klingeln kann. Man macht einen Termin, Arbeitszeiten von 8 bis 14 Uhr, Montag bis Dienstag oder so, sondern ihr müsst ja einen richtigen Tourplan dann machen, oder?

[00:10:33.970] - Miriam Peters

Manchmal.

[00:10:34.790] - Nadia Kailouli

Also wie organisiert ihr das?

[00:10:36.740] - Miriam Peters

Wir sind noch recht klein. Wir sind fünf Frauen bei uns im Team. Davon können aber nur zwei Frauen Beratung machen, weil wir tatsächlich chronisch unterfinanziert werden. Wir bekommen auch immer noch kein Geld von öffentlicher Hand. Wir finanzieren uns ausschließlich über Spenden und Stiftungsgelder. Wir haben einen Bus, den wir halt hin und her tauschen oder eventuell zusammen unterwegs sind. Kommt drauf an, wie die Arbeitszeiten so sind. Wir selber haben auch keine festen Öffnungszeiten, sondern wir richten uns ganz nach den Bedarfen der Frauen. Wir haben nur eine Wochenarbeitszeit und wir sind selbst dazu verpflichtet, diese so auszurichten, dass wir halt eben auch Beratungen ganz oft frühmorgens halt eben oder auch spät in den Abendstunden mit den Frauen machen können.

[00:11:20.120] - Nadia Kailouli

Wahnsinn. Vielleicht kannst du einmal erklären, wie das dann abläuft. Also jetzt hat euch eine Frau kontaktiert, die in einer ländlichen Region lebt und von Partnerschaftsgewalt erzählt. Was braucht diese Frau? Wie läuft das dann ab?

[00:11:35.090] - Miriam Peters

Ja, das ist immer unterschiedlich. Wir hatten das, also Extremsituation, wir hatten uns dann mit einer Frau verabredet und die stand dann tatsächlich an dem Treffpunkt schon mit Koffern da und sagt: "Ja, ich kann nicht wieder zurück." Und wir so: "Ja, okay, aber in unserem Handwerkerbus kannst du jetzt auch nicht pennen." Also das funktioniert jetzt auch nicht. Haben wir erst mal einen Frauenhausplatz gesucht und sind dann auch fündig geworden und haben das dann so geregelt. Also das ist eine extreme Situation. Meistens wollen die Frauen aber tatsächlich einfach nur reden. Sie brauchen Informationen. Sie sind sehr verloren. Sie wissen oftmals gar nicht von sich selber aus, ob es wirklich eine Gewaltbeziehung ist und wollen von uns die Bestätigung dafür haben, weil sie selber schon so verunsichert sind, durch auch oftmals ausgelöst durch die psychische Gewalt einfach. Diese Manipulationsspiralen, dass man auch den Frauen abspricht, dass sie recht haben mit dem, was sie sagen. Und irgendwann vertrauen sie sich selber gar nicht mehr. Dann spielt finanzielle Abhängigkeit immer wieder eine ganz große Rolle, also: "Was steht mir zu, wenn ich mich jetzt trenne? Wie kann ich mein Leben finanzieren? Und wie soll ich überhaupt einen Anwalt bezahlen?" Und so weiter und so fort. Das sind alles Fragen, die wir dann versuchen so gut wir können zu beantworten. Ja, und manchmal ist es auch wirklich einfach nur ein Gespräch in der Hoffnung, dass die Frauen hoffen, ihr Leid bei uns abladen zu können, was sie ja auch können. Und das dauert meistens so immer eine Stunde, manchmal kürzer, manchmal länger, je nachdem, wie Frau auch drauf ist und wie viel sie verträgt. Und dann verabreden wir meistens: "Hey, denk erst mal darüber nach, was wir gerade alles besprochen haben, lass das erst mal alles sacken." Und wenn wir Glück haben, meldet die Frau sich dann danach noch mal und sagt: "Okay, ich habe mir jetzt darüber Gedanken gemacht, ich möchte ABC machen..."

[00:13:28.980] - Nadia Kailouli

Was wäre ABC machen? Also was könnt ihr anbieten? Das eine ist ja, dass wahrscheinlich Frauen euch dann das erste Mal auch davon erzählen, was ihnen passiert zu Hause. Weil wie du es eingangs ja schon gesagt hast auf dem Land, ist halt Anonymität ist da ja nicht. Das heißt, wenn man es mal beim Bäcker der besten Freundin erzählt, dann hören gleich fünf Leute zu, die im Nachbarhaus irgendwie wohnen. Dementsprechend kann ich mir vorstellen, dass ihr dann die Ansprechpartnerinnen seid, die das das erste Mal auch erfahren, was da zu Hause los ist. Aber was könnt ihr darüber hinaus anbieten? Habt ihr Infobroschüren dabei? Arbeitet ihr zusammen mit Frauenhäusern? Gebt ihr Rechtsbeistand oder?

[00:14:05.900] - Miriam Peters

Genau. Wir sind natürlich gut vernetzt und wir können auch alles vermitteln, was Frau gerne möchte. Aber dem voraus ist ja immer erst mal, dass Frau die Entscheidung trifft, was sie überhaupt möchte. Also das wissen die meisten gar nicht, die zu uns kommen.

[00:14:19.280] - Nadia Kailouli

Ich wüsste es jetzt auch nicht.

[00:14:19.960] - Miriam Peters

So, und das ist so die Frage, die zentrale Frage, möchte ich mich trennen oder nicht?

[00:14:26.040] - Nadia Kailouli

Boah, ist das aber nicht krass, da sitzt man in einem Bus, hinten drin. Okay, eigentlich ja ganz, super cool. Und dann auf einmal kommt die Frage von jemandem, den man noch nie gesehen hat. Ich versuche mir das gerade vorzustellen, die Frage: "Was wollen Sie? Wollen Sie sich trennen? Wollen Sie ihn anzeigen? Wollen Sie eine Therapie gemeinsam machen? Lieben Sie ihn?" Also stellt man dann solche Fragen?

[00:14:44.790] - Miriam Peters

Manchmal.

[00:14:45.800] - Nadia Kailouli

Da geht man ja richtig in die Beziehung rein.

[00:14:48.380] - Miriam Peters

Hm.

[00:14:49.040] - Nadia Kailouli

Ja, krass.

[00:14:49.270] - Miriam Peters

Aber das ist so die Grundvoraussetzung für all das, was danach folgt. Wenn Frau sich eigentlich gar nicht trennen möchte, dann brauchen wir ja auch nicht über einen Frauenhausaufenthalt sprechen. Dann brauchen wir auch nicht darüber sprechen, ob wir zu Polizei gehen oder nicht, sondern dann ist eher so die Frage, okay, wir sind dafür da für Trennung, um Gewalt aufzulösen. Wir sind nicht dafür da, dass du...

[00:15:11.750] - Nadia Kailouli

Ihr macht keine Paarberatung?

[00:15:13.060] - Miriam Peters

Nein, nein, nein, da sind wir halt einfach die falschen Ansprechpartnerinnen. Natürlich können wir da auch vermitteln und Kontakte weiterreichen, wo sie hingehen können. Aber ganz oft ist es so, dass dieser Wunsch nach Paarberatung leider einseitig ist, und zwar auf der weiblichen Seite und Mann davon absolut gar nichts hält. Aber es ist natürlich auch ein Versuch wert und das haben wir auch zu akzeptieren, weil unser Grundpfeiler unserer Arbeit ist immer die Wahrung der Selbstbestimmung der Frau. Und zum Beispiel hatten wir auch mal eine Frau, die ist zu uns gekommen und sie hat halt eben auch von körperlicher und sexueller Misshandlung vom Mann berichtet und hatte sich dann informiert, was ihr alles finanziell zustehen würde nach einer Trennung. Und sie selber hat halt einen großen Landwirt geheiratet. Das ist auch noch eine junge Frau, der auch eine große gesellschaftliche Stellung innehat, so, und sie dadurch auch, weil sie ist halt die Frau. Und genießt deswegen auch in der Gemeinschaft großes Ansehen. Und sie war so erschrocken davon, dass sie auch finanziell so wenig zustehen würde nach einer Trennung, dass sie gesagt hat, nein, das möchte sie nicht. Sie möchte das alles behalten und dafür lässt sie sich halt einmal im Monat vermöbeln von ihm. Das war ihre Entscheidung, die sie getroffen hat. Und das können wir persönlich blöd finden. Aber professionell gesehen ist es einfach ihre Entscheidung und ihr Leben. Und da haben wir nichts weiter drüber zu bewerten oder zu urteilen.

[00:16:42.230] - Nadia Kailouli

Ja, machen jetzt wahrscheinlich ganz viele andere, die das hören. Aber ich finde es gut, dass du jetzt auch mal so ein Beispiel eben genannt hast. Wenn man über Partnerschaftsgewalt hört, dann hat man oft einfach so vermittelt bekommen von Filmen und so, dass das ja immer alles, das sind ja alles Alkoholiker und Arbeitslose und sowieso finanziell total am Ende. Und dann passiert da natürlich auch Gewalt. Du sprichst jetzt gerade eben von einem Beispiel von einem hoch anerkannten Landwirt, der da sein Prestige-Leben nach außen hin total feiert und bei den geschlossenen Türen eben seine Frau schlägt, dass man einfach damit klarmacht Partnerschaftsgewalt gibt es eben überall. Und man weiß nicht bei wem wo was zu Hause los ist.

[00:17:25.340] - Miriam Peters

Genau. Und es wird ja immer so gesagt: "Jede dritte Frau ist mindestens einmal in ihrem Leben davon betroffen." Da gibt es ja auch so Statistiken. Ja, das stimmt auch. Aber im Umkehrschluss heißt es auch, dass nicht nur die Opfer überall sind, sondern auch die Täter. Sondern dass die Täter wirklich es auch in jedem Schichten mit jedem Bildungsgrad und so weiter gibt.

[00:17:43.960] - Miriam Peters

Ja, jetzt gehen wir mal zurück in den Bus. Angenommen, wir hätten da jetzt eine Frau sitzen, das hattet ihr bestimmt schon öfter, die sagt: "Ich möchte mich trennen. Ich will eigentlich jetzt schon nicht mehr dahin." Hattest du eben das Beispiel mit der Frau mit dem Koffer. Jetzt habt ihr ja nicht die ganze Nacht Zeit und könnt die Frau ja jetzt nur nicht mitnehmen, sondern ihr beratet dann einfach nur und dann gebt ihr ihr irgendwas an die Hand.

[00:18:06.870] - Miriam Peters

Nee, wenn es sein muss, :ehmen wir sie auch mit. Wenn wir keinen Frauenhausplatz finden, dann haben wir tolle Vereinsmitglieder:innen und ein gutes Netzwerk und organisieren halt erst mal eine Ferienwohnung, wo sie undercover erst mal unterkommt. Wir lassen sie doch nicht wieder...

[00:18:19.190] - Nadia Kailouli

Ihr lasst sie nicht zurückgehen, wenn sie sagt: "Ich kann da nicht zurück"?

[00:18:22.410] - Miriam Peters

Nein, würden wir niemals machen.

[00:18:23.700] - Nadia Kailouli

Das ist ja schon fast Aktivismus, oder?

[00:18:26.260] - Miriam Peters

Ja.

[00:18:27.300] - Nadia Kailouli

Ja, cool.

[00:18:27.660] - Miriam Peters

Deswegen sind wir auch bei der Politik nicht unbedingt so beliebt. Also wir sprechen halt...

[00:18:33.230] - Nadia Kailouli

Wer will das schon? Nein, quatsch.

[00:18:33.480] - Miriam Peters

Nein, nein, aber wir sprechen halt auch schon Sachen an, die ziemlich unbequem sein können. So, und hinterfragen auch Strukturen, die vorherrschen und sagen auch: "Leute, wie kann es denn sein, dass wir halt nachts irgendwo mit einer Frau sitzen und wir bekommen die in keinem Frauenhaus unter, weil es einfach keine Plätze gibt?" Also ich meine, dass das in so einem reichen Land wie Deutschland kann das doch einfach gar nicht sein.

[00:18:56.260] - Nadia Kailouli

Ja, ist aber so. Gerade halt eben, wie viele Frauen stehen vor Türen und die sagen, wir haben heute einfach, wir haben keinen Platz. Und dann gibt es ja auch die Frauen, die die Kinder noch dabei haben. Die wollen ja ihre kleinen Kinder dann auch nicht alleine bei dem gewalttätigen Partner lassen. Und da sprichst du halt ein Problem an, das einfach genauso existiert. Jetzt denke ich mir gerade okay, ihr seid ja mit dafür verantwortlich, dass es die Frau dann rausschafft zum Glück.

[00:19:23.330] - Miriam Peters

Nein. Die Verantwortung trägt ganz allein die Frau. Wir sind nur unterstützend zur Seite.

[00:19:29.170] - Nadia Kailouli

Okay, gut, diese Korrektur gestehe ich dir ein. Aber am Ende, dank euch hat es dann die Frau mitunter da raus geschafft. Und der Mann sitzt dann da zu Hause und denkt sich: "Sag mal, wollt ihr mich komplett flachsen hier eigentlich? Ich will, dass meine Frau zurückkommt und ich möchte, dass ihr hier aus meinem Dorf rausgeht, aber avanti jetzt!"

[00:19:48.570] - Miriam Peters

Ja.

[00:19:49.180] - Nadia Kailouli

Ist das schon passiert, dass da jemand am Bus geklopft hat und gesagt hat: "Jjetzt ist hier Feierabend"?

[00:19:53.060] - Miriam Peters

Nee, am Bus nicht. Weil wir auch regelmäßig die Beschriftung ändern.

[00:19:57.580] - Nadia Kailouli

Ja, das wollte ich nämlich fragen.

[00:19:58.820] - Miriam Peters

Und wir haben auch schon mal ein Nummernschild ändern müssen.

[00:20:01.570] - Nadia Kailouli

Ja, krass.

[00:20:02.280] - Miriam Peters

Doch, aber es sind eher so persönliche Angriffe. Dann gehe ich selber zum Einkaufen mit meinen Kindern und dann kommt da irgend so ein Heini um die Ecke und meint: "Hey, sie sind ja die, sie mischen ja hier die ganzen Frauen auf!", Und, "Was soll denn das?" Und hier und da, wo ich auch so dachte, so okay. Fühlst du dich gerade vielleicht persönlich ein bisschen angegriffen? Kann das sein? Aber ja, das passiert.

[00:20:24.360] - Nadia Kailouli

Okay. Aber stehst du drüber?

[00:20:27.050] - Miriam Peters

Ja.

[00:20:27.640] - Nadia Kailouli

Und hast du Angst zwischendrin?

[00:20:29.870] - Miriam Peters

Manchmal.

[00:20:30.600] - Nadia Kailouli

Krass.

[00:20:31.140] - Miriam Peters

Manchmal habe ich Angst. So bei Flüchten tatsächlich. Manchmal ist es auch so, dass wir...

[00:20:36.760] - Nadia Kailouli

Bei Flüchten heißt, wenn ihr der Frau hilft zu flüchten tatsächlich?

[00:20:40.210] - Miriam Peters

Ja, genau da hatten wir uns mit einer Frau dann halt eben verabredet und sie hat da auch schon einen Koffer gepackt und wir hatten auch schon einen Frauenhausplatz organisiert und haben sie dann halt unterstützt, weil sie da nicht weggekommen ist und haben uns dann halt dort getroffen und dann schnellstmöglich ins Auto rein. Sie hatte auch ein Kind dabei und halt nur die notwendigsten Sachen, weil sie kann ja auch nicht irgendwie ein Hausrat mitnehmen, sondern wirklich irgendwie ein, zwei Koffer, schnell alles ins Auto und los. Und dann sind wir über die Autobahn gefahren und auf einmal war der Täter im Auto neben uns, ist so dann über die Autobahn gefahren. Und sie sagt nur: „Ey, das ist mein Kerl." Und ich gucke so aus dem Fenster und dachte, ich war noch mit einer Kollegin am Auto und ich dachte so: „Alter Scheiße." Und wir sind dann erst mal bei der nächsten Abfahrt runtergefahren und dann zur Polizei eben und haben dann erst mal gewartet. Aber da hatte ich echt Schiss. Das war echt spooky.

[00:21:25.950] - Nadia Kailouli

Oh Mann. Ja, man weiß ja nicht, wenn man zu Gewalt neigt oder schon Gewalt angewendet hat in so einer Situation, weiß man halt nie, wie der Mann dann in dem Fall reagiert. Und für alle, die jetzt denken "Oh, jetzt haten die da so über die Typen wieder ab." Also wir verallgemeinern hier nichts. Wir sprechen über ganz konkrete Fälle, ja, wo der Mann Gewalt gegenüber seiner Partnerin oder den Kindern angewendet hat. Also alle ruhig bleiben. Ja, wir sprechen nicht im Allgemeinen über den Mann. Das muss man ja leider immer noch mal dazu sagen.

[00:21:59.910] - Miriam Peters

Also ja, ich bin auch verheiratet. Ich habe auch zwei Kinder. Ich mag tatsächlich auch Männer, etwas mehr auch.

[00:22:05.980] - Nadia Kailouli

Wir lieben euch am Ende des Tages.

[00:22:09.100] - Miriam Peters

Aber wie auch bei Frauen gibt es von allen etwas und wir haben uns einfach auf Frauen und Kinder spezialisiert. Und ich vergleiche das auch immer so ein bisschen. Wir sind halt eben auch kein Ein-Euro-Laden, wo es alles gibt. Es gibt auch Männerberatungsstellen und es gibt auch Opfer von Männern und es gibt auch super tolle Täterberatungen und so weiter und so fort. Wir selber haben uns einfach nur darauf spezialisiert.

[00:22:31.490] - Nadia Kailouli

Ja, und es ist ja ein riesen Bedarf da. Du hast es ja am Anfang schon gesagt. Also ihr kommt eigentlich fast schon gar nicht mehr hinterher, alle Anfragen anzunehmen und zu bearbeiten. Wenn wir das jetzt mal im sachlichen Kontext besprechen wollen. Das spricht sich dann wahrscheinlich auch rum. Also die mediale Aufmerksamkeit natürlich. Du wurdest auch schon von einem Kamerateam begleitet, dann bekommst du einen Preis und dann natürlich auch, dass die Frauen das auch teilen. Die Frauenhäuser wissen Bescheid, betroffene Frauen wissen Bescheid. Und dann ja, in dem ländlichen Raum ist ja dann Mund zu Mund Propaganda das Werbemittel schlechthin. Dementsprechend weiß man ja dann auch von euch und traut sich dann auch eher euch zu kontaktieren. Aber was ist denn die Lösung, wenn du jetzt sagst: "Krass, da ist so ein großer... Also alleine wir als nicht geförderte Verein des Staates bekommen mit, wie viel Bedarf da ist, dass Frauen aus diesen Gewaltzuständen rauskommen wollen und auch ja müssen. Was sollen wir denn machen, wenn wir da nicht hinterherkommen?"

[00:23:32.450] - Miriam Peters

Ja, jetzt will wahrscheinlich jeder irgendwie erwartet wieder, dass ich die tolle Lösung habe. Aber für unsere Generation ist der Drops gelutscht. Jetzt hier selber können wir immer nur wieder Frauen empowern und sagen: "Hey, verlass die Kerle so schnell wie möglich, fallt nicht drauf ein." Aber um das nachhaltig zu verändern, müssen wir in die Kindergärten. Schon dort müssen wir rein und über Geschlechterrollen sprechen, über Gewalt sprechen, dass es nicht cool ist als Junge immer so ein Raufbold zu sein. Und was sich liebt, das neckt sich, ist auch einfach ein Scheiß Spruch, der nicht stimmt. Jetzt habe ich hier "scheiß" gesagt...

[00:24:07.280] - Nadia Kailouli

Bitte. Also ich sage es auch noch mal, ein Scheiß Spruch.

[00:24:09.950] - Miriam Peters

Ja, genau. Also dass wir das halt eben da aufräumen. Aber was wir dafür brauchen, ist halt Personal.

[00:24:18.110] - Nadia Kailouli

Ja, aber es ist auch so krass. Ich meine, wir haben, weiß ich nicht, wenn ich daran denke, wenn ich als Kind irgendwie zu Hause mit meinen Eltern Fernsehen geguckt habe. Also in jedem dritten ZDF Film oder so lief dann die Ohrfeige. Ja, also das war so ein ganz normales Erzählmittel irgendwie, dass der Mann die Frau schlägt zum Beispiel. Und da ging es dann nicht unbedingt darum zu sagen, das ist ein No-Go, sondern einfach nur so okay, da ist Streit in der Familie und dies das. So, das ist jetzt aber auch schon, ich verrat mein Alter nicht, ist jetzt ein paar Jahre her. So, aber wenn wir gucken, dass ja Partnerschaftsgewalt immer noch so ein krasses Thema ist, obwohl wir meinen, wir sind gleichberechtigt, man kommuniziert viel mehr miteinander, dies, das, trallala. Es ist einfach noch ein scheiß Problem tatsächlich in unserer Gesellschaft, dass Typen dazu neigen, ja, Gewalt anzuwenden, um ihre Macht gegenüber der Partnerin zu zeigen.

[00:25:12.640] - Miriam Peters

Ja, und es ist gerade auch wieder rückläufig. Immer mehr Männer sehen Gewalt gegenüber Frauen als akzeptiertes Mittel an, wünschen sich auch immer mehr die tradierten Rollenverständnisse zurück. Also das ist gerade nicht "Wir sind gleichberechtigt", sondern gefühlt befinden wir uns wieder in den 50er Jahren. Und auch, das merken wir auch einfach in unserer Arbeit. Es wird immer schlimmer und wieder immer mehr.

[00:25:38.380] - Nadia Kailouli

Hast du oder habt ihr für euch eine Antwort gefunden, woran das liegen könnte?

[00:25:42.750] - Miriam Peters

Ich für mich selber, das ist jetzt eine persönliche Einschätzung, finde das liegt auch einfach an diesen ganzen Überlastungen, die wir mit uns tragen. Also die ganzen Krisen, die Weltkrisen. Also ich meine, wann fing Corona an? Vor drei, dreieinhalb Jahren irgendwie. Seitdem befindet sich unsere Welt ja in einer Dauerkrise, immer abgelöst von der nächsten. Dann gibt es einen enormen Rechtsruck und Rechtsruck heißt "Frau an Herd", der auch einfach mitten durch die Gesellschaft geht. Und das alles in Kombination und auch die Überlastung der Frauen. Also es wünschen sich ja auch mittlerweile viele Frauen wieder zurück an den Herd, weil sie einfach so extrem überlastet sind. Überlastet sind, die arbeiten vielleicht 30 Stunden, haben noch zwei Kinder. Der Mann hilft gar nicht zu Hause. Die kümmern sich dann um den ganzen Haushalt und alles, was da dran hängt. Dann pflegen sie vielleicht auch noch ihre Eltern oder Schwiegereltern. Die sind so massiv überlastet, dass sie sagen: "Ganz ehrlich, dann ist mir doch diese scheiß finanzielle Unabhängigkeit egal. Dann mache ich eben das hier zu Hause. Aber ich bin wieder ich."

[00:26:47.600] - Nadia Kailouli

Scheiße ist das.

[00:26:48.680] - Miriam Peters

Total scheiße.

[00:26:49.420] - Nadia Kailouli

Ja, ich denke gerade auch wieder an meinen Gast von einbiszwei, der mir immer wieder hochkommt, ist Helma Sick. Es passt auf so viel. Helma Sick ist eine ältere Frau, die selbst Missbrauch erlebt hat und dann irgendwann einen Verein gegründet hat, Frauen in die finanzielle Unabhängigkeit zu trainieren, zu sensibilisieren. Und weil das dann eben so ein krasses Mittel ist, du hast es ja eben auch schon gesagt, die eine Frau, die sagt: "Moment mal, wenn ich den jetzt verlasse, dann habe ich gar nichts. Dann eehört mir hier nämlich nichts. Und dann soll er mir halt ab und zu eine mitgeben, mein Gott, aber sonst stehe ich ohne nichts da." Und Helma Sick hat da auch immer gesagt: "Frauen, bitte seid finanziell unabhängig!" Weil eben Geld auch so ein Mittel ist, das einen in gewaltvollen Beziehungen hält am Ende.

[00:27:34.610] - Miriam Peters

Ja, es ist ein Machtmittel. Es ist ein gutes Mittel, um die Macht aufrechtzuerhalten. Ja, also das heißt natürlich nicht, dass Frauen, die Geld haben, nicht auch von Gewalt betroffen sind. Aber sie könnten sich schneller lösen, weil sie einfach die finanziellen Mittel dafür haben.

[00:27:52.980] - Nadia Kailouli

Eben und nicht komplett eben auf der Straße in dem Sinne landen.

[00:27:55.710] - Miriam Peters

Genau, weil das muss man sich auch mal bewusst werden. Viele Frauen, die vor der Entscheidung stehen, ob sie den gewalttätigen Partner verlassen oder nicht, treffen eine Entscheidung zwischen Gewalt und Armut. Und beides ist wirklich schlimm. Und beides hat akute Folgen. Beides hat auch Spätfolgen. Alles hat Folgen für die Kinder. Auch in Armut aufzuwachsen hat auch Spätfolgen, die Kinder dann auch im erwachsenen Alter oftmals mit sich tragen und lernen müssen, damit irgendwie umzugehen oder halt es eben auch nicht lernen. Und genauso hat Gewalt auch Folgen. Und ja, diese Entscheidung ist zwischen Pest und Cholera.

[00:28:41.430] - Nadia Kailouli

Jetzt stehen wir sozusagen kurz vor der Weihnachtszeit, ja, die besinnliche Zeit. Du hattest aber gesagt, dass genau diese Zeit mit die schlimmste ist. Warum?

[00:28:52.440] - Miriam Peters

Es ist sehr viel zu Hause aufeinander hocken. Ich meine, es gibt ja auch so Heiligabend, erster Weihnachtstag, zweiter Weihnachtstag, wo es vielleicht auch mal ganz, alle Geschäfte zu haben und alle Beratungsstellen. Dann ist es auch so, dass dort auch noch mehr Alkohol fließt. Das ist auch mit einem gewissen gesellschaftlichen Druck verbunden. Also das ist, zu Hause muss es ja schön sein. Zu Hause muss es Geschenke geben und vielleicht hat man gar nicht die finanziellen Ressourcen so viel einzukaufen oder dem Weihnachtsmann zu geben, dass der was tolles bringt. Und ja, das ist halt keine besinnliche Zeit für viele, viele Menschen.

[00:29:37.950] - Nadia Kailouli

Jetzt gibt es Landgrazien ja nur in einer Region von Deutschland. Vielleicht hören jetzt viele zu und sagen "Oh, das will ich auch in meinem Ort aufbauen." Kann man das?

[00:29:47.050] - Miriam Peters

Ja, meldet euch gerne. Das bauen wir zusammen auf. Das kriegen wir hin. Meldet euch. Wir unterstützen euch dabei sehr gerne.

[00:29:54.040] - Nadia Kailouli

Und all die, die die ein bisschen finanzielle Mittel haben, ja, können ja ein bisschen Kohle locker machen und die Landgrazien unterstützen. Miriam, ich danke dir sehr, dass du uns heute einen Einblick gegeben hast in die Landgrazien. Wahnsinns Projekt. Ich finde es richtig gut. Ich habe da sogar, ich habe selten Bock bei irgendwas mitzumischen, aber das finde ich echt eine gute Sache. Vielen Dank Miriam Peters

.

[00:30:16.680] - Miriam Peters

Ja, danke für die Einladung.

[00:30:21.860] - Nadia Kailouli

Oh man, die war ja on fire, die Miriam. Das muss man mal sagen. Hat das Spaß gemacht mit der zu reden. Und ich finde dieses Projekt wirklich so mega, mega, mega, mega, mega, mega, mega gut. Deswegen hier noch mal ein Shout-Out an all die Leute, die sagen "Das möchte ich gerne finanziell unterstützen!" Das Ganze heißt Landgrazien, also Do it! Und noch mal der Hinweis, Helma Sick, hört euch bitte diese Folge an!

[00:30:47.280] - Nadia Kailouli

An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich mal bei euch bedanken, dass ihr uns so treu zuhört und dass ihr auch bei schwierigen Themen dranbleibt. Wenn ihr wollt, dann folgt uns doch gerne, abonniert unseren Kanal und wenn ihr uns persönlich einmal schreiben wollt, dann könnt ihr das natürlich sehr gerne tun. Eine E-Mail könnt ihr einfach schreiben an presse@ubskm.bund.de.

Mehr Infos zur Folge

Die Vorstellung von der friedlichen Idylle auf dem Land ist natürlich ein Mythos. Denn auch auf dem Land finden Partnerschaftsgewalt und Misshandlung hinter zugezogenen Gardinen statt – auch dort gibt es häufig Gewalt gegen Frauen. Und auf dem Land ist es für Betroffene oft viel schwieriger, Hilfe zu finden.

Die nächste Beratungsstelle ist mitunter weit entfernt. Und Frauen, die Partnerschaftsgewalt öffentlich machen, droht oft der Ausschluss aus der Gemeinschaft. Das hindert viele Frauen, sich Hilfe zu suchen.

Der Verein „Landgrazien" will das ändern und kümmert sich um häusliche Gewalt auf dem Land.

Etwa ein Viertel der Frauen, die sich an die Landgrazien wenden, sind unter 18. Oft erleben sie schon in der ersten Beziehung Gewalt – und werden nicht ernstgenommen, wenn sie von diesen Erfahrungen berichten: Schnell wird das, was sie in der ersten Beziehung erleben, als „Kinderkram“ abgetan.

Miriam erzählt von einem Fall: Das Mädchen war mit dem Sohn des Bürgermeisters zusammen. Er war gewalttätig und sie hatte große Angst, ihre soziale Stellung zu verlieren, wenn sie erzählt, was wirklich passiert ist.

LINKSAMMLUNG:

Website der Landgrazien:
Land-Grazien.de

Die Landgrazien auf Instagram
@land_grazien

Artikel und Interview mit Miriam (12/2021)
Gewalt gegen Frauen auf dem Land: "Hier ist gar nichts gut"

RTL-Beitrag / Stern TV Spezial:
“Kein Opfer mehr! Flucht aus der Beziehungshölle” (10/2023)

Brigitte Interview mit Miriam (10/2023)
Häusliche Gewalt | "Sie wurde vergewaltigt und kam deshalb zu spät"

einbiszwei – der Podcast über sexuelle Gewalt

einbiszwei ist der Podcast über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt. einbiszwei? Ja genau – statistisch gesehen gibt es in jeder Schulklasse in Deutschland ein bis zwei Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Eine unglaublich hohe Zahl also. Bei einbiszwei spricht Gastgeberin Nadia Kailouli mit Kinderschutzexpert:innen, Fahnder:innen, Journalist:innen oder Menschen, die selbst betroffen sind, über persönliche Geschichten und darüber, was getan werden muss damit sich was ändert. Jeden Freitag eine neue Folge einbiszwei – überall, wo es Podcasts gibt. Schön, dass du uns zuhörst.

Wenn Sie Fragen oder Ideen zu einbiszwei haben:

einbiszwei@ubskm.bund.de