Berlin, 30.07.2026. Engagierte Fachpraxis, spezialisierte Beratungsangebote – und zugleich offene Fragen bei der strukturellen Verankerung von Aufarbeitung und Betroffenenbeteiligung: Kerstin Claus' dreitägige Bayernreise führte sie durch ein dichtes und thematisch breites Programm. Die Missbrauchsbeauftragte traf sich u. a. mit Staatsministerin Ulrike Scharf, besuchte Beratungsstellen und tauschte sich mit Fachkräften aus Jugendarbeit und Medienpädagogik aus. Ziel der Ländertour ist es, den Dialog mit den Bundesländern zu intensivieren, gute Praxis sichtbar zu machen und gemeinsam Lücken beim Schutz von Kindern und Jugendlichen zu identifizieren.
Kerstin Claus: „Kinderschutz gelingt nur dort, wo er gelebt wird: in den Kommunen, in den Vereinen, in den Schulen. Besonders die Stimmen der Jugendlichen müssen wir hören und stärken – doch genau sie übersehen wir viel zu oft. In Bayern begegnet mir eine starke Fachpraxis – von spezialisierter Fachberatung für männliche Betroffene bis hin zu innovativen Ansätzen wie Digital Streetwork, das Jugendliche dort erreicht, wo sie wirklich sind. Doch Aufarbeitung braucht mehr als Beratungsangebote. Betroffene müssen strukturell beteiligt werden – nicht nur angehört. Dafür braucht es in Bayern analoge Strukturen wie auf Bundesebene.“
Petition und Aufarbeitungsstrukturen
Den Auftakt der Reise bildete ein Gespräch mit den Initiator:innen der Landtagspetition „Gewalt an Kindern und Jugendlichen entschlossen entgegentreten". Die Petition fordert – analog zur Bundesebene – eine unabhängige Aufarbeitungskommission, eine:n Landesbeauftragte:n sowie einen Betroffenenrat für Bayern. Claus würdigte das Engagement der Petent:innen ausdrücklich: Die Petition habe das Thema Aufarbeitung auf die Tagesordnung des Landtags gehoben – das sei ein Erfolg der Betroffenen selbst.
Am Folgetag traf Claus Staatsministerin Ulrike Scharf im Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales. Im Gespräch ging es um die Umsetzung von Regelungen in Folge des UBSKM-Gesetzes auf Landesebene, die Verzahnung bundesweiter Präventionsangebote mit bayerischen Strukturen sowie die Frage, wie Betroffene in Bayern künftig stärker und verbindlicher beteiligt werden können. Claus begrüßte die für 2026 angekündigten Vorhaben – eine zentrale Bayerische Kinderschutz-Hotline und eine landesweite Ombudsstelle beim Bayerischen Landesjugendamt – und machte zugleich deutlich: Bestehende Anlaufstellen sind wertvoll, ersetzen aber keine unabhängige Aufarbeitungskommission mit eigenem Aktenzugang.
Prävention und Schutz in der Jugendarbeit
Beim Bayerischen Jugendring sprach Claus mit dem Team von Prätect, der Fachberatung zur Prävention sexualisierter Gewalt in der Kinder- und Jugendarbeit. Besonders diskutiert wurde das Spannungsfeld zwischen dem Schutz junger Menschen und ihrer sexuellen Selbstbestimmung: Prävention müsse Jugendliche als Handelnde ernst nehmen und Gleichaltrige gezielt adressieren, da die Peergroup im Jugendalter der häufigste Kontext sexualisierter Gewalt sei. Im Mittelpunkt stand auch die Frage, wie Schutzkonzepte die ehrenamtlich getragene Verbandsarbeit erreichen – jenseits von Papier und Selbstverpflichtung.
Digitale Räume und aufsuchende Jugendarbeit
Beim JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis stand Digital Streetwork im Fokus: ein aufsuchendes, themenoffenes Online-Beratungsangebot für junge Menschen von 14 bis 27 Jahren, das seit 2021 in Bayern erprobt wird. Fachkräfte gehen aktiv dorthin, wo Jugendliche sich online bewegen, bieten vertrauliche Gespräche an und vermitteln bei Bedarf in weiterführende Angebote. Claus zeigte sich beeindruckt von dem Ansatz: Digitale Räume seien für viele Jugendliche der erste Ort, an dem sie über Belastungen sprechen – oft bevor sie sich an das reguläre Hilfesystem wenden. Das Gespräch berührte auch die Schnittstellen zwischen sexualisierter Gewalt, Sextortion (Erpressung mit intimen Bildern und Videos) und Radikalisierung in Online-Communities sowie die Frage, welche Qualifizierung Fachkräfte brauchen, um Hinweise auf sexualisierte Gewalt online sicher zu erkennen.
Spezialisierte Beratung und kommunale Aufarbeitung
Den Abschluss der Reise bildeten zwei Angebote des KINDERSCHUTZ MÜNCHEN: KIBS berät als eine der wenigen spezialisierten Beratungsstellen bundesweit Jungen und junge Männer bis 27 Jahre bei sexualisierter und/oder häuslicher Gewalt. Claus betonte: „Etwa ein Drittel der Betroffenen sexualisierter Gewalt ist männlich – spezialisierte Angebote für diese Gruppe sind bundesweit weiterhin die Ausnahme.“ Beim Besuch der Anlaufstelle für Betroffene der Aufarbeitung Heimerziehung in der Landeshauptstadt München – mit unabhängiger Expertenkommission, Betroffenenbeirat und Anerkennungsleistungen – würdigte Claus das Münchner Modell als wichtigen Referenzpunkt für die Debatte um Landesstrukturen in Bayern ebenso wie für die Zukunft des bundesweiten Fonds Sexueller Missbrauch.“
Nächste Stationen der Ländertour
Nach Rheinland-Pfalz (März 2026), Nordrhein-Westfalen (April 2026), Baden-Württemberg (Juli 2026) und Bayern folgt als nächste Station Thüringen (27.–29. August 2026). Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sollen ebenfalls in diesem Jahr besucht werden.
Hintergrund
In 2026 gibt es fünf Landtagswahlen – eine Chance, den Kinder- und Jugendschutz in der Landespolitik nachhaltig zu verankern. Gleichzeitig sieht das im Juli 2025 in Kraft getretene „Gesetz zur Stärkung der Strukturen gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ vor, dass die Bundesbeauftragte dem Parlament regelmäßig einen Bericht vorlegt, auch zur Situation in den Ländern. Hierfür sind der Austausch und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Ländern eine wichtige Grundlage. Oberste Priorität der Arbeit der Bundesbeauftragten ist es: Den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt flächendeckend zu stärken. Ein erster Bericht soll im Herbst 2026 dem Parlament übergeben werden.
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